Studium und Punctum

Florian Bachmeier vor dem Foto „Ohne Titel“, entstanden in Woloska Balakliia, Ukraine, 2024. Foto: Kerstin Brandes

Ausstellung in Bayrischzell

In der Ausstellung „world about I within“ zeigt die Galerie im Treppenhaus 1967 am Tannerhof in Bayrischzell Arbeiten des in Tegernsee geborenen Fotografen Florian Bachmeier. Mit seinen bewegenden Bildern dokumentiert er an den Rändern der Welt den Alltag der dortigen Bevölkerung. Zeitzeugnisse, die in all ihrer Polarität zwischen Realität und Poesie unter die Haut gehen.

Florian Bachmeier, ein hochdekorierter Fotograf

Zunächst muss Florian Bachmeier selbst vorgestellt werden. Ein Tausendsassa. Er fotografiert für diverse Magazine, die Motive sind dabei vielfältig. Seine Fotografien findet man in bekannten Tageszeitungen, Nachrichtenmagazinen, Kulturjournalen und Hochglanzmagazinen. Zudem ist er ein hochdekorierter Fotograf. Neben vielen Nominierungen und anderen Preisen bekam er bereits sieben Mal den 1. Preis für das beste Pressefoto bzw. die beste Fotoserie vom Bayerischen Journalisten-Verband verliehen. 2025 gewann er den World Press Photo Contest für die Region Europa. Dies ist für einen Bildjournalisten eine der international bedeutendsten Auszeichnungen. Über ihn haben die Fernsehmagazine „titel, thesen, temperamente“ und „Capriccio“ berichtet und bei Bayern 2 war er bereits zu Gast bei dem Talk „eins zu eins“.


Vernissage zu „world about I within“ in der Galerie im Treppenhaus 1967. Foto: Kerstin Brandes

Das denkende Auge

Und nun stellt er in Bayrischzell aus. Zusammen mit Micol Krause, der Kuratorin der Galerie im Treppenhaus 1967, hat Florian Bachmeier die Auswahl der Bilder für die Ausstellung world about I within getroffen. Nach der Begrüßung der Anwesenden durch Micol Krause führte Mechthild Manus in Florian Bachmeiers Werk ein. Sie betonte die verschiedenen Ebenen, auf denen die Fotografien wirken. Zuerst ist es der Blick auf die Welt, den der Fotograf hat. Er wählt das Motiv, er hält es fest. Daraus entsteht eine Zeitzeugenschaft durch die Kamera. Mechthild Manus bringt bei einer weiteren Ebene Roland Barthes‘ denkendes Auge ins Spiel, durch das der Betrachtende das Bild erweitern kann; er fügt den Bildern ein inneres Echo zu. Durch Mechthild Manus‘ ausführliche und tiefgehende Erläuterungen zu den Fotos bekamen die Besucher einen sehr guten Einblick in Florian Bachmeiers Werk. Anschließend teilte der Fotograf selbst seine Sicht auf die Fotos. Selten spricht jemand so nahbar und intensiv über sein Werk – ein Geschenk an die Besucher der Vernissage.

Lesetipp:„Leben an der Front“ – Florian Bachmeier

Barthes und Bachmeier

Der französische Philosoph Roland Barthes versuchte mit den Begriffen studium und punctum in seinem Werk „Die helle Kammer“ das Spannungsfeld von Wahrnehmung und Bedeutung von Fotografien zu beschreiben. Studium als optisches Erfassen eines Fotos und als Auseinandersetzung mit den Intentionen des Fotografen. Punctum als Begriff für ein Detail eines Fotos, das den Betrachtenden innerlich berührt, in ihm etwas auslöst. „In diesem schmalen Spalt – in der Bresche zwischen Außenwelt und Innenwelt – beginnt die eigentliche Arbeit des Bildes“ für Florian Bachmeier. „Hier verschiebt sich Wahrnehmung, hier entsteht Bedeutung, hier wächst Poesie.“

An den Enden der Welt

Florian Bachmeiers Bilder führen in entlegene Regionen. Es sind Gegenden, in denen die Menschen nicht nur unter einfachsten Bedingungen leben, sondern meist auch unter gefährlichen. Es sind Gebiete, die durch eine koloniale Grenzziehung eine Teilung ihrer Gemeinschaften erfahren haben. Es sind Erdstriche, in denen den Menschen im Zuge des Klimawandels ihre Lebensgrundlage immer mehr entzogen wird. Es sind Landschaften, die durch Krieg zerstört und gezeichnet sind. Die Fotografien der Ausstellung sind in Rumänien, Afghanistan, Bangladesch, Georgien und der Ukraine entstanden.

