
Alte Wut und vererbtes Trauma
Caro Matzko mit ihrem Buch „Alte Wut“ im Hotel Blyb. in Gmund. Foto: CS
Lesung in Gmund
Caro Matzko, die bekannte Fernsehmoderatorin, Journalistin und Autorin, las im Hotel Blyb. in Gmund aus ihrem Buch „Alte Wut – warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste“. Darin erzählt sie von seiner Flucht als zehnjähriger Junge mit seiner Familie aus Ostpreußen. Und davon, wie dieses Trauma ihres Vaters zu ihrem eigenen wurde.
Witzig, frech und schlagfertig – so kennt man Caro Matzko aus dem Fernsehen als Co-Moderatorin von Hannes Ringlsetter in der gleichnamigen Late-Night-Show des Bayerischen Rundfunks (BR). Dass die heute 46-Jährige psychisch schwere Zeiten hinter sich hat, vermutet niemand. „Ich habe eine lange Krankheitsgeschichte hinter mir“, erzählt sie bei der Lesung im Hotel Blyb. am 19. Januar, die bis auf den letzten Platz ausverkauft war. Als Jugendliche litt sie an einer schweren Essstörung und musste deswegen mehrfach in Kliniken behandelt werden. „Ich wäre fast hopsgegangen“, erzählt sie mit dem für sie typischen sarkastischen Humor, der in Zusammenhang mit diesem ernsten Thema verstörend wirkt.

Das Hotel Blyb. in Gmund. Foto: CS
Später kamen Depressionen und Burnout hinzu. Als sie sich beim Betriebsfest des BR durch die „Katakomben“ davonschlich, um keinem Kollegen zu begegnen, merkte sie, dass es Zeit war, sich therapeutische Hilfe zu holen. „Wenn mich einer gefragt hätte, wie es mir geht, hätte ich sofort losgeheult“, erzählt sie rückblickend.
Nach endlos vielen Therapiesitzungen, die nicht wirklich halfen, begann sie eine Traumatherapie. Diese brachte endlich den langersehnten Durchbruch: „Ich habe dadurch verstanden, dass meine Traurigkeit eigentlich nicht meine ist.“ Dazu hätte sie auch keinen Grund gehabt, erzählt sie humorig: „Ich durfte mit Ringlsetter abhängen, konnte während der Arbeitszeit Weinschorle trinken, habe ein gesundes Kind und einen schnittigen Mann.“ All das änderte aber nichts an der Tatsache, dass sie vor allem eins war: tieftraurig.
Auf der Suche nach dem Seelenfrieden in Masuren
Während der Traumatherapie begegnete ihr ein Kind – sie begriff, dass dieses Kind nicht sie, sondern ihr Vater war. „Er stand ganz real vor mir und er sagte zu mir: ‚Du musst hierbleiben, du darfst mich nicht verlassen!‘“ Da hätte sie verstanden, woher ihre Traurigkeit rührte. „Das war eine unglaubliche Erleichterung“, sagt sie rückblickend.
Danach beschloss sie, den Kern des väterlichen Traumas zu erforschen, und fuhr 2024 mit ihrem Mann und ihrer zwölfjährigen Tochter in den Sommerferien nach Polen. Genauer gesagt in das Gebiet des ehemaligen Ostpreußens, wo ihr Vater aufwuchs. 3000 Kilometer im Auto in 10 Tagen, während andere baden gehen und Sonnenuntergänge vom Gardasee posten, liest sie aus ihrem Buch vor. Sie hatte große Angst vor dieser Reise. Als ihr Mann sie fragte, was sie sich davon erwartete, spürte sie Wut: „Ich glaube, ich suche etwas, was ich nicht finden kann – Seelenfrieden.“
Caro Matzko sah mit den Augen des Vaters die Greuel der Flucht
Ihr Vater verbrachte seine ersten zehn Lebensjahre unbeschwert mit seinen Eltern und seiner Schwester in ländlicher Idylle in Osterode in Masuren. Bis die Russen kamen, die sich barbarisch und mit unverstellbarer Brutalität an den dort lebenden Zivilisten für die Taten der Deutschen im eigenen Land rächten.
Aus ihrem Buch liest Caro Matzko eine emotional bewegende und schwer zu ertragende Schlüsselstelle vor, als sie an Elbing vorbeifuhren, jenem Ort, an dem die Russen die Flüchtenden einholten. „Ich stelle mir meinen Vater vor, wie er hier vor 80 Jahren mit seinen dünnen Kinderbeinen und roten Segelohren hungrig und in Todesangst durch den hohen Schnee stapfte – minus 20 Grad und über ihm das Grollen der Tiefflieger“, liest sie vor.
In diesem Moment „kippte etwas“ in ihr und sie sah mit den Augen ihres Vaters ihre Beine in seinen blutverschmierten, nassen Winterstiefeln stecken. Und sie sah die Greuel, die er erlebte – wie die russischen Panzer in den Treck der Flüchtenden hineinfuhren und Kinder, Frauen und Pferde überrollten. Wie seine Schwester in den russischen Panzer hineingezogen wurde. Wie er in den Lauf einer Kalaschnikow blickte und sein Vater für immer verschwand.

