Schneebälle braten

Neuerscheinung auf dem Buchmarkt

Wie ergeht es einem jungen Menschen, der in der Öffentlichkeit vertreten muss, dass falsch richtig ist und umgekehrt, der oft selbst nicht mehr weiß, was falsch und was richtig ist? E. J. Kromer beschreibt in seinem ersten Roman das Schicksal von Henry in der DDR. Seine tiefgündigen Fragen aber sind allgemeingültig.

Mit dem Untertitel „Verbotene Gedanken“ deutet der Autor bereits an, dass sein Held sich nicht mit der Diktatur, mit dem Überwachungssaat abfindet, sondern versucht seinen eigenen Überzeugungen zu folgen. Das ist nicht leicht, denn schon als Kind wird ihm ausgetrieben, mit der falschen, der linken Hand zu schreiben, das fällt sehr schwer. Und er muss zum 1. Mai beim Umzug mit dem Fähnchen wehen, mit der falschen Hand das falsche Fähnchen. Der Vater hat ihn dazu gezwungen, denn nicht nur die Schule auch das Elternhaus lehrt, im Strom mit zu schwimmen, ja nicht aufzubegehren.

Henry Faller wächst in einer Welt der Lüge, der Anpassung, dem ständigen Wechsel der Meinungen auf. Zu Hause wird Westfernsehen geschaut, aber davon darf nirgends gesprochen werden. Der Held der Geschichte entscheidet sich dafür, nach dem Abitur Maschinenbau zu studieren, in der Hoffnung, mit einem naturwissenschaftlich-technischem Beruf dem sozialistischen System zu entgehen. Ein Irrtum.

Der Raubvogel packt zu

E.J. Kromer gelingt es, die Aussichtslosigkeit mit einem Vergleich bildhaft zu machen. Als Kind beobachtet er ein brütendes Rebhuhn, das von einem über ihm kreisenden Bussard beobachtet und kontrolliert wird. Und plötzlich packt der Raubvogel zu, das Rebhuhn ist chancenlos, die unausgebrüteten Eier bleiben zurück. Dieses Bild taucht in Folge immer wieder als Metapher auf.

Aber Henry Faller beugt sich nicht, er weiß, er wird beobachtet und kontrolliert, und dennoch, er findet einen Ausweg. Dazu braucht es Mut und auch eine Portion Glück, beides verhilft ihm wenige Wochen vor dem Mauerfall, der DDR den Rücken zu kehren. Die Beerdigung der Großmutter am Starnberger See verschafft ihm den begehrten Reisepass.

Freund oder Feind?

Der Autor erzählt seine Geschichte spannend, das Schicksal Henry Fallers lässt den Leser nicht los. Sowohl für solche, die das DDR-Regime am eigenen Leibe erleben mussten, als auch für Menschen, die hier ein Stück erlebte Zeitgeschichte mitfühlen dürfen.

Diese Geschichte wird insbesondere dadurch packend und berührend, weil der Held die Menschen in seinem Umfeld nicht eindeutig als Freund oder Feind identifizieren kann, ein typisches Merkmal des Überwachungsstaates, der mit Hilfe seiner informellen Mitarbeiter nahezu jeden ausspionierte. So ist seine Kindergartenliebe Nina eine ebenso zwielichtige Person wie sein engster Freund und Kommilitone Ingo, der als Staatsfeind verhaftet wird. Wer ist Ingo wirklich? Wer ist Petra, seine Freundin?

Verbotene Gedanken

Henry Faller entwirrt langsam Stück für Stück das Rätsel und der Leser bekommt tiefe Einblicke in die „verbotenen Gedanken“, die E.J. Kromer kursiv gesetzt hat. So ist das Buch zwar ein Stück DDR-Geschichte, könnte sich aber überall wiederholen, wo Menschen dazu gezwungen werden falsch für richtig und richtig für falsch zu erklären. Der absurde Titel verweist auf die Unmöglichkeit, sich dem Bussard zu entziehen. Oder ist es vielleich doch möglich?

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