Ist Nächstenliebe nicht Flucht vor uns selbst?

Schreibseminare am Gardasee

Bodo Kirchhoff und seine Frau Ulrike Bauer. Foto: Monika Ziegler

Neuerscheinung auf dem Buchmarkt

Schon der Titel „Widerfahrnis“ ist ein typischer Bodo Kirchhoff. Wer sonst würde solche Wörter verwenden. Und genau die Sprache ist es auch, die einen enormen Sog auf den Leser dieses neuen Buches des Frankfurters ausübt, das im Tegernseer Tal beginnt.

Die Sprache deshalb, weil Bodo Kirchhoff zum einen einen von Haus aus eigenwilligen vorwärts drängenden Stil schreibt, dem sich der Leser nicht entziehen kann und zum anderen, weil er seinen Protagonisten, einen Verleger, immer wieder über Wörter sinnieren lässt, ob sie so stehen bleiben dürfen oder ob er sie lieber streichen muss. Ein Zeuge sozusagen des Erzählers, ein Kritiker der eigenen Erzählkunst. Jedem Nachwuchsautor schon deshalb dringend zu empfehlen, das Buch zu lesen.

Flucht in doppelter Bedeutung

Aber es ist nicht nur die Sprache, sondern auch die Geschichte, die wieder einmal nach den großen Romanen „Die Liebe in groben Zügen“ und „Melancholie und Verlangen“ von der Liebe erzählt, von der Liebe eines alternden Mannes, und von Flucht in doppelter Bedeutung.

Bodo Kirchhoff nennt sein reichlich 200 Seiten starkes Werk „Novelle“, mit Recht, denn es erzählt eine unerhörte Begebenheit in einem kurzen Lebensabschnitt eines Menschen und endet unerwartet, genauso wie eine Novelle definiert und wie sie literarisch schon lange nicht mehr so meisterhaft umgesetzt wurde.

Sonnenaufgang am Achensee

Protagonist Julius Reither war Verleger, aber nachdem es mehr Schreibende als Leser gibt, löste er seinen Verlag auf und lebt nun im oberen Weissachtal in einer Art Seniorenresidenz, aber mit eigenen abgeschlossenen Wohnungen. Hier entdeckte er ein Büchlein ohne Titel, das ihn anzieht. Im Grunde war es ein Satz: „Sie bewegte sich als könnte ihr Körper jeden Moment zerfallen.“ Eine Mutter durchlebt den Selbstmord ihrer einzigen Tochter.

widerfahrnis

Die Autorin Leonie Palm steht zu Beginn der Novelle vor seiner Tür, will ihn zu einem Leseabend einladen und sofort nimmt die Geschichte Fahrt auf, denn die beiden beschließen noch in der Nacht nach mehreren Gläsern Rotwein und ungezählten Zigaretten den Sonnenaufgang am Achensee zu erleben. Sie fahren in Leonies Uralt-Cabrio los, an einem 22. April, aber aus dem Sonnenaufgang wird nichts, weil es am Achensee noch zu dunkel ist. So fahren sie weiter und es beginnt eine Road novel bis nach Sizilien, wo sie am 24. April endet.

Thema wird sukzessive aufgebaut

Italienkenner Kirchhoff beschreibt dieses Reise mit einer gezirkelten, detaillierten Sprache ebenso präzise wie die langsame Annäherung von Palm und Reither, wie sie sich nennen. Wann genau die Widerfahrnis der Liebe passiert, ist nicht auszumachen, vermutlich ist es ein Hineinfließen in die nicht mehr geglaubte Tiefe einer menschlichen Beziehung.

Eine andere Widerfahrnis aber geschieht punktgenau als sie sich erstmals in Taormina eine Übernachtung in einer kleinen Wohnung gönnen. Wie Thomas Mann in seiner Novelle „Tod in Venedig“ baut Bodo Kirchhoff sein zweites Thema sukzessive auf. Es beginnt schon an der Rezeption seiner Seniorenresidenz, wo eine Frau aus Eritrea arbeitet, deren Flüchtlingsschicksal aber nicht von ihr, sondern der bulgarischen Kollegin erzählt wird. Der Autor setzt seine Vorbereitung mit der Beschreibung von Flüchtlingscamps am Brenner und einer Begegnung in Affi mit einer Flüchtlingsfamilie fort. Und dann kulminiert das Thema mit dem namenlosen Flüchtlingsmädchen, das Palm und Reither bei sich aufnehmen, ausgerechnet in der ersten Nacht im gemeinsamen Bett.

Die große Frage im Umgang mit Flüchtlingen „Wissen wir überhaupt was diese Menschen brauchen?“ erweitert Kirchhoff zu der Frage: „Ist unsere Nächstenliebe nicht eigentlich Flucht vor uns selbst.“ Palm und Reither haben beide ein Kind verloren und sehen in dem Mädchen die Erfüllung ihrer Sehnsucht nach einer Familie.

Auf der Shortlist

Dass das so nicht funktionieren kann, beschreibt Kirchhoff auf den letzten Seiten seines Buches in rasantem Tempo und dann funktioniert Nächstenliebe ganz überraschend doch, aber anders, als es sich Reither vorgestellt hat. Wie in einer richtigen Novelle bringt der letzte Satz der Geschichte noch eine ganz überraschende Wendung.

„Widerfahrnis“ ist in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen und hat es auf die Shortlist des Deutschen Buchhandels gebracht. Am 18. Oktober wissen wir, wer das Rennen macht.

Bodo Kirchhoff, der schon mehrfach im Landkreis Miesbach zu Gast war, ist einer der wenigen Schriftsteller, der seine Kenntnisse weitergibt. Alljährlich veranstaltet er mit seiner Frau Ulrike Bauer Schreibseminare am Gardasee, sehr empfehlenswert.

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