
Gespür für die Essenz
Stille Landschaften in der Ausstellung „Augenwege“ von Stefan Rosenboom. Foto: Kerstin Brandes
Ausstellung in Miesbach
Stefan Rosenboom stellt im Miesbacher Kulturzentrum, dem Waitzinger Keller, unter dem Titel „Augenwege“ Fotografien aus, die auf seinen Reisen entstanden sind. Es sind Aufnahmen, die unterschiedlichste Geschichten erzählen und somit den Betrachtenden in andere Welten führen. Als genauer Beobachter gelingt es ihm, mit der Kamera Momente zu erfassen und sie emotional als auch künstlerisch auf eine andere Ebene zu heben.
Sandra Freudenberg, Gründerin des Alpen Film Festivals und selbst Autorin, stellt in ihrer Laudatio den Fotografen, Filmemacher und Autor vor. Sie ist zeitweise Wegbegleiterin auf seinen Touren und hat mit ihm die Bücher ‚In den Bergen lebt die Freiheit‘ und ‚Hoch und Heilig‘ publiziert.

„Hoch und Heilig 1“. Foto: Stefan Rosenboom
Stefan Rosenboom, der Geschichtenerzähler
Da Stefan Rosenboom gerne Geschichten teilt, sieht Sandra Freudenberg die Reisen mit ihm als „doppelte“ Reise. Eine durch Landschaften und eine zusätzliche durch seine Erinnerungen – und von denen hat er viele aufgrund seiner unzähligen Touren rund um den Erdball. Auch im Waitzinger Keller erzählt Stefan Rosenboom Geschichten. Er hat seine Ausstellung in acht Kapitel unterteilt, die jeweils eine andere Welt erschließen. Der Weg streift dabei das Leben in einer Jurte und ein „anderes“ Italien, führt vorbei an japanischen Motiven, windet sich über Berge und leitet zu winterlichen Landschaften und Eindrücken auf einer Pilgerreise.

Sandra Freudenberg (links) und Stefan Rosenboom. Foto: Kerstin Brandes
Zeit ist der Schlüssel
Sandra Freudenberg betont, dass Stefan Rosenboom immer auf der Suche nach dem Wesentlichen sei: Er sehe Dinge, die andere übersehen, er denke weiter und fühle tiefer. Dies sieht man den Arbeiten an. Durch sein stilles und achtsames Warten auf den richtigen Moment und das für ihn passende Motiv entstehen Bilder, die eine Ruhe als auch Intensität in sich tragen. Sie spiegeln Stefan Rosenbooms Haltung und seinen gelebten Minimalismus wider. Seine Aufnahmen entstehen in der Natur. So wie er sich zu Fuß auf seinen Touren ein Terrain zu eigen macht, so scheint er mit dem Auge seine Umgebung zu verinnerlichen, um mit der Kamera die Essenz davon festzuhalten.

Piccolo Tibet. Abruzzen, Italien. Foto: Stefan Rosenboom
Multimediashow
Im Saal des Waitzinger Kellers zeigte Stefan Rosenboom nach der Laudatio weitere Fotografien und kurze Sequenzen seiner Filme. Musikalisch unterlegt, nahm er die BesucherInnen mit auf seine Reisen: Einsame Pfade, unendlich weite, vom Wetter gezeichnete Landschaften, faszinierende Polarlichter, aber auch das puristische Leben in den Bergen und die Gemeinschaft der Tourengeher.

Stefan Rosenboom während der Präsentation. Foto: Kerstin Brandes
Allen Bildern ist eine ungewöhnliche Perspektive gemein. Die Aufnahmen von den gewundenen Baumstämmen, in die sich der Schnee gefressen hat, oder den, vom eisigen Wind gegerbten, schon abstrakt anmutenden Bäumen fallen nicht unter die Rubrik gewöhnlicher Landschaftsaufnahmen. Sie bestechen durch eine Ästhetik, die das ungewöhnliche Detail und das am Wegesrand oftmals Unbeachtete in den Fokus rückt.
Fließende Übergänge
Stefan Rosenboom gelingt es, in seinen Fotografien die Grenzen aufzulösen. Die Übergänge erscheinen mitunter fließend: Himmel und Berge tauchen in klare Bergseen ein, Bäume wachsen durch Nebelschwaden, Schneekristalle radieren Umrisse aus.

