Wirgefühl: Vom Ich zum Du zum Wir

Wirgefühl

Vom Ich zum Wir: Bildhauer Andreas Kuhnlein richtet mit seinem Sisyphos den Tisch auf. Foto: MZ

Sonntagskolumne

In diesen Tagen wird viel über Solidarität, über Hilfsbereitschaft ebenso gesprochen, wie über den sich ausbreitenden Egoismus der Ichlinge, die nur danach fragen, was ihnen zusteht. Wo bleibt das Wirgefühl? Wo bleiben Verantwortung und Dankbarkeit? Und hat das Wirgefühl auch eine negative Seite?

„Frage nicht, was dein Land für dich tun kann. Frage, was du für dein Land tun kannst.“ Dieses Zitat von John F. Kennedy ist gerade jetzt bedeutsam. Es richtet sich an alle Menschen, es richtet sich aber insbesondere an die, die im Überfluss leben. Wenn es stimmt, dass die reichsten 10 Prozent der Deutschen 56 Prozent des Gesamtvermögens besitzen, dann wären also diese Reichen angesprochen, solidarisch zu sein, für diejenigen etwas zu tun, die unverschuldet gerade in große Not kommen.

Kultur weitet Horizont

Beispielsweise Kulturschaffende. Der Philosoph Christoph Quarch schrieb einen protestierenden Text, als die Kultur zu einer Freizeitaktivität heruntergestuft wurde: „Tatsächlich leisten die Kulturschaffenden einen für den Bestand eines demokratischen Gemeinwesens unverzichtbaren Beitrag. Vormals nannte man ihn „Bildung“, heute würde man ihn vielleicht als Entfaltung des geistigen Potenzials beschreiben. Egal ob ein Rockkonzert oder ein klassisches Ballett, egal ob eine Kunstausstellung oder ein Hinterhoftheater: Jede kulturelle Aktivität weitet den geistigen Horizont von Zuschauern und Akteuren.“

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Wirgefühl am Philosophischen Tag mit Christoph Quarch. Foto: MZ

Aber Kunst und Kultur, so schreibt er weiter, fördere auch Gesundheit und Resilienz. Und deshalb müsse etwas getan werden. „Mit einmaligen „Nothilfen“ für einzelne Kulturschaffende wird unsere Kulturlandschaft auf Dauer nicht zu retten sein. Es braucht ein grundlegend neues Fundament für Kultur und Bildung: ein bedingungsloses Grundeinkommen für selbständige Künstler und Geistesarbeiter, finanziert durch eine Kultursteuer, die nach dem Vorbild von EU-Ländern wie Spanien, Italien und Ungarn – bei gleichem Steuersatz – an die Stelle der Kirchensteuer tritt.“

Kultursteuer

Dabei stehe es jedem Bürger frei, zu entscheiden, ob sein Beitrag einer Religionsgemeinschaft oder der Kultur zufließe. Dies sei ein echter Akt der Solidarität. Allerdings erfordert die Einführung der Kultursteuer politischen Willen. Jeder aber kann für Notleidende da sein. Jeder kann, je nach Vermögen, abgeben. Es gibt eine Menge von Coronagewinnlern. Wie wäre es, wenn diese den Coronaverlierern einen Teil des Überflusses abgeben?

Leider aber herrschen Egoismus und Forderungen. Warum können wir nicht jetzt einmal in die zweite Reihe zurücktreten und uns einschränken?, fragte die emeritierte Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler in unserem Interview. Warum nicht dankbar sein, dass wir ein Dach über dem Kopf und zu essen haben? Warum müssen Party und Fernreisen als das, was mir zusteht, eingefordert werden?

Lesetipp: KulturBegegnungen, Nr.34, Titeltext: Zuversicht

Wo bleibt das Wirgefühl? Zu diesem Thema hat der österreichische Autor Michael Köhlmeier ein Essay mit dem Titel „Wenn ich wir sage“ verfasst. „Freunde, Familie und Nation – diese drei formen den Begriff des Wir“, schreibt er und begründet, dass dieses Wir nicht willentlich erzeugt werden kann. Ein gutes Beispiel dafür ist die erzwungene Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR unter dem Slogan „Vom Ich zum Wir“. Wie aber kommt das Wir zustande? Kommt es automatisch aus der Familie oder suchen wir uns das Wir über Freundschaften, den Wahlverwandtschaften? Aus sehr persönlichen Erfahrungen in seiner Familie und in Auseinandersetzung mit großen Denkern nähert er sich Antworten. Und findet Freundschaft und Nähe zum einst fremden Vater.

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Michael Köhlmeier: Wenn ich wir sage. Foto: MZ

Ein Wir könne aber auch aus gemeinsamer Tätigkeit entstehen. Nicht nur bei Musikern, auch wenn eine gemeinsame Aufgabe zu bewältigen ist, ein begeisterndes sinnstiftendes Ziel beflügelt, entsteht eine Gemeinschaft. Und hier lauert bereits das Verhängnis. Michael Köhlmeier beschreibt den Weg von Heimat über Nation zu Nationalismus und Patriotismus. „Das Wir der Nation ist giftiger Sprengstoff! Es zerstört Städte und Herzen“, schreibt er.

Solidarität versus Abgrenzung

Das Wir hat also eine ambivalente Bedeutung. Vom Ich zu Wir kann Solidarität und es kann Abgrenzung zum anderen, zum Fremden erzeugen. Wir erleben das gerade im Großen und im Kleinen. Flüchtlinge werden unsolidarisch an den Grenzen ausgesperrt, Münchner will man im Oberland nicht sehen. Wobei egoistisches Verhalten der Tagestouristen die andere Seite der Medaille ist.

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Wirgefühl zweier zugeneigter Bäume in Warngau. Foto: MZ

Andererseits werde ich, wie der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber sagt, erst am Du zum Ich und alles wirkliche Leben ist Begegnung. Wie beglückend Begegnung, Hilfeleistung, Solidarität sein kann, weiß jeder, der gern gibt. „Geben ist seliger denn nehmen“ heißt es in der Bibel.

Wir dürfen es gerade erleben, dass Menschen Geld für die Kulturschaffenden spenden, sie haben zu Weihnachten vielleicht auf überflüssige nichtssagende Karten verzichtet oder sich erinnert, dass sie in den vergangenen Wochen keine Eintrittskarten gekauft haben. Und sie sparen jetzt den Solidaritätszuschlag, der der Kultur zugutekommen kann. Drei kulturelle Projekte sind bereits bei uns eingegangen, die wir 2021 unterstützen können. Danke für die Solidarität.

Unser Beitragsfoto zeigt das Wirgefühl exemplarisch, Bildhauer Andreas Kuhnlein „hilft“ seinem Sisiphos, den Tisch aufzurichten.

Lesetipp: Der Tisch ist ein Floß

Michael Köhlmeier: Wenn ich wir sage, Residenz Verlag, aus der Reihe „Unruhe bewahren“.

Solikulturspende: DE58 7016 9410 0002 9820 64

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