Gott ist tot, es lebe das Unendliche

Gott ist tot Anderlmühle 2019

Die Gastgeber Carola Wagner-Manslau und Marc Tügel rahmen Christoph Quarch ein. Foto: MZ

Denktag in Anderlmühle

Zum 6. Philosophischen Tag mit Christoph Quarch in der Anderlmühle gab es anspruchsvolle Kost, Nietzsche, Platon und Schleiermacher. Es gab aber auch feine Kost, einen Spaziergang und eine Menge neuer Einblicke sowie einen energischen Aufruf.

Über Gott und Götter und die Frage „Was ist Religion und was kann man heute damit anfangen?“ wollte der Fuldaer Philosoph mit den Teilnehmern des DenkTages diskutieren. Dazu durfte sich ein jeder einen Spruch aussuchen und anhand dessen seine Erwartungen für den Tag formulieren.

Gott ist ...
Auswahl an Sprüchen zu Gott. Foto: MZ

Dabei kamen sehr unterschiedliche Formen des Gottesverständnisses zutage. Christoph Quarch rief dazu auf, mit Hilfe der Philosophie Klarheit zu gewinnen und die Problematik aus der Vogelperspektive ohne Vorurteile zu betrachten.

Lesetipp: Begeisterung ist Brennstoff für die Seele

Der abrahamitische Gott ist es, den Friedrich Nietzsche 1882 für tot und den Menschen als seinen Mörder erklärte. Der Gott also auch der christlichen Theologie, der Schöpfergott, der Gott der Allmacht, des Allwissens, der Gott, der sich Moses offenbarte und verkündete, was er von den Menschen will.

Christoph Quarch: Gott ist tot
Gott ist tot. Foto: MZ

Wenn dieser Gott also nichts mehr zu sagen hat, ist die Folge Orientierungslosigkeit, Werteverlust, aber auch Kälte. Andererseits habe sowohl in den USA , aber auch in der muslimischen Welt Gott an Bedeutung gewonnen, sagte Christoph Quarch, allerdings ein Gott, der dazu aufruft zu töten. „Ein Gott, der dem Leben feindlich gegenübersteht, musste sterben“, erklärte der Philosoph, denn er habe den Menschen gemaßregelt, anstatt ihm beim Wachsen zu fördern.

Philosoph Christoph Quarch 2019
Der Philosoph Dr. Christoph Quarch. Foto: MZ

Und was sei an die Stelle Gottes getreten? Mit der Industrialisierung erschien der homo oeconomicus, der Mensch, der effizient und funktional möglichst viele Vorteile anstrebt. Und in jüngster Zeit wird über moderne Technologie sogar der homo deus angestrebt, der Mensch der gottgleich allwissend, allmächtig und unsterblich sein will.

Was also können wir tun?

Auch hier hilft die Philosophie weiter. 1966 sagte Martin Heidegger in einem Interview: „Nur noch ein Gott kann uns retten.“ Wie aber soll man sich diesen Gott denken?

Christoph Quarch unternahm nun eine Reise in die griechische Mythologie, in der Thales von Milet sagte „Die Welt ist voller Götter.“ Was ist dieser deos der alten Griechen? Die Sprachforschung lüftet dieses Geheimnis, denn δέος (Theos) ist kein Nomen, sondern der Ausdruck einer Qualität, also keine Person, sondern ein Adjektiv.

Christoph Quarch - Die Welt ist voller Götter
Die Welt ist voller Götter. Foto: MZ

Als einprägsames Bild erzählte der Philosoph die Geschichte des Griechen, der morgens vor seine Hütte tritt, die wundervolle Landschaft sieht und ergriffen sagt: δέος! Damit ist δέος die Antwort auf das Sein der Welt, ein unbedingtes Ja und das sichere Wissen, diese Welt ist sinnvoll.

Die vielen Götter der griechischen Mythologie sind dann als verschiedene Ausprägungen dieser Welt zu verstehen, Artemis etwa als Natur. Diese Götter aber sind nicht allmächtig, sie unterliegen wie die Menschen den Gesetzmäßigkeiten und vollbringen keine Wunder. Auch einen Schöpfergott gibt es nicht, laut Heraklit war die Welt schon immer da.

