„Free Man“? Von wegen: Musikvideo aus der Isolation

Mountain Lake Vista

Mountain Lake Vista beim Keller Kulturfestival im Waitzinger Keller 2019 Foto: Robert Hebel.

Musikvideo statt Live-Auftritt

Corona macht erfinderisch: Die Folk-Band Mountain Lake Vista durfte sich für das Musikvideo zur Single „Free Man“ nicht treffen. Gedreht hat sie es trotzdem – in der Badewanne, auf dem Moped oder in der Mini-Küche. Hier erzählen die fünf Musiker, wie sich die Performance in der Isolation angefühlt hat.

Bei YouTube stapeln sich die Streams der Solokünstler, die in Corona-Zeiten Wohnzimmerkonzerte für ihre Fans spielen. Aber wer als fünfköpfige Band ein vertretbares Musikvideo wünscht, der muss noch etwas kreativer werden. Wie Mountain Lake Vista aus Holzkirchen. Sie stehen kurz vor der Veröffentlichung ihres Albums „Wayfarer“, das für den 16. Mai im Arzbacher Kramerwirt geplante Release-Konzert kann erstmal nicht stattfinden.

Kein Treff für Dreh vom Musikvideo möglich

Nun wollen die Folk-Musiker „Wayfarer“ per Live-Stream als eine Art Listening-Session auf die Welt bringen (Samstag, 16. Mai, 20 Uhr live auf der Facebook-Seite der Band). Eine Single haben sie bereits veröffentlicht.

Sie heißt – wie (un)passend – „Free Man“. Im Song steckt Ernstes: Er handelt von einem Mann, der vorgibt, die Welt (oder zumindest Amerika) gesehen zu haben, ihr aber in Wahrheit eher davonläuft und alles andere als frei ist. Genau wie die Band, die sich wegen der Ausgangsbeschränkungen nicht für den Dreh des Musikvideos treffen durfte.

Wie das Musikvideo entstand

So wurde der Clip improvisiert – und dank Dominik Schmidt, der auch das Album produziert hat, in Windeseile veröffentlicht. Hier erzählen die Bandmitglieder, wie sich das Spielen vor der Kamera daheim (oder fast) angefühlt hat.

Raschelnde Überraschung im Wald

Vinzenz Semmler (Westerngitarre, Gesang): „Dass unsere Band jemals ein Playback-Musikvideo veröffentlichen würde, das habe ich mir nie im Traum vorstellen können. Wir als eingefleischte Live-Band? Kann das was werden? Und dann filmt auch noch jeder für sich? Die Zweifel waren völlig fehl am Platz. Eindeutig kann sich das Endresultat sehen lassen und bringt vielleicht den ein oder anderen von Euch zum Schmunzeln.

Lesetipp: Schmeißt den Laptop in die Ecke und geht raus in die Natur

Aber nun zum Video: Zusammen mit meiner Freundin Vroni sind wir Herrn Söders Stimme gefolgt und haben uns ins Freie begeben, genauer gesagt in den Wald rund um den Teufelsgraben in Holzkirchen. Das Licht war perfekt und so haben wir gleich zwischen moosigen Bäumen und alten Buchen wunderbare Fleckerl zum Filmen gefunden.

Musikvideo Semmler
Gründungsmitglied und „Bandopa“ Vinzenz Semmler (Gitarre, Gesang und Percussion). Foto: Robert Hebel

Das wohl spannendste Erlebnis des Tages hatten wir an einem vermeintlich verlassenen Tipi mitten im Wald. Neugierig sind wir drum herum strawanzt, als plötzlich aus dem Wald ein lautes Rascheln zu hören war. Ein Reh? Ein Fuchs? Oder doch ein verirrter Nordic Walker? „Ja grias Eich“, schallte es aus den Fichten. Der Basti, ein Erzieher des Holzkirchner Waldkindergartens lag versteckt unter seiner Lieblingstanne, um zu entspannen. Prompt hat er uns dann „sein“ Tipi gezeigt und uns herzlich zu zukünftigen Jam-Sessions eingeladen. Ein echt netter Deifä!“

Musikvideo
Die Damen der Band: v.l.n.r. Die Akkordeonistin Giustina Gabelli und Geigerin Veronika Muth Foto: Robert Hebel

Die Italienerin auf der Fensterbank

Giustina Gabelli (Akkordeon): „Das Musikvideo in einer der berühmten winzigen Wohnungen in der Münchner Innenstadt zu drehen, war eine Herausforderung. In meiner Miniküche gibt es kaum Platz für zwei Stühle, geschweige denn für ein meterlanges Akkordeon. Als gute Italienerin in Quarantäne beschloss ich, auch auf der Fensterbank zu spielen.

