Zitterwald und Teufelsmauer – Reisen in Deutschland

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Da war ich eigentlich noch nie. Von der Wunderkammer des Reisens in Deutschland. Foto: Hannah Miska

Mallorca oder Rügen? Garda- oder Bodensee? Wer immer noch unschlüssig ist, ob er den Urlaub wie gewöhnlich in Spanien oder Italien oder dieses Jahr vielleicht doch besser in Deutschland verbringen soll: Hier kommt ein hilfreicher Ratgeber: „Da war ich eigentlich noch nie“ von Thomas Böhm.

Buchtipp von KulturVision

Waren Sie schon mal in Huy? Oder im Kannenbäcker- und Knoblauchsland? Namen wie aus einem Märchen, aber es gibt sie wirklich, diese Orte. Wir finden sie beim Stöbern im soeben im Verlag DAS KULTURELLE GEDÄCHTNIS erschienenen Buch „Da war ich eigentlich noch nie“.

Kurschatten und andere Kuriositäten

Das Buch ist ein Reiseführer der besonderen Art, und eigentlich begibt man sich schon gleich beim Lesen in den Urlaub, so viel Spaß macht die Lektüre. Pünktlich zur Reisezeit ist den Machern des Buches hier ein ungeheuer originelles, vergnügliches und wunderbar illustriertes Potpourri zum Thema Reisen durch Deutschland gelungen. Man liest Amüsantes über das Reisen anno dazumal, macht einen Ausflug in das Berliner Rotlichtmilieu Anfang des 20. Jahrhunderts, begegnet dem ewigen Kurschatten, klaubt unterwegs Kuriositäten auf (Orte, die durch den Verkehrsfunk bekannt wurden – natürlich: Wunstorf-Luthe!) und erinnert sich an Sommerhits aus den 70ern und 80ern (Micha, mein Micha: Du hast den Farbfilm vergessen!).

Pack die Badehose ein

Natürlich gibt es auch jede Menge Ideen für heutige Reiseziele. Von UNESCO-Welterbestätten über Nationalparks und Kurorte, von Gartenlandschaften über Tropfsteinhöhlen bis hin zu den beliebtesten Radwegen und Badeseen, von Buchdörfern, Biergärten und Museen, von malerischen Campingplätzen und Sommerrodelbahnen bis hin zu den schnellsten Achterbahnen: Es gibt nichts, was es nicht gibt, alles gespickt mit Skurrilitäten und Urlaubs-Allerlei. Erheiternd zum Beispiel die aus dem Jahr 1897 stammenden Merktafeln für den Herrn und für die Dame, was man auf Reisen keineswegs vergessen sollte. Und während der Herr unter anderem an Cognac und Eispickel erinnert wird, wird der Dame — neben Badeanzug, Gebetbuch, Mieder und Häubchen — durchaus das Fläschchen Wein für unterwegs anempfohlen.

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Pantoffelhelden der Landstraße. Foto: Hannah Miska mit Genehmigung des Verlags.

Reisen statt rasen

Für die Radler unter uns ist die Geschichte der Radfahrpionierin Amalie Rother interessant. Die sportliche Dame, die bereits um 1890 mit dem Fahrradfahren begann und den ersten Berliner Fahrradclub gründete, schrieb in ihrem 1897 erschienenen Fahrradbuch, dass das Haupterfordernis für das Radfahren die Bedürfnislosigkeit sei. Das dürfte bis heute gelten, es sei denn, man schickt einen Koffer mit großer Garderobe voraus – aber, so warnte Rother schon damals, dann mache man sich zweifellos zum Sklaven des Koffers. Recht hat sie.

Lesetipp: Pilgern in Tirol

Bequemer ist da natürlich die Reise mit dem Auto, bei der man sich, wie schon Otto Julius Bierbaum, Autor des 1903 erschienenen ersten Autoreisebuchs der deutschen Literatur, befand, ganz anders „equipieren“ könne. Wichtig war ihm bei der Autoreise vor allem die Freiheit der Bewegung, nicht die Schnelligkeit. „Reisen sage ich, nicht rasen.“, so lautete seine Empfehlung, die man gern auch heute noch so manchem Zeitgenossen ans Herz legen möchte.

Qual der Wahl

Aber egal, ob man nun wandert, radelt, den Zug nimmt oder das Auto: Wohin soll es denn nun gehen? Soll man sich endlich einmal Weimar anschauen und bei der Gelegenheit die Wartburg besichtigen (beides Weltkulturerbe)? Oder in dem von Fürst Pückler im 19. Jahrhundert gestalteten Muskauer Park spazieren gehen, der heute der größte Landschaftspark Zentraleuropas im englischen Stil ist (auch Weltkulturerbe)? Soll man auf den Spuren des Lieblingsdichters wandeln – mit Theodor Fontane durch die Mark Brandenburg wandern, Kurt Tucholsky im Schloss Rheinsberg besuchen, bei Erika Fuchs, Donald Duck und all den anderen Bewohnern Entenhausens in Schwarzenbach an der Saale vorbeischauen? Das wäre auch was für die Kinder. Mit denen könnte man freilich auch an die Ostsee fahren und im „Schwur des Kärnan“ (Hansa-Park Sierksdorf) den weltweit einzigartigen Rückwärtsfreifall aus über 60 m Höhe testen. Beschaulicher, aber gegebenenfalls nervenschonender wäre allerdings ein Zoobesuch – die Liste der tierreichsten Zoos, so erfahren wir, wird angeführt von Berlin, München und Hamburg. Nicht unattraktiv klingt die Idee von der Kunst des Verirrens, mit der wir uns an dieser Stelle jedoch nicht verfranzen wollen.

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Mit Fontane durch die Mark Brandenburg. Foto: Hannah Miska mit Genehmigung des Verlags

Vom Glanz der Vergänglichkeit

Ein ganz besonderer Tipp (und mein persönliches Highlight) sind die sogenannten „Lost Places“ — verlassene, aufgegebene Luxushotels, Bahnhöfe, Fabriken oder auch Krankenhäuser. Da ist zum Beispiel die ehemalige Lungenheilstätte Beelitz, die im ersten und zweiten Weltkrieg als Lazarett und Sanatorium für verwundete Soldaten diente — auch Adolf Hitler wurde hier mal behandelt. Der letzte prominente Patient war der an Leberkrebs erkrankte Erich Honecker, bald danach wurde die Sanierung der Klinik eingestellt. Ein großer Teil der prächtigen Jugendstil-Gebäude, so heißt es im Reiseführer, verfalle inzwischen und sei heute über einen Baumkronenpfad und in geführten Touren zu besichtigen. Na dann – nichts wie hin.

Thomas Böhm (Hrsg.): Da war ich eigentlich noch nie. Die Wunderkammer des Reisens in Deutschland. Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin, 2021. Gebundene Ausgabe, 320 Seiten, 28 Euro.

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