Wie abhängig sind die Medien?

Die Abhängigkeit der Medien. Foto: pixabay Gerd Altmann

Online-Vortrag

Auf Einladung der vhs Oberland beantwortete Michael Meyen von der Ludwig-Maximilians-Universität München diese Frage erschreckend eindeutig und zeigte aber auch Wege in die Freiheit auf.

An der Frage „Wie abhängig sind die Medien?“ entscheide sich die Demokratie, führte vhs-Leiter Thomas Mandl in das Thema ein. „Sind die Medien wirklich die vierte Gewalt und erfüllen ihre Aufgabe mit objektiver Berichterstattung den Staat zu überwachen?“ fragte er. Ob die Leitmedien glaubhaft seien und wahrheitsgetreu und qualitätsgerecht die Wirklichkeit abbilden oder ob sie zur Stabilisierung der Herrschaftsverhältnisse beitragen, fragte er.

Michael Meyen ist Professor für Kommunikationswissenschaften und verfasste zum Thema mehrere Bücher, wie „Die Propaganda Matrix“ oder zusammen mit Alexis von Mirbach „Das Elend der Medien“ und betreibt den medienblog.hypothesis.org.

Leitmedien beeinflussen

Leitmedien, so stellte er eingangs fest, sind die Plattformen, die eine größere Gruppe von Menschen erreichen und das Gedächtnis einer Gesellschaft darstellen, wie es der Philosoph Niklas Luhmann definierte. Sie schaffen aber auch eine Realität 1. Ordnung, heißt, sie beeinflussen durch ihre Berichterstattung und sie besitzen eine, wie der Soziologe Ulrich Beck sagte, Definitionsmacht, was bedeutet, dass sie die Ressourcen besitzen, um in der Öffentlichkeit ihre Version der Realität zu verbreiten.

Michael Meyen
Pro. Dr. Michael Meyen. Foto: Ekkehard Winkler

Heute finde ein Kampf mit harten Bandagen statt, um Publikum zu gewinnen, behauptete der Vortragende. Diesen Kampf erläuterte er an einer Arena, der er vier Bereiche zuwies. In der Diskursordnung, die der herrschenden Ideologie entspreche, entscheide sich, was von wem wo und wie gesagt werde. Letztlich gehe es hier um die Ideen, die die Menschen gut finden, wie es der Journalist und Autor George Orwell formulierte.

Welche Themen auf Seite 3?

Beispiele für diese Themen seien, so Michael Meyen, Schutz vor großem Eigentum, Vergötterung von Markt und Erfolg, Wachstum und Beherrschbarkeit, sowie Zukunftsangst und der Glaube an Staat und Wissenschaft. Mit anderen Worten: „Was sorgt dafür, welche Themen auf Seite 3 der Süddeutschen Zeitung kommen?“

Medien
Die Medien als Arena. Grafik: Michael Meyen/pixabay

Ein zweiter Aspekt betrifft die Medialisierung, der Wunsch also, in der Öffentlichkeit gut dazustehen. Dafür gebe es in der Politik große PR-Stäbe, die den Medien genau das vermitteln. Allein das Bundespresseamt beschäftige 450 Personen. Aber selbst Schulen würden heute schon daran arbeiten, in den Medien einen guten Eindruck zu hinterlassen, Negativberichte müssen vermieden werden. Events würden bereits nach Medientauglichkeit ausgewählt.

Tropf der Regierung

Dazu komme die finanzielle Abhängigkeit der Medien von Subventionen. „Zeitungen hängen am Tropf der Regierung“ formulierte es der Vortragende griffig. Einen Tabubruch habe es 2020 gegeben, als im Nachtragshaushalt der Bundesregierung die Anzeigenverluste der Printmedien ausgeglichen werden sollten. Zwar habe es Einspruch gegeben, aber die Wechselbeziehung zwischen Politik und Medien sei unbestritten.

Dies komme auch in der Medienorganisation zum Tragen. Der Auftrag der Medien stehe gegen ihr Überleben. Vielerorts komme es zur Konzentration, zu Schrumpfung und damit zu Angst.

Haltungsjournalismus

Letztlich beleuchtete Michael Meyen das journalistische Feld selbst, das durch Intellektuelle geprägt sei, die genau wüssten, was gut und richtig ist, aber auch, dass sie Einfluss haben. „Sie stellen die Wirklichkeit so dar, dass die Politik recht hat“, konstatierte er und sprach von einem Haltungsjournalismus. Dieser widerspreche dem berühmten Satz von Hanns-Joachim Friedrichs, nach dem sich ein guter Journalist mit keiner Sache, auch keiner guten, gemein machen dürfe.

Medien
Genau hinschauen. Foto: pixabay kranich 17

Zum Schluss forderte der Medienkritiker dazu auf, dass der Journalismus wieder den Auftrag wahrnehmen müsse, alle Themen und alle Perspektiven abzubilden. Der Wahrheitsgehalt der Informationen, der unser Handeln bestimme, müsse geschützt und gesteigert werden. Die Ausbildung von Journalisten dürfe nicht in den Medienkonzernen stattfinden und für alle offen sein.

Transparenz und Vielfalt, sowie eine Institutionalisierung von Medienkritik sei notwendig. Jeder aber könne Beschwerden und Leserbriefe sowie neue Medien benutzen.

Medienkritik Wasser auf Mühle von Querdenkern?

In der Diskussion sprach Thomas Mandl einen wesentlichen Punkt an: Diese Medienkritik sei doch wohl Wasser auf die Mühlen von Querdenkern oder Impfgegnern. „Ich will der wissenschaftlichen Wirklichkeit nahekommen, was andere damit machen, liegt außerhalb, ich will aber nicht die Erkenntnisse zurückhalten“, antwortete Michael Meyen.

Er sprach sich dafür aus, die Öffentlich-Rechtlichen Medien von der Politik zu entkoppeln und die Aufsichtsräte im Losverfahren zu wählen.

Fazit der lebhaften Diskussion: Verstand einschalten, Gegenseite hören, nicht im eigenen Bubble bleiben, Kritik äußern.

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