
Thies Marsen: Omas Tasche und das Hitler-Attentat
BR/Nadja Dall Armi // Hitler Porträt: picture alliance / SZ Photo | Scherl // Aktentasche: National Archives NextGen Catalog
Podcast-Abend im Kulturwerk Bad Aibling
„Nie wieder ist jetzt“, mit diesen Worten begrüßte Irene Durukan, Vorsitzende von Mut & Courage Bad Aibling e.V., die zahlreichen Gäste am letzten Abend der Max-Mannheimer-Kulturtage 2026. Thies Marsen, Journalist beim BR, präsentierte seinen Podcast „Omas Tasche und das Hitler-Attentat“ (2024) live. BR-Redaktionsleiterin Susanne Poelchau und BR-Redakteur Thomas Morawetz begleiteten ihn.
Oma und Opa Verschwörer gegen Hitler?
Es ist eine unglaubliche, Marsen findet sogar „unglaubwürdige“ Geschichte, die ihm seine Oma Karoline Rudolph seit seiner Jugend immer wieder erzählte: Sie habe auf Bitten ihres Ehemanns die Aktenmappe besorgt, in der Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 die Bombe für das Attentat auf Adolf Hitler in der „Wolfsschanze“ versteckt hatte. „Oma und Opa Verschwörer gegen Hitler?“ – der couragierte BR-Journalist begab sich auf Spurensuche nicht nur in der eigenen Familiengeschichte.
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Es gab vieles, was Thies Marsen an der Erzählung seiner Oma Karoline Rudolph zweifeln ließ. Sein Verhältnis zu ihr sei ohnehin ambivalent gewesen und dass sie schon immer gegen den Nationalsozialismus eingestellt gewesen sei, glaubte er nicht recht. Doch die resolute Dame ließ nicht locker und versuchte schließlich, ihren Enkel bei der Berufsehre zu packen: Als Journalist beim BR könne er doch Beweise liefern, dass es wahr sei, was sie erzählte. Marsen begann zu recherchieren und die Oma lieferte ihm bis zu ihrem Tod im Jahr 2021 – als Hundertdreijährige! – meist per Telefon immer wieder Erinnerungsschnipsel, Namen und Begebenheiten zu dieser Geschichte.

Das Thema stieß auf großes Interesse. Foto: Katja Klee
Omas Erzählung
Thies Marsen spielt an diesem Abend mehrmals Omas Originalstimme ein. Sie klingt brüchig aufgrund des Alters, aber die alte Dame ist eifrig bei der Sache: „Mir ist noch was eingefallen …“, beginnt sie zu erzählen. Etwa, dass der 20. Juli 1944 ihrem Mann Walter Rudolph, der Major im Generalstab der Wehrmacht gewesen war, das Leben gekostet hätte. Nicht sofort und direkt, denn er sei von den Nazis weder als Verschwörer entlarvt noch verurteilt worden. Sondern weil er im Herbst 1944 an die Ostfront versetzt wurde, für Karoline Rudolph ein „Todeskommando“. Dort geriet er bald in russische Gefangenschaft und verstarb im September 1946 in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager an Diphterie.
Ein schwerer Schlag für die junge Familie. Die Eltern hatten erst im November 1939 geheiratet, 1942 und 1944 waren die Töchter Bärbel und Dorle geboren worden. Beide haben so gut wie keine Erinnerungen an ihren Vater und wie in vielen Familien wurde in der Nachkriegszeit auch nicht viel nachgefragt – die Traumatisierung durch NS-Zeit und Krieg schwang noch lange mit. Auch die Töchter kannten die Geschichte über die besondere Aktenmappe, beschäftigten sich aber nicht weiter damit. Anders die Enkelgeneration, die noch dazu von Oma Karoline regelrecht angestachelt worden war. Was war dran an Omas Familienlegende?
Archivfunde und sieben Kisten voller Briefe
Eine besondere Bedeutung, so Thies Marsen, hatte ein Telefongespräch, in dem seine Oma über ein Mittagessen Anfang Juli 1944 im „Berchtesgadener Hof“ unweit von Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg berichtete. Gemeinsam mit hochrangigen Militärs, deren Namen sie erinnerte, waren sie und ihr Mann „Gäste des Führers“. Schon damals hätte die Bombe, verwahrt in „Omas Mappe“, gezündet werden sollen. Doch Hitler sagte kurzerhand ab und entging so dem Anschlag. Marsen recherchierte in der Literatur und in Archiven und fand heraus, dass Omas Erzählungen hier der Wahrheit entsprachen.

