100 Jahre Markt Schliersee: Ein Grund zum Feiern

Nostalphoniker

Die Nostalphoniker. Foto: Jürgen Haury

Festakt in Schliersee

Beim Festakt im Schlierseer Bauerntheater blieb kein Platz mehr frei. Alt und Jung, Künstler, Sportler, Zeitzeugen, Einheimische und Zuagroaste, alle waren gekommen. Und so konnte Johannes Wegmann, Vorsitzender des Schlierseer Touristik Vereins und Organisator des Kulturherbsts, hocherfreut anlässlich der Markterhebung einen „Spaziergang durch 100 Jahre Schliersee“ ankündigen.

Den Anfang machten die Nostalphoniker. Sechs Musiker in Frack mit Zylinder und weißer Fliege umrahmten den Abend bravourös mit ihren Arrangements im Stil der Comedian Harmonists. Sie imitierten gekonnt imaginäre Instrumente, erheiterten das Publikum mit bekannten Melodien in ungewohnter Fassung. Miauen und Hundegebell boten sie ebenso überzeugend dar wie den Walkürenritt gleich zu Beginn. „Jeder singt auf seine Art.“ Man konnte sich freuen auf ihre choreografisch und lautmalerisch perfekt gestalteten Auftritte zwischen den chronologisch aufgeteilten fünf Zeitblöcken.

Einblick in die Chronik der Markterhebung und die Bockerlbahn

Gemeinsam mit Bürgermeister Franz Schnitzenbaumer berichtete Johannes Wegmann von den Anfängen der Markterhebung. Schon 1917 wurde der Antrag vom Gemeinderat gestellt, der dann 1919 bewilligt wurde. Natürlich gab es auch vorher eine „königliche Hoffischerei, einen Bahnhof, ein Pfarramt und Schliersee war Luftkurort“, wie Wegmann erzählte, aber das Marktrecht war dennoch von besonderer Bedeutung. Ein kurzer Exkurs über das Rathaus und den Umbau zwischen 1919 und 1922 erfolgte anhand von Bild- und Filmmaterial.

100 Jahre Markterhebung Schliersee
Johannes Wegmann mit Bürgermeister Franz Schnitzenbaumer. Foto: Jürgen Haury

Und wie war das mit der Bockerlbahn? Nach einem heftigen Föhnsturm am 5. und 6. Januar 1919 mussten riesige Mengen an Holz aus den Schlierseer Bergen abtransportiert werden. Innerhalb weniger Wochen war man sich einig, dazu eine Kleinbahn zu errichten. Und das funktionierte auch rasend schnell. Bis zu 2.000 Arbeiter waren damit beschäftigt, die ca. 300.000 Bäume auf den Weg zu bringen. Eine gigantische Leistung.

Die Zeit von 1919 bis 1939

Georg Attlfellner
Urgestein Georg Attlfellner. Foto: Jürgen Haury

Als Zeitzeugen des ersten Blocks konnte Wegmann den 92-jährigen Georg Attlfellner begrüßen. Dem Schlierseer Bauerntheater zeitlebens verbunden, stand jetzt ein Urgestein der Schauspielerei auf der Bühne. Als Ausstatter, Requisiteur und Darsteller arbeitete Attlfellner seit den 50er Jahren mit den Großen der Filmindustrie und wirkte beispielsweise in „Old Shatterhand“ oder bei den „Lausbubengeschichten“ von Ludwig Thoma mit. „Mit Heinz Rühmannn war ich in Hongkong.“ Bereitwillig erzählte er von der Zeit der Inflation und des Notgelds und der Gründung des Bauerntheaters durch Xaver Terofal, „seinem Chef“, aber auch von Kriegserlebnissen im Kaukasus als ganz junger Mann.

Die Zeit von 1939 bis 1959

Nun wurde er auf die Bühne gebeten, Gerhard Polt. Als Münchner, der nach Neuhaus kam und blieb, beschrieb ihn Wegmann. Als Kabarettisten, Filmemacher, Schauspieler und Autoren kennt und liebt man ihn. Er legte gleich los und las einige Geschichten aus seinem reichhaltigen Repertoire.

Gerhard Polt
Der Schlierseer Gerhard Polt. Foto: Jürgen Haury

Nach „Salto Mortale“ und dem etwas „verunglückten Schlagrahmschlagen“ hörten wir noch die Geschichte von der Tante Marie und ihrer Sicht auf die Flüchtlinge. Wenn das nicht in der Nachkriegszeit gewesen wäre, hätte man fast an die „Flüchtlingskrise“ von jetzt denken können. Wollte die Tante Marie wirklich einen Benzinkanister auf das Flüchtlingsheim werfen?

