Katharsis – ein Buch über das Schweigen

Cover Katharsis

Cover „Katharsis“ in eisiger Umgebung. Foto: MZ

Buchtipp von KulturVision e.V.

„Ich bin nicht Max, aber ich kenne ihn gut. Nikolas gibt es nicht, aber ich weiß, wie er sich fühlt.“ Das sind die Sätze von Michael Reh am Ende seines erschütternden Buches über Missbrauch und Kinderpornografie. Der Autor beschreibt schonungslos ein Tabu im Tabu.

Nikolas erschlägt Tante Marga und Onkel Erich und sitzt in Untersuchungshaft. Sein Zwillingsbruder Max ist erfolgreicher Modefotograf in New York und taumelt von Kokain- zu Sexexzessen. Als der Anruf seiner Schwester aus Deutschland kommt, entschließt er sich, nach Jahrzehnten der Abwesenheit in das Dorf seiner Kindheit im Ruhrgebiet und zu seiner Familie zurückzukehren. Er will wissen, warum diese Tat geschah.

Michael Reh beschreibt auf knapp 400 Seiten die Geschichte einer Familie, in der alles nur dem äußeren Schein dient, in der geschwiegen wird, in der vertuscht wird. Das Opfer dieser Scheinheiligkeit ist Nikolas, der aufgrund der Geschehnisse als Autist abgestempelt wird. Seinem abnormen Verhalten wird nicht auf den Grund gegangen.

Nur seine Mutter Anna versucht Licht in Nikolas Sprachlosigkeit zu bringen und stellt ihn mehreren Psychiatern vor. Dann aber stirbt sie unter mysteriösen Umständen.

Außenstehender?

Max recherchiert als Außenstehender, was damals geschah, als die Zwillingsbrüder siebenjährig von Tante Marga hin und wieder betreut wurden und stößt auf Unfassbares. Nikolas wurde jahrelang von der Tante und einer Nachbarin sexuell missbraucht, die dabei gemachten Fotos wurden für viel Geld verkauft. Der Onkel ahnte und schwieg. Tante Marga drohte, Nikolas umzubringen, wenn er etwas von den widerwärtigen Geschehnissen erzählt. Der Junge flüchtete sich in Sprachlosigkeit.

Bald aber spürt Max, dass er nicht Außenstehender ist, sondern sehr wohl verwickelt. Zugeschüttete Erlebnisse brechen hervor und machen sich Luft. Katharsis.

Michael Reh Katharsis
Michael Reh. Foto: Tony Sargent

Michael Reh verwebt sehr geschickt die Gegenwart, also den Doppelmord mit Folgen, mit den Splittern der Vergangenheit. Dabei erzählt er sowohl aus der Perspektive von Tante Marga als auch aus der Perspektive der anderen Familienangehörigen.

Das Schweigen in der Familie, insbesondere vom diktatorischen Vater Herrmann gefordert, beherrscht die Gegenwart, gegen die Max ankämpfen muss. So ist das Buch in mehrfacher Hinsicht eine Kritik an der Gesellschaft.

Kindesmissbrauch in der Familie

Michael Reh entlarvt kleinbürgerliche Scheinheiligkeit nach dem Motto: was sollen die Leute denken. Es entlarvt Kindesmissbrauch, der nach aktuellen Studien sehr oft innerhalb der Familie geschieht und unter dem Mantel des Schweigens verdeckt wird. Es entlarvt Kinderpornografie, damals analog, heute im Netz, und es entlarvt ein Tabu im Tabu, nämlich Missbrauch von kleinen Jungen durch Frauen.

In einer Talkshow berichtet der Autor, dass ein Fünftel aller Missbrauchsfälle von Frauen verübt wird. Er selbst war ein Opfer.

Der Autor beschreibt aber ebenso schonungslos sein von Sex und Drogen beherrschtes Leben in New York. Immer wieder taucht der „Schneemann“ auf, der Dealer, der mit dem weißen Pulver winkt, wenn es gerade schwierig wird.

Und er erzählt von der Schneekönigin, die wie in Andersons Märchen sein Herz vereist hat. Das war seine Überlebensstrategie, damals und bis heute. Er konnte sein Herz wieder öffnen für Mitgefühl und Unterstützung seines Bruders.

„Katharsis“ ist nicht nur ein ungemein spannendes Buch, das jeden Leser erschüttert und bewegt zurücklässt. Es ist auch ein Aufruf, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen, nicht die Augen zu verschließen vor bitteren Wahrheiten. Ein Aufruf, den Mut zu haben, sich auch in der Familie zu wappnen gegen das Unfassbare. Es ist ein Plädoyer für unschuldige Kinder, deren Leben zerstört wird, ein Plädoyer dafür, das Schweigen in der Familie zu durchbrechen.

Michael Reh „Katharsis“ Drama einer Familie, abacus, 2020

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