Caro Matzko mit Barbara Schäfer von der Seebuchhandlung Rottach, die den Abend moderierte. Foto: CS
Tief in sich spürte sie beim Blick aus dem Autofenster, dass das der Ort gewesen sein musste, an dem all das passierte. „Es bricht sich eine unendliche Traurigkeit Bahn und ich kann endlich weinen“, schildert sie den Moment in ihrem Buch. Die Betroffenheit im Publikum lässt sich mit Händen greifen. Auch Moderatorin Barbara Schäfer von der Seebuchhandlung Rottach, die die Lesung organisiert hat, ringt um Fassung. Sie erzählt, wie viele Menschen in ihre Buchhandlung kommen und sich für das Buch interessieren – ganz häufig, weil die Fluchterfahrung aus Ostpreußen Teil ihrer eigenen Familiengeschichte ist.
Caro Matzko: „Sie dürfen ruhig weinen, wenn es ihnen danach ist“
Auf ihrer Reise lernte Caro Matzko zu verstehen, warum ihr Vater, vor dem sie als Kind große Angst hatte, so war, wie er war. Warum er von einer Sekunde auf die andere so wütend sein konnte – bis hin zur Gewalttätigkeit. Eine Wut, die vom erlebten Leid und vom Gefühl, alles verloren zu haben, herrührt: den Vater, die Heimat, die Identität und vom Gefühl des Fremdseins in der neuen Heimat. Eine Wut, die Caro Matzko als Kind nie einordnen konnte und auf sich bezog. „Für mich war das so ein Aha-Effekt, als ich verstanden habe, dass Wut bei Männern ein Symptom für eine verdeckte Depression ist.“

Das Buch von Caro Matzko erschien im Oktober 2025 bei Piper. Foto: CS
„Sie dürfen ruhig weinen, wenn es ihnen danach ist“, richtet Caro Matzko sich ans Publikum im Blyb. Auch dürfe man aufstehen und gehen, wenn es zu viel oder man müde sei. Mit ihrem Humor versucht sie immer wieder, die Stimmung im Raum trotz der Schwere des Themas nicht zu sehr ins Traurige abgleiten zu lassen. In genau jene Traurigkeit, die sie von Kindesbeinen an bei ihren Eltern spürte. „Ich wollte, dass meine Eltern nicht belastet sind, und habe versucht, zu funktionieren und sie glücklich zu machen“, erzählt sie.
Eine viel zu große Last für ein kleines Kind, die sie geradewegs in die Krankheit führte. Heute weiß sie, dass sie die Probleme ihres mittlerweile 90-jährigen Vaters nicht lösen kann und dass das auch nicht ihre Aufgabe ist: „Ich kann nur versuchen, das Problem für mich zu lösen“, betont sie. Denn eins will sie auf keinen Fall: das transgenerationale Trauma an ihre Tochter weitergeben.