Theaterkahn Dresden: Was ist deutsch?

Schäferhund? Pflichtgefühl? Sparsamkeit? Gartenzwerg? Gründlichkeit? Habseligkeiten? Was ist deutsch? Friedrich-Wilhelm Junge vom Theaterkahn Dresden gab mit dem Michael-Fuchs-Trio im Waitzinger Keller intelligente, berührende, aufwühlende Antworten.

Über Deutschland reden ist schwer und schmerzhaft. Noch nie wurde so viel über Deutschland geredet wie jetzt. Und noch nie war es wichtiger über Deutschland zu reden wie jetzt, obwohl es schwer und schmerzhaft ist. Und noch nie gab es so viele Missverständnisse, wenn über Deutschland geredet wurde. Friedrich-Wilhelm Junge stand wie Faust vor seinem Bücherregal und sinnierte wie dieser in seinem Monolog. Er muss eingestehen, dass trotz aller Studiererei er so klug als wie zuvor ist.

Und so begibt sich der großartige Schauspieler und Sänger auf eine Reise durch die Zeit. Er mischt Volkslieder, Märchen, Gedichte und Betrachtungen zu einem teils fröhlichen, teils besinnlichen, aber oft auch bedrohlichen Spiegel zu der Frage: Was ist deutsch? Begleitet wird der Mime vom Theaterkahn Dresden vom Michael-Fuchs-Trio, einer grandiosen Jazzformation mit Michael Fuchs am Piano, Tom Götze an der Bassgitarre und Volkmar Hoff am Schlagzeug. Der Abend im Gewölbe des Waitzinger Keller in Miesbach ist einer der Höhepunkte der West-Östlichen Kulturbegegnungen.

Ist die Behörde typisch deutsch? Die Behörde, die von der Geburt bis zum Sarg alles regelt und bewacht? Oder ist es O, du lieber Augustin? Ungehorsam ist es wohl eher nicht, in der Geschichte „Lob des Ungehorsams“ klingt ein wenig die Sehnsucht mit. Wie ist es mit dem „Vaterland“, das in Deutschland, Deutschland über alles beschworen wird, dieses von der Macht gepachtete, von Motten zerfressene, verachtete, verdorbene und vergreiste Wort? Oder gar der Germania, die zur Kriegesfahrt aufruft: Auf, Deutschland, auf, und Gott mit Dir.

Schwer atmend stellt Junge das alte Buch ins Regal und stimmt verhalten das alte Lied „Zogen einst fünf wilde Schwäne“ an. Hierher passt auch die Bechersche Nationalhymne der DDR, wenn es heißt: „Dass nie wieder eine Mutter ihren Sohn beweint.“ Und Junge beschwört noch einmal Goethe mit: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.

Die Hoffnung wird auch im zweiten Teil nicht aufgegeben, wenn Junge Schillers „Freude schöner Götterfunken“ rezitiert und „O Täler weit o Höhen“ anstimmt. Ein bisschen Schrebergartenidylle, schon fühlt sich der Zuhörer ganz deutsch-gemütlich. Aber dann kommt die Geschichte von Moishe und dem deutschen Soldaten. Judenrein soll Deutschland sein, und am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Und der Zuhörer ist gepackt. Vorbei die geborgene Heimatstimmung.

Und trotzdem! Junge zitiert am Ende Brechts „Anmut sparet nicht noch Mühe“, wo es heißt: „Und nicht über und nicht unter andern Völkern wolln wir sein.“ Und er endete mit Eichendorffs Mondnacht: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus.“ Beides ist deutsche Lyrik.
Als Dank für den überaus begeisterten Applaus gab es zum Abschluss eine West-Östliche Kulturbegegnung. Die Dresdner sangen mit den Bayern: „Guten Abend, gute Nacht.“
Ein sehr guter Abend, dem man Hunderte von Zuhörern gewünscht hätte.

Als letzte Veranstaltung der Reihe folgt am Dienstag, 1. Mai 17 Uhr das Künstlergespräch zur Finissage der Ausstellung. Steffen Ahrens, Marcus Golter, Tobel und Andreas Kuhnlein diskutieren über die Aufgabe der Kunst.

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