
„Zufriedenheit macht glücklich“
Franz Xaver Gernstl stellt sein Buch „Glück gehabt“ im Waitzinger Keller vor. Foto: CS
Lesung im Waitzinger Keller in Miesbach
Der Filmemacher und Produzent Franz Xaver Gernstl stand über 40 Jahre lang für die BR-Serie „Gernstl unterwegs“ vor der Kamera. Im Waitzinger Keller las er aus seinem neuen Buch „Glück gehabt!“ und begeisterte das Publikum mit Leichtigkeit und Humor.
Über 160 Menschen strömten in den Waitzinger Keller, um Franz Xaver Gernstl zuzuhören, wie er aus seinem autobiographischen Werk „Glück gehabt – Über das Unterwegssein, das Filmemachen und das Leben an sich“ vorliest. Es erschien erst im Frühjahr im Kösel-Verlag. Viele kennen den Filmemacher und Produzenten aus der legendären BR-Sendung „Gernstl unterwegs“, für die er von 1983 bis 2024 nicht nur quer durch die Republik reiste, sondern auch durch Europa und bis nach New York, Los Angeles und San Francisco. Der Modus Operandi seiner Sendung: Einfach mal schauen, was einem vor die Linse kommt, und Menschen von sich und ihrem Leben erzählen lassen. Und von ihrem Verständnis von Glück. Ein Konzept, das aufging und fast 40 Jahre überaus erfolgreich Fernsehzuschauer unterhielt.
So ungeplant wie die Sendung verlief eigentlich auch sein Leben. „Ich bin in Bad Feilnbach an der Esso-Tankstelle geboren“, beginnt er seine Lesung und erntet damit den ersten Lacher. Das Rumfahren sei ihm quasi in die Wiege gelegt worden. Mit seiner schlanken Statur und seinem grauen vollen Haar wirkt er junggeblieben und eins mit sich. Auf Wunsch der Mutter lernte er Bankkaufmann, aber weil das nichts für ihn war, studierte er später Sozialpädagogik, erzählt er weiter. Zwar regte sich schon früh in ihm der Wunsch, zur Filmhochschule zu gehen, aber als er während seines Zivildienstes zwei Filmemacher traf, rieten sie ihm ab. „Die Deppen“, scherzt er auf der Bühne.
Als das Glück vor seiner WG-Tür stand
Dennoch gelang es ihm, seinen Berufswunsch zu verwirklichen: Über ein Volontariat beim BR rutschte er Schritt für Schritt in die Filmerei hinein – bis irgendwann die Idee zu „Gernstl unterwegs“ entstand und er mit seinem Kameramann Hans Peter Fischer und seinem Tonmann Stefan Ravasz durch die Lande zog. Wie er Hans Peter Fischer kennenlernte, schildert er auch in seinem Buch: Es begann mit Georgia, die eines Abends vor der Haustüre seiner Rosenheimer Hippie-WG auftauchte. „Ich merkte mit dieser Frau, dass das Glück vor mir stand“, liest er vor.

„Glück gehabt“ erschien im Frühjahr 2026. Foto: CS
Als sie nach einer Fahrt in seinem alten VW-Bus in ihrer Wohnung in Poing landeten, lag ein „Typ auf einem Flokati“ im Wohnzimmer: Hans Peter Fischer. Erst im Schlafzimmer erfuhr Franz Xaver Gernstl, dass es sich dabei um Georgias Ehemann handelte, mit dem sie seit ein paar Tagen eine offene Ehe führte. Kein Hindernis also für die beiden Turteltauben. Dennoch endete die Beziehung irgendwann genauso heftig wie sie anfing: Georgia verließ sowohl ihren Geliebten als auch ihren Ehemann wegen eines Lebkuchenfabrikanten. Eine bittere Erfahrung, die die beiden Männer zusammenschweißte und aus der ihre lebenslange Freundschaft und berufliche Zusammenarbeit entstand.
Die Sannyasin und der achtjährige Govinda
Weil Franz Xaver Gernstl mit Leib und Seele ein Filmmensch ist, konnte er es nicht lassen, auch bei seiner Lesung Ausschnitte aus seinem letzten Dokumentarfilm „Gernstls Reisen – Auf der Suche nach irgendwas“ zu zeigen. Eine amüsante und ebenso spannende Zusammenfassung seiner Reiseabenteuer aus 40 Jahren. Darin enthalten auch ein Besuch von Schloss Wolfsbrunnen in Hessen, wo das Film-Trio 1983 eine Gruppe rotgekleideter Sannyasin, Schüler des indischen Gurus Bhagwan, besuchte.
Lesetipp: Entmenschlichung und Poesie
Dort trafen sie auch auf den achtjährigen Govinda, den Einzigen, der sich der Kleiderordnung nicht fügte. Der dickköpfige kleine Junge setzte damals durch, dass er mit dem Filmteam drei Tage mitreisen durfte – eine Gelegenheit, sich nicht nur als Reporter zu erproben, sondern auch der strengen vegetarischen Küche zu entfliehen. Der Junge aß Bratwürstel und Brathendl, als gäbe es kein Morgen, erzählt Franz Xaver Gerstl. Eine Filmszene zeigt, wie er Govinda 30 Jahre später wiedertrifft, ein berührender Moment für die beiden. Sein Leben sei mit Höhen und Tiefen verlaufen und er sei immer noch auf der Suche nach dem Glück, gibt der nachdenkliche junge Mann zu.
Der Weg vom Produzenten zum Autor
Franz Xaver Gernstl stand nicht nur für „Gernstl unterwegs“ vor der Kamera, sondern produzierte im Laufe seines Lebens unzählige Kinderserien, Dokumentationen und Filme: von „Willi wills wissen“ und „Checker Tobi“ bis hin zu „Erleuchtung garantiert“, einem Kinofilm von Doris Dörrie, der den Bayerischen Filmpreis gewann. Bereits 1983 gründete er seine Produktionsfirma Megaherz, die mittlerweile von seinen beiden Söhnen Oliver und Jonas geführt wird.

Franz Xaver Gernstl beim Signieren seiner Bücher nach der Lesung im Waitzinger Keller. Foto: Isabella Krobisch
Als der Bayerische Rundfunk 2025 beschloss, „Gernstl unterwegs“ nicht mehr fortzusetzen, war das ein Einschnitt für den Produzenten: „Das hat uns schon geärgert“, gab er auf der Bühne zu, als eine Zuschauerin danach fragte. Nüchtern betrachtet sei es aber so besser gewesen, als zwei Jahre später sagen zu müssen, dass der Tonmann nicht mehr gut höre, scherzt er. Es passe schon, betont er, schließlich sei Schreiben auch eine schöne Sache.
„Die Erfüllung liegt darin, mit dem Leben zurechtzukommen“
Wenn Franz Xaver Gernstl eins aus seinen unzähligen Reisen mitgenommen hat, dann ist es die Erkenntnis, dass das Glück sich nicht erzwingen lässt. „Die Erfüllung liegt eigentlich darin, mit dem Leben zurechtzukommen“, sagt er. Das habe er von seinen vielen Interviewpartnern, die teilweise in prekären Verhältnissen lebten, gelernt. Ein Krippenschnitzer in Tirol hätte einmal zu ihm gesagt, dass nicht das Glück zufrieden mache, sondern Zufriedenheit mache glücklich. Das sehe er genauso.
Mehr zum Programm im Waitzinger Keller unter www.waitzinger-keller.de