Gier: Fluch oder Segen?

Gier: Fluch oder Segen?

Philosoph Christoph Quarch. Foto: Monika Ziegler

Philosophischer Tag in Valley

Zum vierten Philosophischen Tag an der Mangfall trafen sich 23 Interessierte, um zu erfahren, wie man die Gier zu einem fruchtbaren Aspekt des Lebens machen könne. Philosoph Christoph Quarch hatte dafür einen Brückenbauer parat.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Anders wachsen“ und auf Einladung von „Kunst in der Anderlmühle“ hatte Christoph Quarch im vergangen Jahr Ideen für „Richtiges Wachsen“ aus der Philosophie präsentiert, in diesem Jahr lag der Fokus bei der Gier und schon in der Vorstellungsrunde wurde klar, dass bei den Teilnehmern der Begriff vorrangig negativ besetzt war. Quarch, der zunehmend Wirtschaftsphilosophie unterrichtet, meinte aber dazu, dass jeder von uns damit arbeite und sie dennoch verwerflich finde. Dieser Doppelmoral wolle er heute mit diesem Seminar in einer Weltpremiere auf den Grund gehen.

Dazu zeigte er zunächst eine Szene aus Oliver Stones Film „Wall Street“, in der Michael Douglas als Finanzhai klar ausdrückt, dass die Gier gut und die Grundlage der Entwicklung der Menschheit sei. Wer ist moralisch schlechter, der kleine Aktionär oder der große, fragte Quarch und öffnete damit den Blick in die menschliche Seele und damit in die Ambivalenz oder sogar Paradoxie unseres Ethos.

Gier: Fluch oder Segen?
Michael Douglas in „Wall Street“. Foto: Monika Ziegler

Verdanken wir materiellen Wohlstand und Frieden der Ökonomie der Gier? Garantiert nicht der freie Markt den Frieden, wie der Neoliberalismus sagt? Und ist nicht die Gier der Inbegriff unserer Motivation? Um diese Fragen zu beleuchten, ging Christoph Quarch tiefer auf die moralische Verurteilung der Gier ein. In allen Kulturen sei sie als Laster abgestempelt, führt der Philosoph und Theologe aus, im Neuen Testament sei sie als Triebhaftigkeit im Gegensatz zur Nächstenliebe eingeordnet. Sie überschatte unseren Willen zur Liebe und führe zu einer vernunftlosen Dynamik.

Gier: Fluch oder Segen?

Während der Mensch bis zum Mittelalter dem Willen Gottes unterworfen und als Sünder erlösungsbedürftig gewesen sei, habe die Renaissance den Menschen als schöpferisches Wesen gesehen. Dann aber sei ein neues Menschenbild entstanden. Der französische Philosoph Descartes habe als Fundament des Menschen die Ratio ermittelt und damit den Menschen als Herr und Meister über die Natur gesehen. Der englische Philosph Thomes Hobbes hingegen habe ihn als Bestie gesehen, der nur seinen eigenen Vorteil suche. „Damit wurde der Gier der Boden bereitet“, sagte Quarch. Die von Friedrich Nietzsche als Umwertung der Werte eingeleitete Veränderung hin zum Homo oeconomicus halte bis heute an.

Will der Mensch nur seine Bedürfnisse befriedigen?

Selbst Charles Darwin habe die Gier, die auf Mangel reagiert, als treibende Kraft der Evolution gesehen und damit sei sie gut für die Ökonomie und gehöre zudem zur Grundausstattung des Menschen. Ist der Mensch nun aber wirklich ein Wesen, das nur effizient seine Bedürfnisse befriedigen will? Der Neoliberalismus sieht das so und redet dem Menschen immer neue Bedürfnisse ein.

Die entstehenden Schäden seien in der Umwelt, in der wachsenden Ungerechtigkeit, aber auch der zunehmenden Krankheit der Menschen sichtbar. Um das Menschenbild zu verstehen, machte Christoph Quarch einen Ausflug in die Antike zum Mythos von Midas, dem gierigen König, der einsehen musste, dass Gold den Bauch nicht voll macht. Der Auftrag der Antike lautet, so wie am Apollontempel in Delphi zu finden: „Erkenne dich selbst“.

