Befreit von malerischen Zwängen das Dionysische ausagieren

Hermann Nitsch (2.v.l.) im Gespäch während der Vernissage

Hermann Nitsch (2.v.l.) im Gespäch während der Vernissage. Foto: Ines Wagner

Ausstellung in Kolbermoor

„Schule der Empfindung“ nannte der bedeutende Maler und Aktionskünstler Hermann Nitsch seinen 2-jährigen Meisterkurs an der Akademie der Bildenden Künste. Die Abschlussarbeiten zeugen von einer orgiastischen Intensität des Schaffensprozesses.

Kunstakademie iKolbermoor in der Alten Spinnerei
Akademie der Bildenden Künste in Kolbermoor in der Alten Spinnerei. Foto: Ines Wagner

Am Wochenende präsentierten die 19 Absolventen ihre Arbeiten in den Räumen der Alten Spinnerei in Kolbermoor, wo die Akademie unter Geschäftsführung von Anna Eisner und künstlerischer Leitung von Rupert Fegg 2014 gegründet wurde. Seit dem sind schon viele hundert Liter Farbe vermalt, vergossen, verschüttet und verschmiert worden. Nicht wenig davon allein unter den wachsamen Augen von Hermann Nitsch.

Während der Vernissage in deKunstakademie iKolbermoor in der Alten Spinnerei
Während der Vernissage zum Abschluß des Meisterkurses von Hermann Nitsch in der Alten Spinnerei. Foto: Ines Wagner

Zwei Jahre lang hat der Meister seine Schüler begleitet und dazu angehalten, Malerei als sinnliches und körperliches Erlebnis zu verstehen. Sie sollten sich von malerischen Zwängen befreien und alles Verdrängte nach Außen kehren. Dabei war nicht der Farbklang wichtig, noch die Komposition des entstehenden Bildes. Wesentlich war die Intensität des Arbeitens, die reine Materie und die Substanz der Farbe.

Hermann Nitsch: Farbrausch und Materialschlacht

Wie ein Seismograph sollte die Leinwand die Erregung des Künstlers beim Erschaffen des Werkes widerspiegeln. Es ist eine Art der Malerei mit starkem Bezug zur Psychoanalyse, die Nitsch vermittelt. Nur über echte Intensität lässt sich ein Bezug zum Ganzen, zur Ewigkeit schaffen, erläutert er in seiner Rede zur Präsentation der Abschlussarbeiten. Intensität und Authentizität widerspiegeln auch die Wände der Räume, an denen die großformatigen Farborgien hängen. Sogar der Fußboden zeugt von Farbrausch und Materialschlacht, selbst des Meisters Gewand: Ein schwarzes Sakko, das mittendrin war im Farbgefecht. Es trägt Spuren der dionysischen Selbstfindung. Hermann Nitsch ist zufrieden mit seinen Schülern, begeistert von den Resultaten der malerischen „Selbstbefreiung“.

Absolventen des Kurses bei Professor Hermann Nitsch
Absolventen des Meisterkurses bei Professor Hermann Nitsch. Foto: Ines Wagner

„Wenn einer ein Meister ist, dann ist er es!“

Er erlaubt es sich, diejenigen Schüler als Meisterschüler auszubilden, die er für Meister hält, jenseits von staatlichen Akademien und des Kunstmarkts. Er ist und bleibt Rebell, Provokateur, und lehrt dort, wo er lebendige, offene Strukturen vorfindet, wie an der Städelschule in Frankfurt oder nun in Kolbermoor. Die Ergebnisse des Meisterkurses sollen zeigen, was Kunst alles kann. Er sieht sie beispielsweise als zeitlose Malerei, in der die Intensität jede Komposition ersetzt. „Ich möchte, dass die Schüler das Dionysische in der Natur und in sich erfahren“, lautet sein Credo. Er spricht von der Selbsterkenntnis des Raubtierhaften, dass von gesellschaftlichen Zwängen unterdrückt wird und nun mittels Farbe auf der Bildfläche ausagiert werden kann. „Dadurch entsteht Katharsis, Reinigung und Bewusstmachung.“, erklärt er. In der Rede für seine Schüler schwingt eine große Wärme mit und vor allem viel Lob.

Ein Hoch der dionysischen Lebendigkeit

Und auch Nitsch´s Meisterschülerinnen und -schüler Fahar Al-Salih, Monique Becker, Petra Fischer, Roswitha Foch, Markus Habersatter, Martina Hamberger, Ute Herrmann, Sherley Jeanette Hippelein, Pia Alice Kober, Florian Lercher, Gertraud Platschek, Ela Reitinger, Elisabeth Schweighofer, Amina Tarchouni, Karima Tarchouni, Christoph Thiemann, Elisabeth von Geymüller, Christa Wassilewsky-Alt und Annette Werndl sind voll warmherziger Worte. Man spürt, da ist nicht nur der Moment der großen Erleichterung, der „Zeugnisverteilung“. Da ist vor allem eine großartige, innige Gemeinschaft entstanden, unterstützt von Nitschs langjährigem Assistent Andreas Stasta.

Abschlußarbeiten aus dem Kurs von Prof. Hermann Nitsch
Abschlußarbeiten aus dem Meisterkurs von Prof. Hermann Nitsch. Foto: Ines Wagner

Und um die dionysische Lebendigkeit zu feiern, empfahl der Meister den Gästen, mit einem Glas Wein in der Hand durch die Räume der Akademie zu wandeln und die Bilder auf sich wirken zu lassen. Man kann ihn und seine Meisterschüler nur beglückwünschen, und auch die noch junge Akademie in Kolbermoor. Wo anderenorts die Malerei den digitalen Kunstformen schon weitgehend weichen muss, wird hier noch handschaffende Malerei und Illustration gefördert und gelebt. Von Hermann Nitsch gibt es bis zum 08.05.2016 noch eine Ausstellung seines Werkes in München in der Villa Stuck zu sehen.

 

 

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