Ein Scherbenhaufen: Der zerbrochene Krug

Der zerbrochene Krug

Noch schnell ein paar Akten sortieren. Schreiber Liechtl (Jochen Geipel) tut sein Bestes. Foto: Veronika Reisig

Theater im Foolstheater Holzkirchen

Premiere von Kleists Lustspiel über Schein und Sein, Recht und Unrecht: Das neue Sommerstück des Fools-Ensembles

Scherben sollen ja bekanntlich Glück bringen – doch wenn es sich um einen Krug handelt, der beim nächtlichen Fenstlern zu Bruch geht, dann wendet sich dieses Glück manchmal auch ins Gegenteil. Das erfährt der Zuschauer aber erst zum Ende des neuen, von Lydia Starkulla flott und pointenreich inszenierten Stückes „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist. Dass der Österreicher H.C. Artmann Kleists klassische Vorlage bearbeitet hat, merkt man sogleich – als Dorfrichter Adam (Daniel Rasch), ziemlich lädiert von seinem Ausflug bei Nacht – und sein Schreiber Liechtl ihren Dialog in schönstem Bayrisch starten. Liechtl hat schlechte Nachrichten für Adam: Gerichtsrat Walter ist auf dem Weg zu ihm. Kasse und Registratur will der überprüfen und – Adam ahnt es schon – ihn selbst.

Pleiten, Pech und Pannen

Dieser Besuch kommt Adam äußerst ungelegen. Hat er doch diverse Blessuren an Kopf und Bein und ist ziemlich übernächtigt. Zu allem Überfluss ist auch noch seine Richterperücke verschwunden. Adam ruft seine beiden Zofen Gretl und Marie, die in hektischer Betriebsamkeit Ordnung ins Chaos des Gerichtzimmers bringen und ihren Herren ordentlich ankleiden sollen – was nur halbherzig gelingt: seine Weste hat er zwar an, aber wie…! Und schon betritt Gerichtsrat Walter die Szene. Bevor er sich überhaupt einen Überblick verschaffen kann, wird Adam von seinem nächtlichen tête-à-tête eingeholt: Frau Rull (Cathrin Paul) verlangt samt Töchterchen Eve Einlass, in der Hand das Corpus Delicti, ihren geliebten Weinkrug – ein einziger Scherbenhaufen. Mit im Schlepptau die gegnerische Partei: Frau Dimpfl samt Sohn Ruprecht, dem Verlobten von Eve – oder Ex-Verlobten, wenn es nach der Schwiegermutter in spe geht.

Der zerbrochene Krug

Das gute Stück fest umschlossen will Frau Rull zu ihrem Recht kommen. unten von links nach rechts: Cathrin Paul, Brigitte Dimpfl, Erich Leiter, oben von links nach rechts: Magdalena Hecher, Andrea Beier. Foto: Veronika Reisig

Der gute Ruf dahin, die Ehre angekratzt

Die beiden Mütter hauen sich alsdann die Flüche und Verwünschungen nur so um die Ohren, jede wähnt sich im Recht. Allerdings ist Frau Rull sich wohl bewusst, dass mit dem Krug auch ihr bzw. der gute Ruf ihrer Tochter Eve angeknackst ist. Den gilt es nun vor Gericht wieder herzustellen. Schließlich steht der Verdacht im Raum, dass neben ihrem Verlobten an besagtem Abend noch ein zweiter Mann bei der Eve war. Gerichtsrat Walter übernimmt die Befragung, nachdem Richter Adam sich äußerst seltsam verhält. Ruprecht berichtet von einer Auseinandersetzung im Garten der Rulls. Er habe einen Mann ertappt und gestellt, aber leider war es finstere Nacht und so konnte der Übertäter zwar verletzt, aber unerkannt entkommen. Im Verdacht ist ein gewisser Eusebius, der der Eve schon früher mal schöne Augen gemacht hat. Die schweigt wie ein Grab.

Der zerbrochene Krug

Dieser Blick von Adam (Daniel Rasch) bedeutet nichts Gutes für Eve Ursula Dillig). Foto: Veronika Reisig

Oder war es doch der Teufel in Nachbars Garten?

Interessant wird es, als die alte Nachbarin Theresia als Zeugin gerufen wird. Denn sie hat etwas im Garten gefunden, was Richter Adam schmerzlich vermisst – seine Perücke. Theresia hat noch so Einiges beobachtet in dieser Nacht, sie schildert es äußerst plastisch. Vom Teufel ist die Rede, dessen Spuren sie ganz deutlich im Garten gesehen habe: ein Menschenfuß und eine Hufe…

Das hohe Gericht will sich auf solche Theorien nicht einlassen, Adam spricht sein Urteil: Ruprecht Dimpfl soll lebenslang hinter Gitter. Das kann und will Eve nicht auf sich sitzen lassen. Sie bricht ihr Schweigen, die Wahrheit kommt schlussendlich doch noch ans Licht. Adam wird eingekreist, ist gefangen in seinem Lügengebilde, kann nur noch die Flucht nach vorn ergreifen – auf Nimmer Wiedersehen.

Das Ensemble des Fools-Theaters führt mit „Der zerbrochene Krug“ ein launiges, kurzweiliges und gleichzeitig tiefsinniges Stück auf, das auch durch die gekonnte Inszenierung Lydia Starkullas so lebendig ist. Besonders gelungen ist die Figur des Schreibers Liechtl, gespielt von Jochen Geipel, der in Karl Valentinscher Manier ganz unbemerkt und verschmitzt die Fäden im Hintergrund zieht. Auch Cathrin Paul, die Frau Rull, besticht durch ihr Mienenspiel der ehrverletzten Witwe. Last, but not least Adam, von Daniel Rasch gespielt, der den Haudegen im Gewand des Dorfrichters perfekt verkörpert. Regisseurin Lydia Starkulla und die Darsteller Daniel Rasch (Adam, Dorfrichter), Christian Selbherr (Walter, Gerichtsrat), Jochen Geipel (Ferdinand Liechtl, Schreiber), Cathrin Paul (Marthe Rull), Ursula Dillig (Eve, deren Tochter), Judith Heimerl (Brigitte Dimpfl, Bäuerin), Erich Leiter (Ruprecht, deren Sohn), Agnes Kraus (Frau Theresia, eine Alte), Magdalena Hecher (Gretl, Magd) und Andrea Beier (Marie, Magd) bekommen Sommerblumen und einen warmen, wohlverdienten Applaus für ihre Leistung. Kostüme und Bühne: Ingrid Huber, Lydia Starkulla.

Bei schönem Wetter wird „Der zerbrochene Krug“ als Freilichttheater auf dem Vorplatz gespielt. Weitere Termine: 8., 9., 14., 15., 20., 21., 23. Juli 2017. Karten unter http://www.kultur-im-oberbraeu.de/der-zerbrochene-krug/

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