Alles hat sein Maß

Und Apollon selbst als Gott der Mäßigung verkündet, dass es kein grenzenloses Wachstum geben kann, sondern alles seine Grenze und sein Maß habe. Das dominierende Prinzip in der Natur sei das Streben nach Harmonie. „Die Gier aber macht immer weiter und das widerspricht der Natur des Lebens“, sagte Quarch. Aus einem Sokratischen Dialog folgerten wir, dass nur der Unkundige kein Maß kenne, der Kundige aber wisse, wann es genug ist.

Gier: Fluch oder Segen?
Christoph Quarch gibt eine Aufgabe. Foto: Monika Ziegler

Aristoteles schließlich wandte das Menschenbild auf die Ökonomie an und folgerte schon vor 2400 Jahren, dass es problematisch sei, wenn sich die Realwirtschaft von der Finanzwirtschaft trenne, dann fehle das Maß und es gehe nur noch um Geldvermehrung. Der Grund dafür liege darin, dass es Menschen gebe, die nur leben wollen und das gute Leben aus dem Auge verloren haben.

Treibende Kraft des Lebens ist die Liebe

Nach einem köstlichen Mittagessen wurde am Ufer der Mangfall bei einer ausgedehnten Wanderung in Zweiergruppen weiter philosophiert. Grundlage bildete ein Text von Platon, in dem er Sokrates und Diotima in den Dialog treten lässt. Diotima behauptet, dass die treibende Kraft des Lebens die Liebe sei und die Frage lautete: Was hat die erotische Liebe mit Gier zu tun?“


„Eros ist nicht gleich Sex“. Foto: Monika Ziegler

Die Ergebnisse wurden nach Rückkehr und Kaffeepause in der Runde diskutiert. Und Christoph Quarch gab all den Ideen anschließend eine Struktur. Er kennzeichnete die Gier als entarteten Eros. Der Eros nämlich, nicht mit Sex zu verwechseln, der Eros strebe nach Unsterblichkeit, die er durch Fortpflanzung, Ruhm oder geistige Werke, wie Kunst oder Wissenschaft realisiere.

Nach gutem Leben streben

Die Gier als Form des Eros strebe nun nach unendlich vielen Möglichkeiten, bekomme nie genug, wolle von allem immer mehr. Die andere Variante aber sei, nach dem guten Leben zu streben, nach einer konkreten Lebensform, die maßvoll und im Einklang mit dem Kosmos sei. An dieser Schwelle den richtigen Pfad zu finde, das sei die Aufgabe des Menschen und sei eine Frage des Entwicklungsgrades des Einzelnen.

Gier: Fluch oder Segen?
Von der Gier zum Eros, vom Haben zum Sein. Foto: Monika Ziegler

Christoph Quarch erläuterte diesen Gedanken noch, in dem er die vier Stufen des menschlichen Lebens, so wie es in der griechischen Antike gesehen wurde, aufzeigte. Demnach ändert sich der Eros im Laufe des Lebens. Anfangs, in der Jugend, tendiert er eher zur Gier, beim Verliebtsein und bei der Bildung einer Partnerschaft. Hier sei der Mensch noch vom Haben wollen geprägt. Dann aber folge die Weichenstellung und er könne sich hin zum Sein entwickeln. Hier gedeihe Freundschaft und als höchste Stufe die Agape.

Vom Eros anziehen lassen

Wie aber schafft man den Sprung vom Haben zum Sein? „Durch Wollen geht es nicht“, sagte Quarch, aber durch Offenheit, Begeisterung und Sehnsucht nach dem lebendigen Leben könne man sich vom Eros anziehen lassen. „Und wenn das für den Einzelnen geht, dann sollte es auch in der Ökonomie gehen“, visionierte Christoph Quarch. „Wir brauchen eine Ökonomie, die nicht von der Gier getrieben ist, sondern von Liebe zum Leben.“

Hier finden Sie weitere Angebote von Christoph Quarch. Und der fünfte Philosophische Tag im Jahr 2018 wurde schon vereinbart.

Den Text zum dritten Philosophischen Tag finden Sie hier:
Schönheit und Liebe sind die Nährstoffe für die Seele
Und hier finden Sie seine Gedanken zum Jahreswechsel 2016/17:
Schenken Sie Vertrauen

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