
Regelmäßige Unregelmäßigkeiten
Katrin Hering vor Wildes Kugelspiel I und II. Foto: Kerstin Brandes
Ausstellung im KULTUR im Oberbräu
Katrin Hering eilt ein Ruf voraus: Denkt man an die renommierte Künstlerin und ihre Papierarbeiten, so kommen sofort die weißen, mit Skalpell, Stanzeisen und Papierbohrer bearbeiteten Flächen in den Sinn. Das wird sich vermutlich ändern – zumindest was das Weiß betrifft. In der Ausstellung „Aus der Reihe“ zeigt Katrin Hering neben weißen Arbeiten auch viele farbige. Bis Anfang März ist ihre Papierkunst im Holzkirchner KULTUR im Oberbräu zu sehen.
Aus der Reihe tanzen
Auf den ersten Blick erscheint die Ausstellung ruhig und zurückhaltend. Die harmonisch gehängten Papierarbeiten in schmalen Rahmen drängeln sich nicht in den Vordergrund. Der Raum wirkt klar und sehr ästhetisch. Selbst farbige Arbeiten – und Katrin Hering setzt dieses Mal „richtig“ Farbe ein: viel kräftiges Pink und sattes Blau – können dieser Wirkung nichts anhaben. Erst bei näherer Betrachtung wird die Ausstellung ihrem Titel gerecht: hier und dort tanzt etwas „Aus der Reihe“. Und die Kunstschaffende wartet mit einem breiten Spektrum davon auf.
Spiel mit Farben und Formen
Der Titel der Ausstellung „Aus der Reihe“ beziehe sich nicht nur auf ihre Werke, sondern, wie sie selbst einräumt, auch auf ihre Arbeit mit Farbe. Obwohl es für sie zunächst nur eine kleine Abwechslung zu ihrem weißen Material gewesen sei, habe sie Gefallen an dem Spiel mit Farben und Formen in der Fläche gefunden und sehe es nun als ihr zweites Arbeitsfeld. Nichtsdestotrotz fühle es sich für sie immer noch wie ein „aus der Reihe tanzen“ an.

o.T. 52. Foto: Kerstin Brandes
Richtungswechsel
Bei der ersten Arbeit der Ausstellung kommen bereits Unregelmäßigkeiten ins Bild. Zunächst werden streng geometrische Formen, die fast schon eine Art Markenzeichen von Katrin Hering sind, wahrgenommen: kleine weinrote Punkte. Sie scheinen sich in einem Kreis in Reih und Glied anzuordnen, wie auf den Boden einer Kugel hinabgefallen, um sie zu füllen. Einen Augenblick später schleicht sich jedoch der Gedanke ein: Was, wenn sich die Punkte gar nicht in der Fläche sammeln, nach unten schweben, um einen Verbund zu bilden, sondern aus der Kugel aufsteigen, sich verflüchtigen?
In der Ausstellung sind mehrere Arbeiten mit Punkten zu entdecken. Meist in Pink, mal mehr, mal weniger groß, fast immer ordentlich angeordnet, hin und wieder aus der Reihe tanzend. Setzt man sich etwas länger mit ihnen auseinander, kommen immer mehr Interpretationsmöglichkeiten zum Vorschein – frei nach Francis Picabia: „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.“

Rechtecke I-IV. Foto: Kerstin Brandes
Bei den vier Bildern „Rechtecke I-IV“ ist die Betrachtung nicht weniger spannend. Im ersten Impuls kann man die Bilder als Versuch des kleinen Rechtecks lesen, sich vom viel größeren Blau nicht nur farblich, sondern auch räumlich abzusetzen. Es will aus der Reihe fallen und sucht sich, fast schon trotzig, einen anderen Platz. Es wäre aber auch denkbar, dass das kleine Rot sich annähert und versucht, einen – seinen – Platz zu finden. Und ist es im blauen Feld zunächst nicht am richtigen Platz, so scheint es zu guter Letzt die passende Nische zu finden.
Katrin Herings unerschöpfliche Kreativität
Ihren Platz hat Katrin Hering in der Kunst gefunden. Ursprünglich als studierte Mathematikerin in der IT-Branche tätig, hat sie einen Richtungswechsel vollzogen: Sie erlernte Buchbindetechniken und begann sich mit künstlerischer Papierbearbeitung zu befassen. Seit 2006 ist sie als freischaffende Künstlerin tätig. In zahlreichen Ausstellungen konnte sie bereits durch ihr präzise ausgeführtes Handwerk, verbunden mit einer schier unerschöpflichen Kreativität, begeistern. Zusätzlich gibt sie noch Papierworkshops und ist im Bereich Kostüm- und Bühnenbild tätig.
Drei Fragen
In ihren Worten zur Eröffnung der Ausstellung definiert Katrin Hering klar drei Fragestellungen, die ihre Arbeit begleiten. Für die Künstlerin ist es „zunächst die rein optische Frage: Wie viele Unregelmäßigkeiten toleriert das Auge, bevor es die Abweichung überhaupt sieht und als Störung empfindet?“ Mit einem Augenzwinkern gesteht sie dabei, dass sie ihre eigenen, bewusst eingebauten Fehler manchmal auf dem Papier nicht mehr finde. Die Störung sticht demnach nicht immer sofort ins Auge und kann sich als kreatives Element in den geometrischen Mustern und deren Ordnung einfügen.

Splodges I-III. Foto: Kerstin Brandes
Sind Unregelmäßigkeiten störend?
Zudem fragt sich die Kunstschaffende, wieviel Gleichförmigkeit ein Mensch ertragen kann – in sich selbst oder um sich herum. Damit fügt sie ihren Arbeiten eine psychologische und gesellschaftliche Ebene hinzu, die mit dem Dualismus konstruktiv/destruktiv spielt. In ihren Papierarbeiten kann man diesen Prozess bildhaft nachvollziehen; sie versucht mit subtilen Unregelmäßigkeiten in ihrer Ordnung die Wahrnehmung der Betrachtenden zu reizen. Sind diese Unregelmäßigkeiten störend oder fügen sie eine neue Dimension hinzu, die positiv bewertet wird?

Kreise VI (links) und Kreise VII (rechts). Foto: KB
Ist bei dem Bild Kreise VI die Ordnung nur minimal aufgehoben, so zeigt Kreise VII einen regelrechten Richtungswechsel an. Er vollzieht sich fast unmerklich, geradezu reibungslos und gleichmäßig. Sofort ist man an politische Strukturen erinnert. Diese Assoziation ist nicht abwegig, da Katrin Hering auch eine politische Dimension einbezieht. Bei dieser Kategorie geht es ihr um Diversität und Individualität. „Wie viel aus der Reihe tanzen verträgt ein (intaktes) System, bevor es sich auflöst, bevor ein Kipppunkt erreicht ist, das System sich wandelt und etwas Neues entsteht?“ fragt sich sie sich dabei. Eine zweifelsohne hochaktuelle und komplexe Thematik in unserer Zeit.

Mit dem Strich. Foto: Kerstin Brandes
Katrin Hering räumt ein, dass sie während ihres Stanzens, Schneidens und Bohrens in Papier viel Zeit hat, über diese Fragen nachzudenken. Das sieht man den Bildern an. Es sind keine spontanen, schnell gefertigten Arbeiten. Diese Zeit und Muße wünscht man auch den Betrachtenden – sie werden dafür mit überraschenden Sichtweisen belohnt.