Ambiguitätstoleranz gesucht

Thomas Bauer Cover

Thomas Bauer „Der Verlust von Mehrdeutigkeit und Vielfalt“. Foto: MZ

Buchtipp von Kulturvision

Es ist ein sperriges und schwieriges Wort: Ambiguitätstoleranz. Noch schwieriger aber ist es, seine Bedeutung zu ertragen. Thomas Bauer warnt in seinem Büchlein „Die Vereindeutigung der Welt“ vor dem Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt.

Artenvielfalt kennen wir und wir wenden uns auch gegen den Verlust der Artenvielfalt in Flora und Fauna. Anders aber sieht es auf anderen Gebieten aus. In Politik, Religion, Kunst ist es ganz normal, eine eindeutige Meinung zu haben und gegen die Meinung Andersdenkender energisch zu argumentieren. Talkshows im Fernsehen oder die Reden so mancher Politiker machen es vor.
Artenvielfalt
Artenvielfalt in der Flora. Foto: pixabay

Auf der anderen Seite wächst das Warenangebot in der Konsumgesellschaft an, wird immer vielfältiger und der Käufer ist verunsichert. Ebenso verunsichert aber ist er bei Bedeutungsvielfalt. Der Mensch wünscht sich eine klare Linie, an der er sich orientieren kann.

Thomas Bauer untersucht in seinem Essay diesen, wie es auf der Rückseite heißt, „fatalen Hang Bedeutungsvielfalt zu verdrängen“. Er zeigt aber auch die Konsequenzen auf, sollten wir uns auf diesem Weg der Vereindeutigung der Welt weiterbewegen.

Vielfalt nicht als Bereicherung empfunden

Ambiguitätstoleranz, so schreibt der Professor für Islamwissenschaft und Arabistik, sei bei Menschen unterschiedlich ausgeprägt. So habe man gefunden, dass sie in den USA deutlich geringer sei als in Europa. Aber auch hier werde zunehmend Vielfalt und Komplexität nicht als Bereicherung empfunden.

Pilger in Mekka
Pilger in Mekka. Foto: pixabay
Als Beispiele nennt Thomas Bauer Religion, Kunst und Musik. Religionen schwanken, so titelt der Autor, zwischen Fundamentalismus und Gleichgültigkeit. Voraussetzung aber für das Gedeihen einer Religion sei eine hohe Ambiguitätstoleranz, weil einerseits Transzendenz zu akzeptieren sei, die nicht restlos ausdeutbar ist. Zum andern aber sind auch die Heiligen Schriften mehrdeutig auslegbar.

Einzige Auslegung führt zu Fundamentalismus

Die „richtige“ Auslegung, die einzige also, führt zu Fundamentalismus. Interessant ist die Feststellung des Islamexperten, dass es sich bei den islamistischen Autoritäten häufig nicht um studierte Islamgelehrte, sondern um Naturwissenschaftler, Mediziner oder Ingenieure handle. Gerade letztere zeichneten sich von Haus aus durch eine Intoleranz gegenüber Zweideutigkeit aus.

Thomas Bauer
Autor Thomas Bauer. Foto: Julia Holtkötter

Aber auch Kunst und Musik strebten immer mehr zu dem Eindeutigen, sagt Thomas Bauer. In der modernen Musik würde kein sinnvolles Nebeneinander der Gegensätze mehr geduldet, Musik unterliege dem Verdikt nach Wahrheit, Reinheit und Ablehnung von Konvention.

Nicht anders sieht es in der Kunst aus, auch hier herrsche ein Paradigma der Moderne. Und hier regiere wie überall der Markt. Was Kunst ist, bestimmt die Sprache des Geldes.

Nur elf Sekunden pro Werk

Auf der anderen Seite habe sich, so Bauer, Gleichgültigkeit breit gemacht. Nur elf Sekunden durchschnittlich verbringe ein Museumsbesucher vor einem Werk. In der Popmusik dominiere industrielle Fertigung.

Der Autor stellt fest: Religion und Kunst können nur im Rahmen von Ambiguität gedeihen. Die Gesellschaft wird von beiden profitieren, wenn das Ambiguitätspotenzial ausgeschöpft wird.

Im letzten Teil seiner Betrachtung widmet sich der Wissenschaftler zwei Begriffen, die derzeit boomen: Authentizität und Identität.

Authenzität als Gegenteil von Kultur

Nachgerade süffisant nimmt er sie auseinander. Authentisch sei der Mensch also, wenn er sein Innerstes ungefiltert nach außen kehre, heißt, Authentizität ist das Gegenteil von Kultur. Der Drang danach lasse außer Acht, dass der Mensch sich aus dem Zusammenspiel von Kultur und Gesellschaft entwickle und er immer in verschiedenen Rollen agiere. Also auch hier ein gerüttelt Maß an Ambiguität herrsche.

Lesetipp: Verschwinden die „schönen“ Alpen?

Auch Identität schließe Vieldeutigkeit aus. Thomas Bauer benutzt hier den Begriff der Kästchenbildung und zeigt, dass Kategorisierung Selbstbestimmung behindert.

Der Autor warnt eindringlich davor, weiter auf dem Weg der Vereindeutigung zu gehen. Allerorten werde erklärt und letztlich würde jeder meinen, alles zu verstehen. „Deshalb hat man immer und zu allem eine Meinung“, konstatiert er. Wozu dann noch Experten?

Eindeutigkeit vorgegaukelt

Auch im Fernsehen mit dem Überangebot an Quizsendungen, Nachrichten, Sport und Krimis wird Eindeutigkeit vorgegaukelt. Am Ende wird eindeutig der Mörder enttarnt. Oder die richtige Antwort im Quiz prämiert.

Und wohin führt das? Zum Transhumanismus und dem Maschinenmenschen. Es könne noch möglich sein, den Prozess der Bedeutungsvernichtung und Gleichgültigkeit zu bremsen, schreibt Thomas Bauer. Dazu müssten Kunst, Religion, Wissenschaft, Politik und Kultur wieder ihren Eigenwert zurückerhalten, indem Respekt vor Bedeutungsvielfalt herrscht.

Das Buch von Thomas Bauer, erschienen bei Reclam ist ein wirkungsvoller Aufruf, die eigene Ambiguitätstoleranz zu überprüfen und anzuwenden. Ein praktisches Mittel dazu ist: Schaffung schöner Plätze für den Austausch und Unterricht in Musik, Literatur und Kunst, sowie naturkundliche Bildung.

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