
Lugansk – Charkiw – Otterfing
Olga Krupko und Viktor Tertychnyi aus der Ukraine. Foto: privat
Künstlerporträt
Zum heutigen vierten jahrestag des Angrifsskriegs Tusslands auf die Ukraine veröffentlichen wir einen Text, der in der 44. Ausgabe der KulturBegegnungen erschien. Olga Krupko und Viktor Tertychnyi flohen zweimal und sie mussten sich zweimal neuen Bedingungen anpassen, was ihre Tätigkeit anbelangt. Aber sie meistern ihr Schicksal und nutzen die Chance, in Freiheit leben zu dürfen.
Das Ehepaar stammt aus Lugansk in der Ostukraine. Olga Krupko studierte an der Staatlichen Musikhochschule in Lugansk und am Konservatorium in Kiew und schloss mit Auszeichnung als Pianistin ab, arbeite als Lehrerin und Kammersolistin und schrieb ein international erfolgreiches Klavierlehrbuch für Studienanfänger mit Schwerpunkt Popgesang. Viktor Tertychnyi ist Maschinenbauingenieur für Metallschneidemaschinen und Werkzeuge und arbeitete bis zu seiner Rente 2014 als Ingenieur.
Flucht nach Charkiv
In diesem Jahr begann der Krieg in der Ostukraine, die russische Armee marschierte in Lugansk ein und das Ehepaar floh nach Charkiw. Sie gingen zu einem Zentrum für Vertriebene und belegten Englisch- und Computerkurse. Dort begann Viktor Tertychnyi auch mit dem Zeichnen und Malen. Insbesondere lernte er bei der Verdienten Volkskünstlerin der Ukraine Tamara Vakulenko die Petrykiwka-Malerei, die von der UNESCO als immaterielles Erbe der Ukraine eingetragen ist. Er nahm an mehreren Ausstellungen in Charkiw teil.

Petrykiwka-Malerei von Viktor Tertychnyi. Foto: MZ
Als der Angriffskrieg Putins am 24. Februar 2022 begann und Charkiw bombardiert wurde, flüchtete das Ehepaar erneut. Beide Söhne hatten in Deutschland studiert und der ältere, Mykola, lebte mit seiner Familie in Otterfing, wo die Eltern zunächst unterkamen.
Flucht nach Otterfing
Inzwischen haben sie eine eigene Wohnung und versuchen sich in Otterfing zu integrieren. Olga Krupko bringt sich mit ihren Fähigkeiten in zahlreichen Projekten der Kommune ein. Sie spielt Klavier bei der Vernissage der Kulturwoche, nimmt an Abenden der ukrainisch-bayerischen Freundschaft teil, wirkte beim Fasching mit Spiel und Sketchen mit und gibt ukrainischen Schülern Musikunterricht.

Olga Krupko spielt bei der Otterfinger Kulturwoche. Foto: privat
Auch Viktor Tertychnyi beteiligt sich am kulturellen Leben der Gemeinde und stellte seine Bilder bei der Otterfinger Kulturwoche aus. In dem neuen Lebensabschnitt begann er neue Genres und Stilrichtungen in seiner Malerei auszuprobieren. Davon zeugte eine Einzelausstellung im Atrium und seine Teilnahme an „Kunst im Schaufenster“. „Ich male am liebsten Blumen“, sagt er, „Seerosen, Mohnblumen und Sonnenblumen“. Er bevorzuge die feinen Pinselmalerei mit Eichhörnchen Haarpinsel und schätze die Otterfinger Malerin Ingrid Schenzinger sehr, die mit feinem Bleistift zeichnet.

Malerei von Viktor Tertychnyi. Foto: privat
Und wie fühlen sich die beiden zweimal Geflüchteten in dieser dritten Heimat? „Nach über drei Jahren fühlen wir uns zuhause“, sagt Olga Krupko. Am Anfang sei es schwer gewesen, man habe außerhalb der Familie wenig Kontakte gehabt, aber Tag für Tag sei es besser geworden. „Ich habe beim Fasching des Katholischen Frauenbundes Keyboard gespielt, aber alle sprechen bairisch und ich verstand die Texte der Lieder nicht.“ Sie habe sogar bei einem Sketch mitgewirkt, aber nur als Pantomime.

Viktor Tertychnyi: Blick aus dem Fenster. Foto: MZ
Sie spiele Klassik ebenso wie Blues, Ragtime und Pop. „Ich mag Bach, Mozart, Rachmaninow, die Beatles und Manfred Schmitz“, sagt die Pianistin. Früher habe sie als Lehrerin gearbeitet, jetzt müsse sie selbst in die Tasten greifen, aber sie könne sofort vom Blatt spielen und tue das gern immer und überall. An die neue Seite von ihrem Beruf habe sie sich gewöhnt, würde aber auch gern wieder unterrichten, sie habe nur Angst, nicht gut genug Deutsch zu sprechen.
Freiheit als Chance
Olga Krupko und Viktor Tertychnyi haben verschiedene Systeme kennengelernt. In der Sowjetunion ihrer Jugend lebten sie in der Unfreiheit, in der Diktatur. Als die Ukraine 1991 selbständig wurde, eine Demokratie, erfuhren sie die Freiheit. „Es war eine kleine Freiheit“, sagt Olga Krupko, „in Deutschland macht der Staat mehr für die Menschen“. Sie spricht von Krankenhäusern, Museen, Transportwesen, Verkehr und Bildung. „Wir haben das Bedürfnis, uns zunächst innerlich zu verändern und freier, unbefangener, weltoffener zu werden und alle Vorteile zu nutzen.“ Diese Freiheit sehen sie als Chance, neue Kontakte zu knüpfen. „Jeder findet verwandte Menschen, die ihm im Geiste nahestehen“, sagt sie und fügt an: „Menschen lernt man in schwierigen Situationen kennen und schätzt sie ein Leben lang.“
Zum Weiterlesen: „Freiheit lässt sich nicht fassen“