Nach Berichten von Flucht und neuer Heimat ging es kaleidoskopartig weiter mit den Bautätigkeiten der frühen 50er Jahre: Stümpfling- und Suttenbahn, Seilbahn auf den Schliersberg, Strandbad, evangelische Kirche und vieles mehr.

100 Jahre Markt Schliersee
Weltmeister im Rodeln 1957 Hans Stadler. Foto: Jürgen Haury

Dazu passte, dass der Schlierseer Hans Stadler 1957 in Davos Weltmeister im Rodeln wurde und nun kurzweilig seine sportlichen Aktivitäten beschrieb. „50 Mark hab ich damals für meinen Sieg bekommen. Da hat die Sparkasse noch einen 50er draufgelegt“, erzählt er humorig.

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Und wieder, wie nach jedem Zeitblock, die Nostalphoniker. „Stand by me“ interpretierten sie technisch ausgefeilt und effektvoll choreografiert unter der Klavierbegleitung von Jan C. Golch.

Die Zeit von 1959 bis 1979

Die Zeit der Olympischen Spiele in München 1972, die Zeit von „Spiel ohne Grenzen“, die Zeit von Toni Engelhard. Engelhard, im lindgrünen Blazer, präsentierte auch gleich den bunten Hund „Waldi“, seines Zeichens Dackel und Maskottchen der Münchner Spiele. Engelhard, der als Organisator der Kunstturnwettbewerbe mitten im Geschehen war, berichtete begeistert von den fröhlichen Spielen, die leider abrupt zu tragischen wurden. Und 1977 wurde er mit seiner Schlierseer Mannschaft sogar noch Sieger bei „Spiel ohne Grenzen“ im italienischen Carrara. Welch ein Erfolg.

Toni Engelhard
Johannes Wegmann mit Toni Engelhard. Foto: Jürgen Haury

Da mussten die Notalphoniker natürlich italienisch brillieren. „Mama“ schmetterten sie schmachtend, bevor die Pause anstand nach gut zwei Stunden höchst informativen Programms.

Die Zeit von 1979 bis 1999

Wer könnte das sein, von dessen Museum jeder Autofahrer auf der A8 lesen kann, der erfolgreichste Skifahrer aller Zeiten? Natürlich: Markus Wasmeier, Lokalpatriot und Ehrenbürger der Marktgemeinde Schliersee. Der 56-Jährige erklomm federnden Schrittes die Bühne und bräuchte eigentlich gar nichts von seinen sportlichen Erfolgen zu berichten, deren Krönung die Olympiasiege von 1985 und 1994 darstellten.

Markus Wasmeier
Doppelolympiasieger Markus Wasmeier mit Johannes Wegmann. Foto: Jürgen Haury

Er freute sich dann aber doch über eine Fotoserie seiner Rennen und den Beitrag über die 1200-Jahr-Feier der Gründung Schliersees 1979, die wie alle Berichte des Abends von Tim Tzschaschel einfühlsam auf dem Klavier untermalt wurden. Wichtig war dem Markus, dass er mit seinem Heimat-Museum seiner „Hoamat“ etwas zurückgeben konnte.

Die Zeit von 1999 bis 2019

Die Zeit rennt. Viel ist passiert in den letzten 20 Jahren. Neugestaltung des Bahnhofs, Umzug der Schule nach Neuhaus, Ansiedlung erfolgreicher Industrie, Ausbau des Skizirkus im Spitzinggebiet, um nur einiges zu nennen.

100 Jahre Markt schliersee: Hinz, von Lüttichau, Strack-Zimmermann
Helmfried von Lüttichau, Vanessa Hinz, Johannes Wegmann und Hans Strack-Zimmermann (v.l.). Foto: Jürgen Haury

Noch drei Gäste bittet Johannes Wegmann auf die Bühne stellvertretend für Sport, Kultur und Hilfsbereitschaft. Die Biathletin Vanessa Hinz, den Schauspieler Helmfried von Lüttichau und den Josefstaler Mäzen Hans Strack-Zimmermann. Die Schlierseerin Hinz weiß, dass sie für die Menschen hier „imma a Held“ ist, egal ob sie siegt oder nicht.

In Schliersee lässt es sich wunderbar leben

Der „Zuagroaste“ von Lüttichau liebt die „Idylle“, die ihm Heimat geworden ist. Strack-Zimmermann freut sich einfach, dass es nun „in allen Ortsteilen wunderschöne Kinderspielplätze“ gibt. Alle drei vermitteln in ihrer Natürlichkeit begeistert und warmherzig, dass es sich in Schliersee wunderbar leben und feiern lässt, wie dieser Abend würdig bewies.

Da hätten wir nicht an ein Hollywood-Medley gedacht. Aber umso schöner, wenn die Nostalphoniker in Schliersee stimmgewaltig „I wonna be loved by you“ erklingen lassen.

Die weiteren Veranstaltungen des Schlierseer Kulturherbstes finden Sie hier.

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