„Mama, i kann nimma“

Hanni Schwaiger (Rosalie Thomass) trägt ihre erschöpfte Tochter Magdalena (Romy Butz) entschlossen das letzte Stück zum Gipfel und durch alle Widerstände. Foto: © Wild Bunch Germany / Nils Dünker

Filmtipp: „Eine unerhörte Frau“ von Hans Steinbichler

Was, wenn dir niemand glaubt? Was, wenn dich niemand erhört? Was, wenn du daran kaputt zu gehen drohst? Oder dein Kind? Regisseur Hans Steinbichler hat mit „Eine unerhörte Frau“ einen auf Tatsachen beruhenden, erschütternden Film gedreht.

Alles ist nah, sehr nah. In berauschenden Bildern einer idyllischen Landschaft Bayerns bricht die Idylle, die eine trügerische Idylle war, zusammen. Alles muss mit einem mal sehr schnell gehen. Denn da sind fünf Jahre vergangen, in denen niemand Hanni, mit intensiver Authentizität gespielt von Rosalie Thomass, und vor allem ihrer Tochter geglaubt hat. Fünf Jahre, in denen sie dafür gekämpft hat, dass irgend jemand sich findet, der den Kopfschmerzen, Sehausfällen, dem Erbrechen Magdalenas gewissenhaft auf den Grund geht. „Du willst doch, dass dein Kind krank ist“, muss sie sich anhören. Und weit Schlimmeres auch. Magdalena wird für eine Simulantin gehalten, für eine Wichtigtuerin mit frühkindlicher Migräne, leichter Unterentwicklung. Die Ärztin scheut sich nicht davor, von Anorexie zu sprechen, dabei isst Magdalena so wenig und erbricht sich oft wegen der Schmerzen, die angeblich keine körperliche Ursache haben.

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Unzählige Tests, Prüfungen und Auseinandersetzungen für Hanni Schwaiger (Rosalie Thomass) und ihre Tochter Magdalena (Romy Butz) bei Ärzten. Foto: © Wild Bunch Germany / Hendrik Heiden

Der Mann und die Söhne fühlen sich vernachlässigt, und angestachelt von der Schwiegermutter, droht die Familie zusammenzubrechen. Als Hanni, die sich inzwischen medizinisch belesen und die erforderlichen Untersuchungen ertrotzt hat, endlich Gehör findet, ist es zu spät. Die Diagnose: vernichtend.

Hanna, bleib auf deinem geraden Weg

Der Film spielt auf mehreren Ebenen Szenarien beinahe unerträglicher Ignoranz durch. Ungerechtigkeit, Gleichmut, Hass, Gewalt, die ganzen Sümpfe der menschlichen Abgründe, auf Kosten von kindlichen Seelen, nichts Geringerem. In Rückblenden wird die Geschichte von Hannis eigener Kindheit erzählt. Da war sie es, der niemand glaubte. Selbst die Mutter nicht. Erst vor Gericht schliesslich mussten sie sich der grauenvollen Wahrheit stellen, von der niemand hatte wissen wollen. Gerichtsszenen auch in ihrem Leben als Mutter. Angeklagt: Die Ärzte, die sie jahrelang hingehalten und verhöhnt hatten. Bis es zu spät war. Zu spät? Nein, das hat sie als Kind gelernt: Es lohnt sich immer zu kämpfen! Wer kämpft, kann zwar verlieren, aber wer nicht kämpft, der hat schon verloren. Und so kämpft die starke, mutige Mutter, die im richtigen Leben Angelika Nachtmann heißt, unnachgiebig um das Leben ihrer Tochter.

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Regisseur Hans Steinbichler. Foto: © Robert Bohlen, soulkino

Die Autoren Angelika Schwarzhuber und Christian Lex haben nach Aufzeichnungen von Angelika Nachtmann das Drehbuch geschrieben. Und der Chiemgauer Regisseur Hans Steinbichler hat mit diesem Film erneut sein Feingefühl für Stoffe bewiesen, die nicht leicht wiegen. Es ist ein starker, sehr starker Film sogar. Mit außergewöhnlich starken Darstellern. Romy Butz beeindruckt in der Rolle der kleine Magdalena. Sie ist ein fröhliches Mädchen, das im Elternhaus jegliche Liebe und Halt hat. Sonst wäre es für ein Kind auch nicht möglich, eine solch gewaltige Rolle zu spielen. In weiteren Rollen: Sissi Steinhuber, Florian Karlheim, Gisela Schneeberger, Gundi Ellert, Sebastian Bezzel u.a..

Film ist ein Herzensprojekt geworden

Viel Fingerspitzengefühl und behutsames Vorgehen sei vonnöten gewesen, diese Wahnsinnsgeschichte auf die Leinwand zu bringen. Denn es sollte möglichst nahe am Original erzählt werden. Dennoch sind die Szenen im Film „nur die Spitze des Eisberges“, erzählt Angelika Nachtmann, die Mutter der realen Magdalena, die eigentlich Katharina heißt. Zehn Jahre hat es gedauert von der Idee bis zum Kinostart. Der Film sei zum Teil des Lebens vom Filmteam geworden, „ein Herzensprojekt“. Beim Filmfest in München ist „Eine unerhörte Frau“ bereits mit großer Resonanz gelaufen. Das Publikum war voll Bewunderung für den unglaublichen Kampf dieser starken Frau gegen alle Widerstände, und dessen filmische Umsetzung. Ein Film, der die Zuschauer beutelt und ihnen doch zugleich Mut gibt, selbst das Unmögliche zu wagen. Und zu kämpfen, bis der Kampf gewonnen ist!

Offizieller Kinostart ist der 6. Oktober, auch bei uns im Landkreis Miesbach, beispielsweise im von Carmen Obermüller neu eröffneten Kino am Tegernsee. Aber vielleicht auch im Kino bei Ihnen um die Ecke.

Angelika Nachtmann hat über den Kampf um das Leben ihrer Tochter ein Buch geschrieben: „Nicht gehört – fast zerstört“ ist im Scholastika Verlag erschienen mit der ISBN 9783981739541.

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