
„Ich bin Leben, das leben will,…“
Alois Prinz und Johannes Öller. Foto: Volker Derlath
Musikalische Lesung in Miesbach
Zur Eröffnung ihrer neuen Reihe „Zu Gast im Bunten Haus“ hatte die evangelische Kirchengemeinde einen prominenten Gast eingeladen. Der Biograf Alois Prinz stellte sein Buch „Albert Schweitzer – Radikal menschlich“ vor und wurde von dem Gitarristen Johannes Öller einfühlsam und berührend begleitet.
„Es ist großartig, wie sich Alois Prinz an die Menschen annähert, behutsam, ehrlich, wertschätzend“, führte Pfarrer Erwin Sergel in das umfassende biografische Werk von Alois Prinz ein, der nicht nur über Jesus von Nazareth oder Franz von Assisi oder Milena Jesenská, sondern auch über Joseph Goebbels authentische Biografien verfasste und mehrfach ausgezeichnet wurde. „Albert Schweitzer steht für eine Haltung und ist Vorbild und Inspiration“, sagte der Pfarrer, in unserer rauen Zeit sei es gut, sich von ihm ermutigen zu lassen.

Pfarrer Erwin Sergel. Foto: MZ
Albert Schweitzer habe ihn schon lange begleitet, begann Alois Prinz den Abend, in dem er mehr erzählte als in seinem Buch las und dem Publikum neue Aspekte aus dem bewegten Leben des Philosophen, Theologe, Arzt und Organisten vermittelte. Bei seiner Arbeit über Franz von Assisi sei er darauf gekommen, wie geistesverwandt beide seine. „Sie haben denselben Schöpfungsbegriff, der Menschen und Tiere einschließt.“
Zu seiner Zeit sei Albert Schweitzer der bekannteste Deutsche gewesen, zu seinem 150. Geburtstag indes im vergangenen Jahr sei kaum etwas von ihm erschienen. Man mache ihm heute den Vorwurf von Kolonialismus und Rassismus, was in keiner Weise zutreffe.
Haltung zeigen
Alois Prinz nahm die Zuhörenden mit in die Kindheit des Mannes, der schon immer einerseits als Pfarrerskind nicht anders sein wollte als die anderen Buben, anderseits aber Haltung zeigen wollte. So scheute er sich nicht, sich lächerlich zu machen, weil er nicht auf Vögel schießen wollte.
Schon früh lernte er die Orgel zu spielen und wurde zu einem bedeutenden Musiker. Er studierte Theologie und Philosophie, promovierte und wollte aber nicht bei der Theorie bleiben, sondern etwas tun. Er habe darunter gelitten, wenn es anderen Menschen schlecht ging, sagte Alois Prinz und aus seiner Dankbarkeit heraus, dass es ihm gut erging, etwas zurückgeben.
Hatte Johannes Öller bei den Ausführungen zur Kindheit das Lied „Schmuddelkinder“ gespielt, sang er jetzt „Wann, wenn nicht jetzt“. Er hatte zu jedem Zeitpunkt die passende musikalische Ergänzung parat und begeisterte damit das Publikum.

Johannes Öller. Foto: MZ
Albert Schweitzer habe seine Berufung bekanntermaßen in Afrika gefunden, denn er hatte mittlerweile auch Medizin studiert und ging mit seiner Frau Helene Bresslau nach Gabon, führte Alois Prinz den Lebensweg fort und berichtet über die Kolonialisierung des Kontinents und seine Aufteilung durch Europa. Die Afrikaner seien in Konzentrationslagern gehalten worden wie Tiere und massenhaft vernichtet worden. „Wo heute Safaris angeboten werden, standen früher KZs.“
Schweitzer aber baute im Urwald unter extremen Bedingungen seine Krankenstation auf und linderte das unbeschreibliche Elend der Bevölkerung. „Er sieht sich als Vorposten des Reiches Gottes“, sagte der Autor und fügte an: „Jeder kann eine Aufgabe finden.“
Ehrfurcht vor dem Leben
Mit afrikanischer Musik leitet Johannes Öller über zu den Jahren in Lambarene, wo der Arzt auch an seiner Kulturphilosophie arbeitete. Sein Ziel sei es gewesen, eine grundsätzliche Ethik für alles zu finden. Bei einer Fahrt im Boot habe sich die Tür geöffnet, sagte Alois Prinz und Albert Schweitzer habe mit seinem berühmten Satz „Ich bin leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“ seine universelle Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben begründet.
In der Lesung gab er die Überzeugung Schweitzers wieder, sich nicht auf Gott zu berufen, sondern die vitale Kraft des Lebens, in die auch Tiere, Pflanzen und die unbelebte Natur einbezogen werden solle, zu schützen. Johannes Öller interpretierte wesentliche Gedanken, wie „Das Wissen hat Grenzen, das Denken nie“ musikalisch.

Alois Prinz. Foto: MZ
Im 1. Weltkrieg wurde Albert Schweitzer als feindlicher Deutscher aus der französischen Kolonie Gabon ausgewiesen und kam in ein Lager in Frankreich, wo er seine Fingerfertigkeit auf einem Brett, auf das er die Tasten der Orgel malte, trainierte. Nach seiner Freilassung verdiente er sein Geld mit Konzert- und Vortragsreisen.
Insbesondere habe er Bach gespielt, erklärte Johannes Öller, und den Barockkomponisten wieder in seiner ursprünglichen Form ohne Romantisierung wiedergegeben, sowie ein Bachbuch verfasst und er spielte ein Beispiel auf der Gitarre.
Brief aus Miesbach
1920 habe Albert Schweitzer ein neues Urwaldklinik aufbauen können, führte Alois Prinz den Lebensweg des „Urwalddoktors“ fort und habe den Menschen dort ein Leben so ermöglicht, wie sie es von ihrem Stamm gewohnt waren. Als er einmal nach Europa reisen wollte und auf dem Schiff eine Rede Hitlers hörte, sei er unverzüglich umgekehrt. „Lambarene war die Insel, wo Leben bewahrt wurde.“
Nach dem zweiten Weltkrieg sei er immer wieder nach Europa gekommen, um Vorträge zur Finanzierung seiner Klinik zu halten. Damals habe er viel Briefe, auch von Kindern bekommen, erzählte Alois Prinz. Bei seinen umfassenden Recherchen habe er auch einen Brief von Josef Röckenschuß aus Miesbach gefunden, berichtete er zur Freude des Publikums. Albert Schweitzer sei sein Vorbild und er wolle Vorträge über die NS-Zeit halten, schrieb Johannes.

Regina Weber-Toepel am Büchertisch von „Buch am Markt“. Foto: MZ
Sein Wirken für die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben habe eine große Wirkung gehabt und sei mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt worden. Unermüdlich habe sich Albert Schweitzer bis zu seinem Tod für Liebe, Wahrheit, Sanftheit und Frieden eingesetzt, beendete Alois Prinz seinen inspirierenden Vortrag, der mit „Imagine“ von John Lennon, interpretiert von Johannes Öller, seinen berührenden Abschluss fand.