
Schreiben lernen von Robert Kraner
Robert Kraner. Foto: Isabella Krobisch
Buchtipp von KulturVision
Vor zehn Jahren luden wir den österreichischen Schriftsteller Robert Kraner zu einem Schreibseminar ein. Es wurde ein großer Erfolg und auf Nachfrage damaliger Kursteilnehmerinnen wird er jetzt wieder zu Gast im Landkreis Miesbach sein. Als Einstimmung dazu wollen wir einen Blick auf seinen jüngsten Roman „Kreide“ werfen.
Der Roman ist zeitgeschichtlich hochaktuell, auch wenn der Titel „Kreide“ auf die Kreidezeit verweist, die Zeit der Dinosaurier vor etwa 100 Millionen Jahren. Bekannterweise endete sie mit dem Aussterben der Dinosaurier, es war eine Wendezeit.
Und heute? Unsere Zeit ist geprägt von multiplen Krisen, die sich Rechtspopulisten zunutze machen. Robert Kraner schreibt von einer Gruppierung „Parade X“, die offenbar gute Beziehungen zur österreichischen Regierung hat.
Basisdemokratie in der Arche
Als Gegenpol agiert die Landwirtschaftskommune „Arche“, eine Gruppe Engagierter, die Gemüse anbaut und sich in ewigen Debatten zermürbt. Es gelingt dem Autor, die unterschiedlichen Charaktere und Meinungen innerhalb der Arche zu beschreiben, die aus basisdemokratisch orientierten Gruppierungen bekannt sind und immer wieder zu Kompetenzstreitigkeiten und Zerwürfnissen führen.
In einem dritten Erzählstrang führt Robert Kraner in der niederösterreichischen Stadt Horn eine Geschichte mit Geflüchteten ein. Auch hier trifft er exakt den richtigen Ton, wenn er von pensionierten Deutschlehrern spricht, die sich über „typische orientalische Mentalität“ und Faulheit ihrer Schüler in den Deutschkursen beklagen.

Kreide von Robert Kraner. Foto: MZ
Zwei Asylbewerber, die einem Betrunkenen helfen wollen, werden von ihm wegen Diebstahl angezeigt, klar doch, die Polizei ist untätig und sie müssen selbst den verlorenen Geldbeutel suchen.
Robert Kraner beschreibt die aufgeheizte Stimmung, die schließlich zu Gewalt führt, wobei ein Kind stirbt, mit unpathetischen lapidaren Worten. Der unbescholtene Rentner war es, der bei dem Kinderwagen mit dem syrischen Mädchen die Bremse löste und dem Wagen einen Schubs gab. Der erste Teil des Buches heißt „Garten“ und startet mit den berühmten Zeilen von Leonhard Cohen „There is a crack in everything. That’s how the light gets in.“
Entführung
Er endet mit Geschichte von Mia, einer politisch Engagierten aus der Arche. Sie entdeckt ein geheimes Waffenlager der Gruppe „Parade X“ und meldet es der Polizei. Trotz äußerster Verschwiegenheit sickert Mias Name zur „Parade X“ durch. Mia wird entführt und in einen Keller gesperrt.
Der zweite Teil „Keller“ spielt zumeist genau dort und Robert Kraner taucht in die Gefühlswelt Mias ein, die dort drei Monate festgehalten wird. Trotz ihrer Angst gelingt es ihr, einen Plan für ihre Befreiung zu entwickeln.

Robert Kraner und Kreide. Foto: privat
Der Autor beschreibt auch mit anderen Worten die Gespräche der drei Entführer von der Parade X. Da ist von Scheißgutmenschen die Rede und von Afghanenarabergsindel, die man mit einem Schifferl mit einem Lückerl die Donau abwärts treiben lassen müsse.
Und dann wieder die urkomische Geschichte, als Mias Freund Clemens die Fleischfliege in die Kehle bekommt. Der Autor findet für jede Begebenheit und Situation die passende Sprache. Die Geschichte entwickelt sich spannend, die Sprache variiert wieder und eilt im Traum eines Entführers dem Höhepunkt entgegen.
Suche zurück ins Leben
Der dritte Teil heiß „Meer“ und beschreibt die verzweifelte Suche Mias zurück ins Leben. So stark sie im Keller war, so ungeheuer überfällt sie nach der Befreiung das Trauma. Und so ist der Roman nicht nur ein zeitgeschichtlicher Abriss einer Wendezeit, sondern vor allem eine psychologische Verarbeitung all des Schrecklichen, was Mia im Keller erlebte. Mit kurzen abgehackten Sätzen kann der Autor das zerstückelte Leben der jungen Frau einfangen: „Ich tu so, als ob ich lebte. Ich tu so, als ob ich frei und gesund wäre. Ich warte.“
Durch den Wechsel in die Ich-Form kann Robert Kraner in die Seele Mias eindringen. Sie will die Angst verlieren und dies kann nur in kurzen Schritten erfolgen. Deshalb schreibt Robert Kraner kurze Sätze, kurze Abschnitte und zieht die Leserin hinein in dieses veränderte Leben, das sich langsam wieder zu einer neuen Pflanze entwickelt.
Hier finden Sie nähere Informationen zum Schreibseminar mit Robert Kraner am 11. April von 9 bis 17 Uhr im Bürgergewölbe Weyarn. Anmeldungen bei Selina Benda unter sb@kulturvision.de