Erklär mal unsere Kultur in drei Minuten

Kabarettist Christian Springer

Kabarettist Christian Springer . Foto: Katharina Ziedek

Kabarett in Rottach-Egern

Die Welt ist schlimm. Kabarettist Christian Springer antwortet darauf: Trotzdem!
„Trotzdem“ – so der Name seines Kabarett-Programms. Trotzdem weitermachen, nicht aufgeben, und sich nicht entmutigen lassen.

Christian Springer ist nicht nur politischer Kabarettist. Er ist nicht nur kluger Kopf, sondern vor allem auch ein Macher. Ihm geht’s ums Ganze. Neben seiner kabarettistischen Arbeit hat er seine Leidenschaft zur Mission gemacht und hilft aktiv den Flüchtlingen im Nahen Osten mit seinem gemeinnützigen Verein Orienthelfer e.V. Dafür kämpft er auch auf der Kabarettbühne, kämpft gegen die Ohnmacht, und dass man ja doch nichts tun könne, nichts ändern an der schlimmen Welt. Christian Springer will etwas ändern. Dazu möchte er auch Anderen Mut machen. Und daher zerlegt er genußvoll die Argumente derer, die das Leitbild unserer Deutschen Kultur so lautstark verteidigen. Denn wie wollen wir von den Anderen verlangen, dass sie sich in unsere Kultur integrieren, wenn wir selbst unsere Kultur nicht genau kennen? Denn ist unsere Kultur nicht seit Jahrhunderten bereits Multikulti?

Geschichte des kroatischen Marika-Liedes

Er scheut sich nicht, mit dem Allerheiligsten zu beginnen, mit der Nationalhymne. Brav stehen die Zuschauer auf und versuchen sich in dem, was sie im Fernsehen beim Fußball so oft kritisieren – auch hier ohne rühmlichen Erfolg. Ja und überhaupt, ob denn alle wüssten, woher unsere Nationalhymne eigentlich stamme? Von einem Deutschlehrer auf Helgoland geschrieben und an die Engländer verkauft! Die Melodie lieferte ein Österreicher, der sich eines Liedes bediente, dass seinen Kaiser besang, der in Wirklichkeit ein Italiener war. Und die Melodie, ganz ursprünglich war sie ein kroatisches Volkslied! Da sitzen sie, die Zuschauer, aber ehe sie das verarbeiten, ist Springer in seinem atemlos-dynamischen Vortrag schon fünf Sätze und drei Gedanken weiter. Wer langsam denkt, ist bereits abgehängt. Das ist aber nicht, was Springer möchte. Er will Aufmerksamkeit. Und die bekommt er auch. Und viel Applaus.

Christian Springer: „Unfassbar tolles Land“

Der Kabarettist, der arabische Sprache studiert und sich mit dem bayerischen Staatsapparat angelegt (und den Kürzeren gezogen) hat, unterrichtet syrische Flüchtlinge in Deutscher Sprache und reist mit seinem Hilfsprojekt Orienthelfer e.V. mehrmals im Jahr in Flüchtlingslager in den Libanon. Er betont, in was für einem unfassbar tollem Land wir leben, in dem man gleichzeitig die Staatsregierung satirisch angehen und um Spendengelder bitten kann. Und diese auch bekommt! Beispielsweise 400.000 Euro vom Freistaat Bayern für schulischen Unterricht in den dortigen Flüchtlingscamps und für ein „Handwerkerhaus“, in dem junge Flüchtlinge eine Ausbildung erhalten. Denn, so sagt er, es stimme einfach nicht, dass sich die Menschen dort von einem Sog nach Deutschland angezogen fühlten. Was sie wirklich wollen, und welchen Sog sie wirklich verspürten, das ist der Sog „nach Hause“. Die Heimat wieder aufbauen, so, wie es auch die Deutschen mit ihren zerbombten Städten nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht hätten.

Kabarettist Christian Springer auf der Bühne
Kabarettist Christian Springer . Foto: Katharina Ziedek

Mitgefühl und das Bedürfnis, Menschen zu helfen, die ihr Heim verloren haben, hat bei ihm familiären Hintergrund, der ihn auch mit Gmund und dem Tegernsee verbindet. Und so redet, kämpft und appelliert er so unterhaltsam wie dynamisch und hat dabei unschlagbare Argumente. Gleichzeitig hinterfragt er immer wieder: Ob wir nicht vielleicht doch falsch denken? Witzig und ironisch wird es, wenn er Geschichten aus seinem Deutschunterricht mit den Flüchtlingen erzählt, die ebenfalls weder auf Kopf oder Mund gefallen sind und anfangen, bohrende Fragen zur deutschen Kultur zu stellen, sobald sie einigermaßen Deutsch sprechen.

Spöttisch widerlegt er den geschichtlichen Hintergrund der Herkunft des ersten bayrischen Bierzeltes, das da ein türkisches Kriegszelt war. Auch Blasmusik gäbe es nicht ohne die Janitscharenmusik aus der Türkei und das Bier stamme auch nicht ursprünglich von dort drüben (Fingerzeig Richtung Tegernsee), sondern aus Babylonien. Das bayrische Volk sei letztendlich ein Gemisch verschiedener Kulturen und so mancher Gebirgsschütze trage vermutlich bereits mehr syrisches Blut in sich, als er sich vorstelle.

„Landesvater, cool down“

Christian Springer pendelt zwischen Satire und Ernst, denn schließlich ist ihm das Thema Ernst, und das Transportmittel ist das politische Kabarett. Als ihm mal wieder der Kragen platzte, hat er einen 88-seitigen Brief an Horst Seehofer geschrieben, aus dem nun ein Büchlein geworden ist: „Landesvater, cool down“. Und für das Publikum im Saal hat er auch einen abschließenden Lebensrat. Es so zu halten wie Beethoven beim wohl berühmtesten Sonntagsspaziergang (und der Sonntagsspaziergang sei nun vielleicht wirklich das einzige Stück deutscher Kultur): Hoch erhobenen Hauptes geradeaus zu gehen und bis zum Lebensende eine aufrechte Haltung zu bewahren! Denn wenn es auch so oft heißt, man könne nichts tun, Christian Springer ruft allen zu: Trotzdem!

Das Buch „Landesvater, cool down“ von Christian Springer ist im Buchhandel unter ISBN 978-3-00-051424-1 erhältlich. Weitere Veranstaltungen im Seeforum in Rottach finden Sie hier.

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