Niemand stimmte spontan – wie bei den Musikern auf italienischen Balkonen – in den Song ein, aber immerhin erhielt ich viele neugierige Blicke von Passanten und bekam mehr als nur ein Lächeln ab. Die Fensterbank sieht sehr cool aus, aber sie ist nicht sehr bequem zum Sitzen, das muss ich zugeben. Ich bevorzuge eine richtige Bühne.“

Wenn die Maske ausfällt und das Moped nicht anspringt

Veronika Muth (Violine): „Ein Video mit mir? Oje! Das ist so überhaupt nicht mein Fall. Andererseits: Hey! Corona-Zeit. Da geht es nicht um Professionalität, nicht um Schönheit und Perfektion, da geht es um die Sache selbst, um Authentizität und darum, ein paar Menschen zum Lachen und auf andere Gedanken zu bringen. Ein paar Tage lang lasse ich das Thema „Free Man“ in mir reifen und schustere mir daraus mein „Drehbuch“ zusammen: Was bedeutet mir Freiheit, ein freier Mensch zu sein, und wie bringe ich das mithilfe einfachster Mittel auf einen Kamerachip?

Zuerst wird die Geige von ihrem vorübergehenden Wohnort hergeradelt. Dann der Freund als Kameramann eingestellt und ins Drehbuch eingewiesen. Rein ins Kostüm, Maske fällt aus. Und ja: Kostüm ist etwas übertrieben ausgedrückt. Ich trage einfach das, was ich immer trage: warme Klamotten, etwas unschick, mitunter aus den 70ern. Kleidung für ein Leben im Bauwagen eben. Als die Sonne sich dann dem Horizont nähert, heißt es: „Klappe die erste!“

Letztendlich sind Take 2 und 3 (von dreien) die Takes meiner Wahl. Dass ich als „freier Mensch“ am Ende meines Videos ganz klassisch in den Sonnenuntergang rattere, war eine meiner ersten Ideen zum Drehbuch. Eh klar! Dass dies letztendlich an meiner Unfähigkeit, das Moped zu starten, scheitert, ist vielleicht ein Wink des Schicksals und Ansatzpunkt für die Philosophen unter uns: Besteht wahre Freiheit letztendlich darin zu scheitern und trotzdem was draus zu machen?“

Musikvideo Schaal
„Jüngstes Bandmitglied“: Gitarrist Sebastian Schaal Foto: Robert Hebel

Lagerfeuer per Streamingdienst

Sebastian Schaal, E-Gitarre, Gesang: „Da in unserem Haus nur noch meine Großeltern (75+) wohnen und ich auch kein Stativ oder sonstiges Handyzubehör besitze, musste ich beim Filmen meines Videos auf meinen Buchhalter aus Schulzeiten zurückgreifen. Deshalb mussten bei jedem Clip erstmal diverse Testaufnahmen gemacht werden, um sicherzustellen, dass auch alles im Bild ist.

Also legte ich hochmotiviert los mit Motiv Nummer eins im Wohnzimmer. Den Song einmal durchgespielt, alles super geklappt, doch dann stellte ich bei der Korrekturansicht das fest, was eigentlich jeder, der schon einmal ein Foto geschossen hat, weiß: dass in die Sonne zu filmen selten ein gutes Endresultat liefert. Also Versuch Nummer zwei auf dem Balkon im Bademantel. Alles lief super, bis mich in Minute drei ein, wahrscheinlich persönlich für mich organisiertes Kleinflugszeug laut knatternd aus dem Konzept brachte.

Da es nun langsam dunkel wurde, zog ich ins Wohnzimmer um, machte etwas Lagerfeuer-Ambiente per Streamingdienst, schmiss mich in Anzug, Weste und die in Corona-Zeiten gängige Business-Jogginghose und legte los. Endlich ein erfolgreiches Video! Da war es mir dann auch egal, dass im Eck deutlich ein Haufen LAN-Kabel zu sehen ist. Als nächstes Motiv entschied ich mich dann für meinen Garten. Ich hatte Glück. Es herrschte ausnahmsweise einen Vormittag lang Ruhe auf der Baustelle des grauenhaften Neubaugebiets hinter meinem Haus. Meine Beiträge waren im Kasten.“

Musikvideo Gmach
Wagt sich auch mal an die Mundharmonika, Gitarrist und Sänger Tobias Gmach Foto: Robert Hebel

Lederhose in der Badewanne

Tobias Gmach (Gesang, Westerngitarre): „Vor der Wand mit den Gitarren, das ist perfekt, dachte ich. Als ich gerade eine provisorische Halterung für meine Smartphone-Kamera suchte, sagte meine Freundin: „Komm, ich film dich“. Und alles kam anders. Besser vor dem Fass mit den Weinflaschen (ein Geburtstagsgeschenk), das war meine neue Idee.

Auf der Waschmaschine? Das war ihre. Mit dem Glitzersakko (ein Geburtstagsgeschenk der Bandkollegen)? Meine. In der Badewanne mit Lederhose? Okay, da haben wir es vielleicht übertrieben. Immer dabei war übrigens eine kleine Bluetooth-Box. Ich hab sie voll aufgedreht, damit sie mein Gitarrenspiel übertönt. Meine erste Playback-Erfahrung. Also live ist mir dann auf Dauer doch lieber.“

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