Seealpen. Foto: Stefan Rosenboom
Subtil setzt er Text bei seiner Ausstellung ein: Worte, die den Entstehungskontext der Aufnahmen beschreiben, aber auch tiefe Gedankengänge und poetische Zeilen. Wie ein Weitwinkelobjektiv dehnen sie den inhaltlichen Horizont der Motive und ermöglichen es dadurch, das Gesehene auf einer anderen Ebene zu erschließen.
Einige seiner Drucke wirken, als seien sie gemalt. Die Schattierungen, die feinen Farbnuancen, die Zartheit der Konturen und die Tiefenwirkung erinnern mehr an Arbeiten mit einem weichen Pinsel als an die, mit einer harten Linse. Auch hier versteht es Stefan Rosenboom an den Grenzen der Kategorien zu kratzen.
Der Mensch in der Natur
Zwischen all diesen unglaublich einsamen Landschaften tauchen immer wieder Fotografien auf, die Weggefährten abbilden. Manchmal sind sie als Individuum zu sehen, manchmal in der Gruppe. Trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – der Anstrengungen und Entbehrungen auf solchen Touren vermitteln sie ein Bild von einer starken Gemeinschaft, die viel mehr als nur einen Weg geht. Es sind schöne Momente, in denen es wohltuend menschelt und die dem Naturerlebnis eine weitere Facette hinzufügen.

„Hoch und Heilig 2“. Foto: Stefan Rosenboom
Fotoworkshops
Stefan Rosenboom veranstaltet zudem Masterclass Fotoworkshops für die Akademie der Leica Camera AG. An einer Wand des Waitzinger Kellers präsentieren Teilnehmende ihre Ergebnisse. Auch sie erzählen in großformatigen schwarz-weiß Aufnahmen von beeindruckenden Erfahrungen in der Natur.
Im Rahmen der Ausstellung „Augenwege“ gibt Stefan Rosenboom einen Tages-Workshop unter dem Motto „Reflexionen und Ebenen“. Dabei wird die Miesbacher Altstadt mit der Kamera erkundet und eine andere Art der Fotografie und Bildgestaltung vermittelt. Anschließend wird das entstandene Material als kleine Multivisionsshow in den Räumlichkeiten der Ausstellung arrangiert.
Qualität in jeder Hinsicht
Die Materialien, auf die gedruckt wurde, unterstreichen mit ihren Texturen die Wirkung der Motive. Stefan Rosenboom wählte Kappaplatte, Alu-Dibond und Papier für die Exponate. Den Fine Art Print auf Papier führte Stefan Böhm aus. Seine Firma ‚Papierretter‘ verwendet ausschließlich überschüssiges Papier nach dem Motto „#TooGoodToRecycle“. Eine großartige Idee mit einem überzeugenden Ergebnis.
Mit über 60 Werken ist eine dichte, umfangreiche Ausstellung entstanden. Eine durchdachte und ästhetische Hängung lässt die Gesamtheit klar und sehr stimmig wirken. Auf jeder Wandfläche hat der Betrachter die Möglichkeit, einen neuen Raum zu erkunden und in eine faszinierende Welt einzutauchen. Durch die Kombination aus unfassbar schönen, berührenden Aufnahmen und deren hohen Qualität beeindrucken diese „Augenwege“ und werden bei vielen Besuchern der Ausstellung noch lange nachklingen.
Lesetipp: Langsame Bilder, schnelle Schritte
Der Fotoworkshop „Reflexionen und Ebenen“ mit Stefan Rosenboom findet am 14. April 2026 in Miesbach statt. Die Kursgebühr beträgt 75 Euro, die Teilnehmerzahl ist auf zehn Personen beschränkt. Weitere Info und Anmeldung per E-Mail unter ticket@waitzinger-keller.de, Telefon 08025 7000-0 oder über die Homepage des Waitzinger Keller