
Es geht nur um einen Grill
Bei den Dreharbeiten von EXTRAWURST – v.l.n.r.: Friedrich Mücke, Fahri Yardim, Anja Knauer, Regisseur Marcus H. Rosenmüller, Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst, Gaby Dohm – © Studiocanal GmbH / Daniel Gottschalk
Filmtipp von KulturVision
Vor ausverkauftem Haus startete jetzt im FoolsKINO Holzkirchen „EXTRAWURST“ von Marcus H. Rosenmüller. Kinobetreiber Tom Modlinger meinte: „So sollte es jeden Tag sein“ und fügte an, „geniales Ensemble und halt der Rosi“.
Ja, der Rosi aus Hausham hat mit der Adaption des ungemein erfolgreichen Theaterstücks von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob wieder einmal sein Talent bewiesen, mit seinem ureigenen Humor ein höchst brisantes gesellschaftliches Thema zu bearbeiten, so zu bearbeiten, dass zu hoffen ist, dass das Publikum durch das Lachen zum Nachdenken kommt. Und es muss permanent lachen.

Herbert Bräsemann (Hape Kerkeling) eröffnet als Präsident die Vereinssitzung – © Studiocanal GmbH
Der Film beginnt mit dem Hintergrund: Szenen von alltäglichen Auseinandersetzungen, verbal und körperlich. Aber im Tennisclub Lengenheide ist die Welt noch in Ordnung. Präsident Heribert leitet die Jahreshauptversammlung. Hape Kerkeling ist die Idealbesetzung für diesen autoritär und selbstgefällig agierenden Vereinsmeier, der locker einräumt, dass sein Freund im Gemeinderat für das neue Vereinsheim vom Kulturetat abgezwackt habe und sein Schwager den Auftrag für den Bau bekommt.
v.r.n.l.: Matthias (Friedrich Mücke), Torsten (Christoph Maria Herbst), Heribert (Hape Kerkeling) © Studiocanal GmbH / Daniel Gottschalk
Er bügelt seinen 2. Vorsitzenden, der eine Reihe Informationen vortragen will, gnadenlos nieder. Friedrich Mücke spielt Matthias zunächst devot, aber seine angestauten Aggressionen machen sich später ungehemmt Luft. Seine Mutter im Publikum hat das dringende Bedürfnis, Sohnemann Anerkennung zu verschaffen. Gaby Dohm im Rollstuhl und mit blauem Lidschatten kommt ganz anders daher, verkörpert aber eins der vielen Klischees, die im Film satirisch bearbeitet werden.
Matthias-rigorose-Mutter-Elisabeth-Scholz-Gaby-Dohm. © Studiocanal GmbH / Daniel Gottschalk
Am Ende der Sitzung wird noch über einen zu erwerbenden neuen Grill abgestimmt. Die Sitzung soll eigentlich schon in den gemütlichen Teil übergehen, als Melanie einen Vorschlag macht. Sie ist mit ihrem Tennispartner Erol das erfolgreichste Doppel des Clubs und schlägt vor, für ihn, den Muslim, einen eigenen Grill anzuschaffen, da gläubige Muslime ihre Grillwürste nicht auf einen Rost mit Schweinefleisch legen dürfen.
Zugezogen aus Berlin: Melanie (Anja Knauer) und Torsten Pfaff (Christoph Maria Herbst) – © Studiocanal GmbH / Daniel Gottschalk
Anja Knauer spielt die Gutmeinende, nicht locker Lassende, da von ihrer Botschaft zutiefst überzeugte Melanie sendungsbewusst und kämpft nervig für diesen zweiten Grill, der zum Symbol für Migration, Vereinsmeierei, Kommunikation, Diversität und andere gesellschaftliche Themen wird. Sie lässt auch das Klischee „alter weißer Mann“ in ihrer Argumentation nicht aus.
Schwule und blaue Soße
Ihr Mann Torsten mit Mütze und Jutebeutel, zugezogen aus Berlin und Vertreter der hippen Besserwisser im besten Alter wird zum Brüllen komisch von Christoph Maria Herbst gespielt, vor allem als er den Schwulen tänzelnd mimt oder wenn er sächselnd von „blauer Soße“ spricht. Sein Thema ist die Eifersucht, denn Melanie und Erol haben sich sage und schreibe vier Sekunden nach einem Sieg umarmt.
Erol (Fahri Yardim) und Torsten (Christoph Maria Herbst) sind nicht einer Meinung – © Studiocanal GmbH / Daniel Gottschalk
Erol ist der freundliche, in Deutschland geborene Türke mit Steuerkanzlei. Fahri Yardim verkörpert den zunächst bescheidenen Muslim sympathisch und unaufgeregt, aber wenn er Äußerungen hört, wie „wir behandeln ihn ja wie einen Menschen wie du und ich“ kann er schon auch ausrasten und fordert Umkleidekabinen in Ausrichtung Mekka.
Platzwart Hans Günther Schnippering (Milan Peschel) – © Studiocanal GmbH / Daniel Gottschalk
Und dann ist da noch der Platzwart Hans Günther, von Milan Peschel etwas tollpatschig gespielt, der ständig stört und in das geistige Chaos noch ordentlich Zunder bringt. Denn aus einem gut gemeinten Antrag wird eine Parabel auf unsere Gesellschaft, wo jeder auf seinem Standpunkt beharrt. Die Situation spitzt sich aufgrund der jeweiligen sehr unterschiedlichen Meinungen derart zu, dass es zu offener Konfrontation kommt.
„EXTRAWURST“ entlarvt
Marcus H. Rosenmüller gelingt es, mit satirischen Mitteln und seinem fantastischen Ensemble, diese unterschiedlichen Welten in leichter, lockerer und ungemein humorvoller Weise abzubilden. Die Überbetonung der jeweiligen Standpunkte und damit ihre Lächerlichkeit tritt damit offen zutage. Der Film entlarvt in mutiger Weise das ständige Recht haben wollen, anstatt einmal andere Perspektiven ernst zu nehmen.
So ist dieser Film ein Muss für jeden, der die Schieflage unserer Gesellschaft ein bisschen zurechtrücken möchte.
Ob das damit gelingt, dass Männer einmal hundert Jahre die Klappe halten, wie Melanie fordert? Auf jeden Fall ist ein erhellender Kinobesuch garantiert. „Lange nicht so gelacht“, sagte eine Besucherin am Ausgang, „ein Feuerwerk an tollen Dialogen“.
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