
Eine gute Geschichte
Christian Selbherr in Novecento. Foto: Isabella Krobisch
Theater in Miesbach
Ganz neu, ganz anders, sehr dicht und intensiv, so präsentierte sich im Gewölbe des Waitzinger Kellers „Novecento – Die Legende vom Ozeanpianisten“ unter der Regie von Steffi Baier. Christian Selbherr spricht, spielt, tanzt – großartig.
Vor zwei Jahren feierte das Einpersonenstück des italienischen Schriftstellers Alessandro Baricco im Saal des Miesbacher Kulturzentrums Premiere. Die Weite des Raumes ließ das Meer erlebbar machen, das durch Bullauge und Videoeinblendungen eine wichtige Rolle im Stück spielt. Die Frage war, ob dieses Gefühl auch im Gewölbe entstehen kann.
Lesetipp: Freundschaft und Freiheit
Es kann und noch viel mehr. Denn jetzt ist Christian Selbherr inmitten des Publikums, nahbar und so wird die unglaubliche Geschichte von Novecento noch greifbarer, wenn auch nach wie vor fantastisch.
Der Maschinist Danny Boodman findet auf dem Ozeandampfer Virginia auf dem Piano des Ballsaales der 1. Klasse eine Zitronenschachtel mit der Aufschrift T und D, darin ein Säugling, vermutlich von Auswanderern ausgesetzt, die Probleme mit der Einwanderungsbehörde fürchten. Er gibt dem Neugeborenen den Namen Danny Boodman T.D. Lemon Novecento, wobei T. D. für Thanks Danny steht und Novecento für 1900, und zieht ihn bis zu seinem Tod groß.
Der einzigartige Pianist
Danach ist der Achtjährige zunächst verschwunden, taucht aber dann wieder auf und setzt sich ans Klavier. Er wird auf dem Schiff zum einzigartigen Pianisten. Als der Trompeter Tim Tooney an Bord kommt, freunden sich die beiden an.
„Was er spielte, das gab es vorher nicht“, erzählt Tim und er erzählt auch die ganze Geschichte von Novecento bis zu seinem Ende. Denn der Ozeanpianist weigert sich an Land zu gehen und lässt sich lieber mit der maroden Virginia in die Luft sprengen.

Danny Boodman findet eine Schachtel. Foto: Isabella Krobisch
Aber er hinterlässt seine Geschichte. „Solange du eine gute Geschichte hast und jemanden, dem du sie erzählen kannst, bist du nicht aufgeschmissen“, sagt er. Und Tim Doooney fügt an: „Mir hat er die Geschichte geschenkt.“
Christian Selbherr spielt alle Rollen, wechselt nur flott Kleidung und Kopfbedeckungen und kommt als smarter Dandy daher, der mit Strohhut zu „New York, New York“ einen gekonnten Tanz hinlegt (Choreografie Isabella Winkler) und somit die Stimmung auf einem Ozeandampfer demonstriert.
Er spielt mit Schiebermütze und Koffer den arbeitssuchenden Trompeter Tim Doodey, der auf dem Schiff anheuern will und den Kapitän von seiner Spielkunst überzeugt.
Christian Selbherr in mehreren Rollen
Er ist der farbige Maschinist Danny Boodman, der die Zitronenkiste findet, der sich verletzt, und er spielt den sterbenden Danny, schlicht und unaufdringlich. Und er ist Novecento, der seinem Freund Tim seine Geschichte erzählt.
Seinen großen Auftritt hat Christian Selbherr, als ein Sturm die Virginia schüttelt, er über das Schiff torkelt, so dass einem im Publikum ganz schwindlig wird, er sich über die Reling zum Speien beugt und mit akrobatischen Verrenkungen und Sprüngen dem Schwanken Herr werden will.
Zwischendurch setzt er die Kapitänsmütze auf, zeigt ein verbissenes Gesicht, denn dieser muss sich an die Vorschriften halten, während Novecento sagt: Ich scheiße auf die Vorschriften.
Im Maschinenraum werden Tim und Novecento Freunde fürs Leben.

Christian Selbherr mit Zitrone und Bullauge. Fotos: Isabella Krobisch
In einer Szene geht es um eine wesentliche Frage, die Christian Selbherr tiefgründig stellt: Wann beschließt ein Nagel, ich kann nicht mehr und lässt das Bild fallen. Oder wann wacht man morgens auf und merkt, man liebt sie nicht mehr, oder wann merkt man, dass man bei einem Blick in den Spiegel alt geworden ist?
Jedenfalls beschließt Novecento eines Tages doch, an Land zu gehen, weil er das Meer vom Land aus sehen will und erzählt die Geschichte von einem Bauern, der auf seiner Wanderung plötzlich das Meer sieht und feststellt, das Leben ist unermesslich. Christian Selbherr spielt den Bauern mit Rucksack ebenso authentisch wie Novecento, der mit Hut und Mantel und Koffer langsam das Schiff verlassen will und dann stehenbleibt.
„Mein Klavier hat nur 88 Tasten“
Es gelingt dem Schauspieler, die unglaubliche Entscheidung von Novecento, das Schiff nicht zu verlassen, glaubhaft werden zu lassen, sein Gefühl, diese unendliche Welt da draußen nicht bewältigen zu können, zu transportieren. „Da sind Millionen von Tasten, mein Klavier hat nur 88 Tasten“, sagt Novecento, und auf das Schiff kommen nur 2000 Menschen auf einmal.

Regisseurin Steffi Baier. Foto: Isabella Krobisch
Steffi Baier hat mit dieser ideenreichen Inszenierung ein eindringliches Stück geschaffen, das weiterer Aufführungen bedarf. Ob es die Kiste mit dem toten Danny Boodman ist, die quer über die Bühne ins Meer wandert oder viele andere Details, dieser Monolog wird an keiner Stelle langweilig.
Das ist auch der Musik zu verdanken, die immer wieder die Szenen unterbricht und damit das Geschehen bereichert. Hierfür konnte die Regisseurin so prominente Musiker wie Heinz Dauhrer, Bernd Lhotzky oder Dirke Heitger gewinnen. Das Publikum wird mitgenommen in die sogenannten Goldenen Zwanziger des Jazz.
Gesamtkunstwerk
Für Abwechslung aus dem Off sorgen auch die Stimmen von Michael Pelzer als Kapitän, sowie Theresia-Bendaa Pelzer, Manuel Kuthan, Florian Gasteiger, Wolfgang Neuner, Benedikt Frank und Sylvie Haas. Die Regisseurin selbst bläst das Horn durch eine Muschel.
Auch das Bühnenbild von Manfred Kathan wirkt im Gewölbe noch dichter und prägt der Handlung einen wichtigen Stempel auf.
Gemeinsam mit den Technikern vom Waitzinger Keller, insbesondere Florian Gasteiger, entsteht so ein Gesamtkunstwerk, in dem der wandlungsfähige, eindringliche und schlicht großartige Christian Selbherr die Hauptrolle spielt. Ihm gelingt es, diese fantastische Geschichte über Freundschaft und Freiheit so zu vermitteln, dass Gäsenhautfeeling zurückbleibt.