
Wahrheit und Dichtung
Der Schauspieler Maximilian Brückner lässt zusammen mit den Riederinger Musikanten die Geschichte des Mathias Kneißl aufleben. Foto: Andreas Wolkenstein
Wahrheit und Dichtung im Seeforum Rottach-Egern
Mathias Kneißl ist eine Figur, die schon zu Lebzeiten als Freiheitskämpfer stilisiert wurde. Schauspieler Maximilian Brückner und die Riederinger Musikanten lassen den 1902 hingerichteten Räuber Kneißl aufleben und entreißen ihn dabei einer einseitigen Interpretation.
Räuberei und bittere Armut
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass am Tegernsee – der als Refugium der Reichen und Mächtigen gilt – das Leben des Mathias Kneißl (1875-1902) zur Aufführung kommt. Der als Räuber Kneißl bekannte und zum Robin Hood stilisierte Schachermüller Hias (benannt nach der Schachermühle bei Sulzemoos, die die Familie ab 1886 bewirtschaftete) hat sich, so will es der Volksmund, stets gegen Obrigkeit, Macht und Staatsgewalt aufgelehnt. Auf seiner Flucht vor den Gendarmen, die ihn wegen verschiedener Vorwürfe – von Raub und räuberischer Erpressung bis hin zu Mord und versuchtem Totschlag – suchten, bekam er die Unterstützung der bäuerlichen Bevölkerung zwischen München und Augsburg, die Ende des 19. Jahrhunderts in bitterer Armut lebte.
Schon zu Lebzeiten begann die Verklärung des Räubers in Liedern, Gedichten und Sagen, den die wirtschaftlichen Umstände und eine erste Zeit im Gefängnis (1893-1899) in die Fänge des Staates und letztlich in den Tod führten. Als ehemaliger Häftling und somit als „Zuchthauspflanze“ fand er nach der ersten Haft keinen Anschluss mehr an die Gesellschaft und musste seinen Lebensunterhalt durch Raub und Diebstahl sichern. Das und weniger ein in der Volksseele verortetes Freiheitsstreben machen aus Menschen wie Mathias Kneißl Kämpfer gegen die Obrigkeit.
Musikalische Lesung mit Maximilian Brückner
Auch davon berichtet das Bühnenstück, das nun im Rottach-Egerner Seeforum von Schauspieler Maximilian Brückner und den Riederinger Musikanten aufgeführt wurde. Als musikalische Lesung angekündigt entpuppt sich das Stück schnell als veritables Theaterstück, denn Schauspieler und Musikanten bringen die Figur des Räubers Kneißl derart lebendig auf die Bühne, dass die Zuschauer in die raue, gewaltvolle und arme Welt des 19. Jahrhunderts regelrecht mitgenommen werden. Dann etwa, wenn die Figur des Räubers mit seiner Lebensgefährtin davon träumt, nach Amerika auszuwandern. Oder wenn er beklagt, dass er als ehemaliger Häftling keine Chance auf Resozialisierung, wie wir es heute nennen würden, hat.
Mit einer theater-gleichen Lesung aus historischen Quellen und literarischen Werken über den Räuber gelingt es Maximilian Brückner, die so sehr stilisierte Figur dem reinen Brauchtumsblick zu entreißen. Vielleicht nicht im Vordergrund, doch aber im Zentrum stehen Fragen nach sozialer und historischer Gerechtigkeit, nach der Erklärbarkeit und letztlich Entschuldbarkeit von Verbrechen, nach einer angemessenen Einordnung des Räubers Kneißl.

Zeigen großen schauspielerischen und musikalischen Einsatz: Maximilian Brückner und die Riederinger Musikanten. Foto: Andreas Wolkenstein
Zwischen Wahrheit und Fiktion
Die Mischung aus historischer Verortung und literarischer Verarbeitung, bei der Wahrheit und Fiktion nicht immer leicht zu trennen sind, entspricht der Art und Weise, wie sich Mathias Kneißl in das kollektive bayrische Gedächtnis eingebrannt hat. Bekannt ist sein Ausspruch „De Woch fangt scho guad o, heit wird i g‘köpft“ – der Legende nach gesagt zu Beginn der Woche, in der er den Tod finden sollte, nachdem sein Gnadengesuch bei Prinzregent Luitpold abgelehnt worden war. Dass Mathias Kneißl an einem Freitag geköpft wurde, ist da nicht wirklich relevant. Schon zu Lebzeiten erfanden die Bauern zwischen München und Augsburg Legenden, Hymnen und Sagen über Kneißl, bei denen dem Unterschied zwischen Wahrheit und Fiktion keine größere Bedeutung zukam.
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Keine Verklärung
Maximilian Brückner, der auch in der filmischen Bearbeitung des Stoffs durch Marcus H. Rosenmüller (2008) den Kneißl mimte, gab sich stimmgewaltig, gefühlvoll, rau, laut und leise und stellte so die ganze Bandbreite an Emotionen dar, die im Leben des Mathias Kneißl vorkommen. Die Riederinger Musikanten umrahmten sein Spiel auf gekonnte Weise, mitunter wurden sie in kleineren Szenen auch textlich einbezogen.
Es ist zu hoffen, dass die musikalische Lesung Maximilian Brückners und der Riederinger Musikanten, die den Kneißl eben nicht nur als Volkshelden, sondern als verortet in der bäuerlichen Gesellschaft im Bayern des ausgehenden 19. Jahrhunderts darstellt, zum Nachdenken anregt. Denn ansonsten würde aus der zuvor angesprochenen Ironie etwas anderes werden: Die Verklärung des Räubers Kneißl würde zur Belustigung einer Oberschicht werden, die aus realer Armut ein Schauspiel macht. Das Leben des Räuber Kneißl hat uns schließlich auch heute etwas zu sagen: Der Aufstand gegen die Obrigkeit ist weniger der Ausdruck einer Freiheitsnatur, sondern bedingt durch Armut, die wiederum durch ungerechte Machtstrukturen verursacht ist.