Greifbar für den Moment

Florian Bachmeier zeigt Menschen in ihrer Würde als auch in ihrer Verletzlichkeit. So das Mädchen Malala aus Afghanistan. Sie lebt in einer der abgelegensten Gegenden im Grenzgebiet zu Pakistan, Tadschikistan und China. Malala gehört zu der ethnischen Gruppe der Wakhi, die im Hochgebirge, nur zu Fuß erreichbar, mit eingeschränkter Infrastruktur und kaum Kontakt zur Außenwelt, leben. Die Fotografie des jungen Bauernmädchens lässt uns ihr Leben nur erahnen. „Ihr Blick erzählt von einem Alltag, der zugleich hart und poetisch wirkt – von einer Welt, die im globalen Bewusstsein kaum vorkommt, und die hier für einen Moment greifbar wird“.


Ohne Titel, Marinka, Ukraine, 2017. Foto: Kerstin Brandes

Surreale Schönheiten

Eine unwirkliche Schönheit vermittelt das Bild mit der Wiese. Es liegt ein noch verschlafener Schleier über den verblühten Blumen – das Bild strahlt die Ruhe eines Wintermorgens aus. Florian Bachmeiers Worte zu dem Foto reißen den Betrachtenden jäh aus dieser Stimmung. Es sei ein Mienenfeld zu sehen, in dem der Tod lauere.


Ahmed, Mongla, Bangladesch, 2018. Foto: Kerstin Brandes

In Bangladesch hat Florian Bachmeier den jungen Ahmed getroffen. Als Sohn eines Fischers und einer, vermutlich durch Umweltgifte, an Krebs erkrankten Mutter lebt er in einfachsten Verhältnissen. In der kargen Fischerhütte hat er sich sein eigenes Reich geschaffen. Er kümmert sich um seine Vögel und träumt davon, eines Tages als Imam mit seinen Worten den Menschen Halt geben zu können. Eine surreale Welt spiegelt diese Aufnahme.


Ohne Titel, Gali, Georgien, 2017. Foto: Kerstin Brandes

Das Foto „Ohne Titel“ aus der Stadt Gali erzählt die Geschichte von einer durch Krieg verlorenen Heimat. Durch diesen Vorhang haben die Bewohner ihr Zuhause verlassen. Unverändert hängt nun seit Jahren dieses Stück Stoff in einer noch immer verwaisten Wohnung, die die Zeichen eines langsamen Verfalls spiegelt: das Gewebe wirkt dünn und ausgeblichen, an den Wänden breitet sich ungehindert Schimmel aus.

Zugaben

Eine wertvolle Zugabe zur Ausstellung sind die Texte in den ausliegenden Flyern. Florian Bachmeier hat, begleitend zu seinen Fotos, bewegende Zeilen verfasst. Sie vermitteln den BesucherInnen einen tieferen Einblick in die jeweiligen Situationen und die Umstände, unter denen die Bilder entstanden sind. Sie erzählen vom Honigsammler, vom Fischer, von einem Taufritual, von viel Hoffnung und auch Schmerz. 13 Fotografien der Ausstellung führen in eine andere Welt. Die 14. jedoch zeigt einen starken Wellengang auf dem Schliersee – und auch hier funktionieren studium und punctum.


Austausch im Anschluss an die Vernissage im Saal des Tannerhofs. Foto: Kerstin Brandes

Im Anschluss an die Vernissage bekam die schöne Atmosphäre in der Galerie im Treppenhaus 1967 auch eine Zugabe: Im angrenzenden Saal des Tannerhofs spielte Timur Ahrens am Flügel, während sich die BesucherInnen untereinander und mit Florian Bachmeier austauschen konnten.

Die Ausstellung „world about I within“ ist am Tannerhof, Tannerhofstraße 30 in Bayrischzell, bis zum 04. Juni 2026 täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.

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