Die Digitalisierung kommt auf leisen Sohlen

Ein etwas anderes Buch. Foto: MZ

Lesetipp von KulturVision

„Im Lieben nicht“ ist ein etwas anderes Buch. Schon das Äußere ist ungewohnt. Ein Ringbuch, kein Coverbild. Dann aber ist es die Geschichte von Tanja und Daniel, ein Beziehungsroman, zunächst ganz normal anmutend, allerdings mit Einschüben aus der digitalen Welt. Und am Ende kommt der Hammer.

Es war ein Fachartikel, der Susanne Grohs-von Reichenbach alarmierte. „Ich entschied mich diesen Roman zu schreiben, als Journalisten im Frühjahr 2017 warnten, dass Social Bots die Bundestagswahlen massiv beeinflussen werden.“ Das sei ihr „Wake-Up-Call“ gewesen, sagt sie. Man wisse heute, dass künstliche Intelligenz bereits in vielen Ländern die Verhältnisse umwälze und auch zur Überwachung eingesetzt werde. „Das geht mir zu weit“, habe sie gedacht und begonnen zu recherchieren.

Susanne Grohs-von Reichenbach
Susanne Grohs-von Reichenbach. Foto: Karin Stetter

Die Münchner Autorin veröffentlichte schon zwei Bände mit Kurzgeschichten und gründete die Initiative „Think digital green“, mit der sie im Landkreis bereits zwei Vorträge hielt und die Menschen dazu inspirierte, klimabewusst und verantwortungsvoll mit den neuen Medien umzugehen, denn „eine E-Mail verursacht genauso viel Co2 wie eine Plastiktüte.“

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Jetzt aber hat sie das Thema Digitalisierung bewusst in einen Roman verpackt, denn sie habe emotional berühren wollen. Und so taucht der Leser ein in die Welt von Tanja und Daniel. Sie schwimmt mit in der Welt der neuen Technologien, ist eine Karrierefrau und hat als Personalerin in einem Unternehmen Macht. Daniel indes ist Technikkritiker. Wir lernen ihn nach einem Unfall kennen, nach dem er seine Stelle als Architekt verlor und einen unbefriedigenden Job verrichtet. Als Äquivalent wandte er sich exzessiv Yoga zu.

Eiszeit in der Ehe

Auch beim gemeinsamen Familienurlaub auf La Palma schottet er sich ab, macht Yoga mit einer jüngeren Frau und Tanja fühlt sich allein und reagiert mit Eifersucht. Eine Beziehungskrise, einfühlsam und sprachlich klar verfasst, die Geschichte nimmt insbesondere die Leserin emotional mit, die sich in Tanja wiederfinden kann. Die Eiszeit in der Ehe, die wohl nur noch durch die pubertierende Tochter Paulina ihren Kitt hat, wird spürbar. Ebenso kalt aber ist auch die Arbeitswelt, in der Tanja einigen Mitarbeitern in einem Workshop deren Abschied aus dem Unternehmen vermitteln soll, für Tanja ein normaler Vorgang. Die digitalen Systeme haben von ihr Besitz ergriffen, eigentlich ohne, dass sie es richtig merkt.

Und dennoch, ihr Leiden an der erkalteten Ehe treibt sie um, sie will das nicht hinnehmen. Als sie in einem Internet-Quiz zu einem Kinofilm eine Reise nach Südafrika gewinnt, findet sie in der Zerrissenheit zwischen Arbeit und Ehe Halt. Zum einen in der Natur, zum anderen auch durch einen Besuch auf Robben Island durch die Gedanken und Worte von Nelson Mandela. Ein grandioses Naturereignis am Tafelberg verhilft ihr zu einer neuen Haltung.

Zurück in Deutschland erwartet sie ein familiäres Desaster, das zu einer Eskalation führt. Die Autorin findet ein unerwartetes, schockierendes Ende ihres Romans, in dem sich die beiden Protagonisten Tanja und Daniel zusammenfinden.

Digitalisierung ist schneller als wir glauben

Die Botschaft des Romans ist klar: Die Digitalisierung ist schneller als wir glauben. „Wir sollen vorhersehbar und beeinflussbar werden“, sagt die Autorin. Sie aber will sich nicht ausliefern, sondern sieht sich als Digitalisierungsgestalterin. Als Mittel dazu bedient sie sich der Romanform, um das, was sie von Künstlicher Intelligenz recherchiert und verstanden hat, zu transportieren.

Der schockierende Schluss des Romans beruhe zwar auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sei aber fiktiv. „Die Leser sollen selbst entscheiden, was passiert, wenn ich die Augen vor der Entwicklung verschließe“, sagt die Autorin. Jeder möge überlegen, was er mit seinem Verhalten auslöse. „Muss ich wirklich jeden Sensor haben, der beispielsweise in Kinderspielzeug enthalten ist“, fragt sie.

Als eine Option, der Digititalisierung „selbstbestimmter“ zu begegnen, bringt Susanne Grohs-von Reichenbach in ihrem Roman das Meditieren ins Spiel. „Damit schaffe ich einen Raum, um anzuhalten und auch selbst zu gestalten“, sagt sie. Allerdings will sie die Menschen von der Verantwortung erlösen, die die Politik derzeit aufbürde, der Aussage nämlich, dass die Digitalisierung sich so gestalten wird, wie wir sie umsetzen. „Damit sind die Menschen überfordert. Wir brauchen genauso die Regulierungen auf EU-Ebene.“

Digitalisierung
Auch innen schaut das Buch anders aus als gewohnt. Foto: MZ

Schließen wir den Kreis und kehren zu dem etwas anderen Buch zurück. Die Gestaltung ohne Titelbild möge den Leser, die Leserin ermutigen, sich selbst ein Bild zu machen. Die Autorin sagt: „Der Reiz liegt darin, dass zwischen zwei unschuldigen Buchdeckeln auf leisen Sohlen die Veränderung durch Digitalisierung daherkommt, und dann ist sie plötzlich da.“

Susanne Grohs-von Reichenbach: „Im Lieben nicht“, Bestellungen unter: susanne.grohs@t-online.de

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