Thies Marsen erzählt ebenso spannend wie einfühlsam. Susanne Poelchau und Thomas Morawetz umrahmen ihn. Foto: Katja Klee
In den Gesprächen mit ihrem Enkel nahm die hochaltrige Frau immer wieder Bezug auf die intensive Briefkorrespondenz, die sie und ihr Ehemann während des Krieges gepflegt hatten. Fast täglich, manchmal sogar zweimal am Tag, hätten sie sich geschrieben. Zudem habe Walter Rudolph dafür gesorgt, dass die Briefe seiner Ehefrau per Boten wieder zu ihr zurückkamen. Der private Schriftverkehr zwischen den beiden ist so ziemlich vollständig erhalten. Als sie ihrem Enkel schließlich von einem Brief erzählt, in dem ihr Mann sie darum bat, ihm eine „pfundige Mappe“, also eine standesgemäße Aktentasche zu besorgen, da er nicht hinter den anderen Offizieren zurückstehen und sein geschnürtes Aktenbündel ablegen möchte, ist für Marsen klar: Die Briefe müssen gesichtet werden.
Ist Opa ein Held oder ein Verbrecher?
Damit beginnen ein tiefer Einblick und eine intensive, schmerzhafte Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte, die die Familie gemeinsam bewältigt. Sieben Kisten voll mit Briefen werden gesichtet, ausgewertet und besprochen. Es kommt heraus, dass Walter Rudolphs Militärlaufbahn der Blutspur der Wehrmacht folgt und er an zahlreichen Kriegsschauplätzen tief in die Verbrechen der Wehrmacht verstrickt war: in Österreich, im Sudetenland, in Frankreich, bei der sogenannten Partisanenbekämpfung auf dem Balkan, auf Kreta und schließlich an der Ostfront. Marsen nennt ihn einen „Massenmordmanager“.
Die oft gestellte Frage: „Wie kann jemand, der tagsüber Massenverbrechen plant und ausübt, am Abend an seine ‚geliebte Frau‘ schreiben?“, treibt die Familie um. Mit seiner Oma ist das Gespräch darüber nicht mehr möglich. Sie wehrt ab. Thies Marsen beschließt, sie zu schonen und ihr diesen Teil der Familiengeschichte nicht mehr zuzumuten.
Was die Briefe auch preisgeben: Walter Rudolph war am 20. Juli 1944 zumindest in der Nähe des Führerhauptquartiers „Wolfschanze“ und teilte seiner Frau an diesem Tag mit: „Nichts Neues hab ich zu berichten.“ Erst zwei Tage später ließ er wieder von sich hören: „Bin vom Anschlag auf den Führer tief erschüttert.“ Ob das eine verschlüsselte Information oder die reale Beschreibung seiner Gefühlsverfassung war, bleibt unbeantwortet.
Ein einziges Mal traf die junge Familie nach dem 20. Juli 1944 noch zusammen, erzählt Karoline Rudolph. Ihr Mann sei damals „auf Drogen“ gewesen, in schlechter Verfassung. Waren das die Folgen des gescheiterten Attentatsversuchs oder die Erfahrungen im Vernichtungskrieg? Thies Marsen beantwortet die Frage „Ist mein Opa ein Held oder ein Verbrecher? Oder beides?“ bewusst nicht und zeigt anschaulich und einfühlsam, dass zu einer Erzählung immer die ganze Geschichte gehört, auch wenn sie wehtut. Nur so wird die Botschaft gehört und „kann dazu beitragen, dass die Welt ein kleines bisschen besser wird“, so sein Resümee.
An diesem Abend jedenfalls ist es ihm gelungen: Die Aufarbeitung der – nicht nur – eigenen Familiengeschichte in der NS-Zeit zog die Zuhörer in ihren Bann und brachte sie dann miteinander ins Gespräch über das, was war und sich nicht wiederholen dürfe.