Schreibprozess

Verfertigung der Gedanken

Robert Kraner gibt Impulse für den Schreibprozess. Foto: MZ

Schreibseminar und Lesung in Weyarn

Zum zweiten Mal war der österreichische Schriftsteller Robert Kraner auf Einladung von KulturVision e.V. für ein Schreibseminar und eine Lesung in den Landkreis Miesbach gekommen. Die Teilnehmenden gingen bereichert nach einem vollen Tag im Weyarner Bürgergewölbe nach Hause.

Schon der Einstig war ungewöhnlich. In der obligatorischen Vorstellungsrunde sollte nicht über Erwartungen oder bisherige Schreiberfahrungen berichtet werden. Nach einer Minute der Stille sollte jeder erzählen, wo er sich gerade aufgehalten hatte. Der eine in einem moorigen Wald, in dem er der Spur der Rehe folgte, eine andere am Ufer des Starnberger Sees in die Betrachtung einer Pinie versunken. Ein Teilnehmer beobachtet an der Isar einen Angler und eine weitere fand sich unter blühenden Obstbäumen wieder. In der Gondel zum Wallberg fuhr eine Schreiberin und barfuß durch einen Kiefernwald am Meer befand sich wieder eine andere.


Publikationen von Robert Kraner. Foto: MZ

Mit dieser Übung war der Boden für kreatives schreiben bereitet. Robert Kraner begründete den Titel des Schreibseminars mit dem bekannten Zitat von Heinrich von Kleist: „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Sprechen“, das er nun auf das Schreiben anwandte. Ebenso wie beim Sprechen mit einem gegenüber könne man beim Schreiben seine Gedanken verfertigen und damit in den Prozess des Schreibens kommen.

Schreibprozess
Blick in das Schreibseminar. Foto: MZ

Er zitierte Ernest Hemingway, der sagte, dass unser Bewusstsein wie der Eisberg nur ein Achtel offenbare, der große Rest aber im Verborgenen liege, das gefördert werden könne. Und auch der Leser entdecke in sich bei der Lektüre von Texten Verborgenes. Dazu diente die ebenfalls von Hemingway benutzte „Six word story: For sale: baby shoes, never worn. („Zu verkaufen: Babyschuhe, nie getragen.) In einem Satz verberge sich ein ganzes Schicksal.

Was mache einen gelungenen Text aus, fragte Robert Kraner, die im niederösterreichischen Waldviertel gemeinsam mit dem renommierten Autor Robert Schindel eine Schreibwerkstatt gründete und mit den Romanen „Valerie“, „Weißdorn“ und „Kreide“ ein breites Publikum erreichte.


Monika Ziegler, Selina Benda und Karin Sommer im Austausch. Foto: Isabella Krobisch

„Wir müssen aus uns schöpfen“, betonte er, „das kann uns keine KI abnehmen“. Aber beim Schreibprozess würden wir uns selbst im Weg stehen. Er listete die häufigsten Fehler auf. Oft würde sich der Schreiber zu sehr bemühen, alles genau zu erklären, damit es der Leser verstehe. Besser sei es die Situation darzustellen, auf Adjektive zu verzichten, Dopplungen, Füllsel und Klischees sowie schiefe Bilder zu vermeiden. Hilfreich sei es, den eigenen Text laut zu lesen, um Ungereimtheiten zu entlarven und dann zu überarbeiten.


Impulse von österreichischen Autorinnen. Foto: MZ

Die Aufgabe des Vormittags war es, einen eigenen Text zu verfassen und diesen am Nachmittag zu lesen und sich Feedback zu holen, damit dieser Text wachsen könne. Zur Anregung hatte der Schriftsteller drei kurze Textabschnitte vorbereitet, die er vorlas.

In Ilse Aichingers „Spiegelgeschichte“ geht es um den Tod, das Ende eines Lebens. Margit Schreiner hat in „Mobilmachung“ aus der Sicht eines Ungeborenen berichtet und Anna Weidenholzer erzählt in „Hier treibt mein Kartoffelherz“ aus der Mitte des Lebens.


Isabella Krobisch, Doreen Heynen und Selina Benda bei der Lesung. Foto: MZ

Eineinhalb Stunden hatte ein jeder Zeit, nach zehn Minuten des Stillseins einen Text zu verfassen. Beim gemeinsamen Mittagessen und Austausch stellte sich heraus, dass die Hälfte der Schreiberlinge nach den drei Textbeispielen von der ursprünglichen Absicht abgekommen waren und einen ganz neuen, spontanen Text geschrieben hatten.

Selina Benda, Leiterin der Schreibwerkstatt von KulturVision startete die Leserunde am Nachmittag mit ihrem Beitrag „Am Rande“, in dem sie von einem Besuch im Krankenhaus erzählt. Doreen Heynen entschloss sich spontan über den Tod ihres Vaters zu reflektieren. Isabella Krobisch schrieb kompakte eigene Sätze, verwoben mit denen ihrer an Demenz erkrankten Schwester.


Sylvia Cichon-Brandmaier und Josef Poschenrieder bei der Lesung. Foto: MZ

Josef Poschenrieder hatte mit „Thionville, erster Kontakt im Elsass“ ein Kapitel seines Romans gefertigt, während Sylvia Cichon-Brandmaier aus ihrer siebenköpfigen Familie berichtete. Auch Karin Sommer schreibt ein Buch und las ein Kapitel über eine langwierige Erkrankung vor. Monika Ziegler nahm die Auflösung eines Urnengrabes zum Anlass für ihre Geschichte.

Für das Feedback hatte Robert Kraner folgende Fragen vorgegeben: Was erzählt der Text? Welche Mittel sind angewendet? Was kommt bei mir an, welche Botschaft hat der Text? Was braucht es mehr und was braucht es weniger?

Anhand dieser Fragen gaben sowohl Teilnehmende als auch Robert Kraner ihre Einschätzung in wertschätzender Form ab, die dankbar von dem jeweiligen Verfasser notiert wurden.

Wertvolle Impulse für den Schreibprozess

In der Abschlussrunde kam immer wieder zum Ausdruck, dass der Tag bereichert habe. Die Vielfalt der Texte, die ganz unterschiedlichen Lebensentwürfe und Schicksale, an denen man habe teilnehmen dürfen, aber auch die wertvollen Impulse, all das habe den Tag wertvoll gemacht.

Robert Kraner sagte: „Es war reich, was heute hier passiert ist.“ Selina Benda ergänzte: „Es war unvermeidbar, was wir geschrieben haben.“ Die Impulse am Anfang hätten eine Richtung vorgegeben. „Du hast uns sanft angetippt in der typisch waldviertlerischen, unspektakulären Art“, meinte Isabella Krobisch.

In der abendlichen Lesung kam der Schriftsteller mit seinem jüngsten Roman „Kreide“ selbst zu Wort, in dem es sowohl um den Rechtsruck in der Gesellschaft als auch um die Traumabewältigung einer jungen Frau geht.

Wer Lust hat, in die Schreibwerkstatt von KulturVision e.V. zu schnuppern, wendet sich bitte an Selina Benda.

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