Kein wollender Gott

Im Gegensatz zu dem „wollenden“ abrahamitischen Gott fordern die griechischen Götter keinen Gehorsam vom Menschen, sondern es ergeht von ihnen nur ein Anspruch, sie geben durch ihre Leuchtkraft Orientierung.

Mit diesem Wissen ist das Göttliche vielleicht anders denkbar, als es der abendländische Mensch gewohnt ist. Vielleicht also kann ein nichtwollender Gott uns erretten, einer der uns rückbindet an das Sein der Welt, fragte Christoph Quarch. Denn wir haben neue große Herausforderungen zu bewältigen. Und dazu braucht es den Menschen, der sich diesen Fragen öffnet.

Wie muss der Gott beschaffen sein?

Nach einem feinen Mittagessen, von den Gastgebern Carola Wagner-Manslau und Marc Tügel bereitet, durften die Teilnehmer bei einem Spaziergang an der Mangfall im Dialog darüber reflektieren, wie der Gott beschaffen sein müsste, an den der heutige Mensch glauben könnte.

Porzellanbaum
Auf dem Spaziergang besuchten wir die Skulpturenlichtung des Bildhauers TOBEL, wo dieser Porzellanbaum von Annika Schüler und Niels Klaunick zu sehen ist. Foto: MZ

Lesetipp: Eintritt in eine andere Welt

Im Plenum wurde dieser dann entworfen. Gemeinschaftsbildend, über alle kulturellen Grenzen hinweg müsse er wirken, ein Stimmer sein, der Verbundenheit fördert, indem er alles in Resonanz bringt und er müsse Vernunft und Empfindung vereinen.

Im letzten Teil des Tages fragte Christoph Quarch anhand eines Textes von Friedrich Schleiermacher aus dem Jahre 1799: „Was ist Religion?“ Und wie ist sie einzuordnen in die Bereiche Metaphysik (heute Wissenschaft) und Moral.

Christoph Quarch Was ist Religion
Das Verhältnis von Religion zu Metaphysik (Wissenschaft) und Moral. Foto: MZ

Die Wissenschaft versuche Wahrheiten auszusprechen, das dürfe Religion nicht, die Moral beinhalte Gesetze, auch das dürfe Religion nicht. „Dieser Text ist eine Kampfansage“, brachte der Philosoph es auf den Punkt und widerspreche radikal dem Verständnis von Religion.

Was aber sei dann das Kerngeschäft der Religion? „Religion ist Sinn und Geschmack für das Unendliche“, sie sei die Kunst, in Gott das Unendliche zu sehen, das man anschauen und fühlen könne und was sich im Endlichen als Vielfalt von Erscheinungen äußere. Damit sei Religion in der Tat die Rückbindung an das, was ist, eine Hingabe an die Sinnhaftigkeit der Welt. Damit sei Religion zutiefst ethisch, ohne moralisch sein zu wollen.

Zuletzt fragte Christoph Quarch: „Wie können wir das Göttliche zur Sprache bringen, dass es den Menschen anspricht?“ und antwortete sehr einfach: „SO!“

Genauso wie sich die Teilnehmer an diesem Tag gemeinsam authentisch und kraftvoll einer neuen Dimension geöffnet haben und die Lebendigkeit der Welt erkannten, genauso müsse ein Gottesdienst aussehen. „Nicht die Ansprüche gegen die Welt formulieren, sondern sich fragen, welcher Anspruch geht von der Welt an mich“, das sei die wichtige Veränderung im Verhältnis Mensch und Welt.

Um diese Transformation zu ermöglichen, brauche es Räume und Orte, an denen sich Menschen treffen, die sich begeistern lassen und darüber sprechen, was uns angeht. „Dann kann der Geist zur Sprache kommen.“

Wer sich für die Vorträge, Seminare und philosophischen Reisen von Christoph Quarch interessiert, findet auf seiner Website alle Informationen. Und nächstes Jahr gibt es den 7. Denktag in der Anderlmühle.

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