Wenn der Betrachter Teil des Kunstwerks wird

Antonia Leitner

Antonia Leitner vor ihrer Diplomarbeit-Installation. Foto: Petra Kurbjuhn

Atelierbesuch in Waakirchen

Ihre Skulpturen bei der diesjährigen gmundart ließ Bewunderung bei den Besuchern zurück. Beim Besuch im Atelier ihres Lehrers und Mentors Otto Wesendonck gesellte sich Faszination dazu. Antonia Leitner hat ein spektakuläres Werk geschaffen, in dem sie Gesetze der Physik künstlerisch umsetzt.

Vor Jahren stellten wir die junge Nachwuchs-Bildhauerin, die mit einem Praktikum bei Otto Wesendonck ihre Karriere startete, in unserer Zeitung KulturBegegnungen vor. Inzwischen absolvierte sie die Kunstakademie in München und präsentierte im Februar ihre Diplomarbeit. Vertreter eines großen Münchner Unternehmens waren so angetan von diesem Werk, dass sie eine Modifikation als Auftrag für ihr neues Gebäude in Erwägung ziehen. Wir durften Original und Entwurf für die Auftragsarbeit jetzt anschauen und waren hingerissen.

Einladung zum Spielen

Die junge Künstlerin hat einen Hohlspiegel aus Edelstahl gefertigt und rechts davor ein Objekt platziert, das seine polierte gewölbte Oberfläche dem Betrachter zuwendet, aber – getarnt vom Spiegel – unauffällig bleibt. Hingegen sieht der Betrachter links eine strukturierte Plastik mit facettenreicher Optik. Sie erscheint im Gegensatz zum Hohlspiegel und dem rechten Objekt bronzefarben und hat eine strukturierte matte Oberfläche. Deren Form verändert sich, wenn man näher hinzutritt.

Antonia Leitner
Drei virtuelle Erscheinungen, aufgenommen im dunklen Raum mit spezieller Beleuchtung. Foto: Antonia Leitner

Will man sie aber berühren, dann fasst man ins Leere. Stattdessen tauchen als Spiegelbilder im Hohlspiegel Ebenbilder der Fata Morgana auf. Diese verändern sich ebenfalls in Abhängigkeit von der Bewegung des Betrachters. Da erscheint also ein virtuelles Kunstwerk, das mit dem Betrachter kommuniziert, ihn einlädt zu spielen.

Das fremde Wesen

Antonia Leitner schreibt in ihrer Erklärung zu ihrer Arbeit: „Ein fremdes Wesen macht auf sich aufmerksam, durchdrungen in unsere Atmosphäre. Vorsichtig nähert es sich uns an. Dabei reagiert es sensibel auf jede unserer Bewegungen und beobachtet dieses Vorgehen genau. Es ist ein leiser Versuch der Kommunikation aus einer anderen Welt.“

Antonia Leitner
Antonia Leitner zeigt organische Strukturen. Foto: Petra Kurbjuhn

Sie fasst aber dieses optische Phänomen auch physikalisch auf und erklärt es anhand des Strahlengangs am Hohlspiegel. Dabei wird deutlich, wie die Erscheinung durch Mehrfachreflexion zustandekommt, je nachdem wo sich der Betrachter befindet. Die Rückseite des rechts platzierten Objektes nämlich ist aus Silberbronze gefertigt und mit Edelstahl verschweißt. Für die strukturierte Oberfläche habe sie sich durch organische Formen inspirieren lassen, erklärt Antonia Leitner.

„Wandlung“ bei der gmundart

Was sie in der Natur vorfindet, sei spannend, sagt sie, und zeigt torsiartige Skulpturen, deren Formen sie ebenfalls der Natur abgelauscht hat. Sie nimmt einen Tierschädel in die Hand, deren innere Strukturen sie frei nach modellierte. „Wandlung“ nennt sie eine bei der gmundart gezeigte Arbeit, in der sie bereits die glatte Oberfläche mit einer strukturierten verband.

Antonia Leitner
Meister und Meisterschülerin: Otto Wesendonck und Antonia Leitner. Foto: Petra Kurbjuhn

Otto Wesendonck ist stolz auf seine Schülerin. Das Phänomen des schwebenden virtuellen Objekts habe man so noch nie gesehen. „Die leibhaftige Demonstration der Rückspiegelung wurde durch den dunklen Raum mit gezielter Beleuchtung noch verstärkt.“ Der renommierte Bildhauer betont, dass Antonia ihre eigenen Ideen entwickle. „Und er lässt mich machen“, fügt die junge Künstlerin hinzu.

Antonia Leitner
Entwurf für die Auftragsarbeit. Foto: Petra Kurbjuhn

Auf dem Tisch steht das Modell der Auftragsarbeit. Auch hier besticht die Kommunikation zwischen Werk und Betrachter. Der Hohlspiegel wechselwirkt in diesem Fall mit einer blauen Linie, die auftaucht und verschwindet, je nachdem wie sich der Besucher des Unternehmens bewegt. Das symbolisiere, wie sich Unternehmen und Kunde einig werden und miteinander verschmelzen, erklärt Otto Wesendonck. Das sei ein Riesenstart für Antonia, sagt er, dass ihre Diplomarbeit bereits in eine Auftragsarbeit münden kann.

Er selbst war bei der gmundart 2018 auch erstmalig präsent und wird beim Schlierseer Kulturherbst wieder mit dabei sein. Ihn stellten wir ebenfalls in unserer Zeitung KulturBegegnungen vor und berichteten über ein Atelierkonzert mit Masha Dimitrieva in seinem Atelier.

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