Lücke

Froh zu sein bedarf es wenig

Joachim (Bruno Alexander) kommt bei den Großeltern (Senta Berger und Michael Wittenborn) an. Foto: Warner Bros. Pictures

Filmtipp von KulturVision

Die Fans von Joachm Meyerhoffs Roman-Reihe „Die Toten fliegen hoch“ warteten sehnsüchtig auf die Verfilmung seines Romans, der nur noch „Die Lücke“ genannt wird und werden nicht enttäuscht. Simon Verhoeven hat mit seiner Mutter Senta Berger in einer Hauptrolle ein wunderbares Werk geschaffen.

Natürlich ausverkauft am Sonntagabend im FoolsKino Holzkirchen und Kinobetreiber Tom Modlinger sagt: „So mag ich es gern.“

Filmadaptionen von Romanbestsellern sind immer ein wenig problematisch. Gelingt es, die Atmosphäre, die sich beim Lesen einstellt, auch im Film, vielleicht anders, aber doch stimmig, zu erleben?

Simon Verhoeven gelingt es. Er hat Teil 3 der autobiografischen Roman-Reihe von Joachim Meyerhoff „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ zu einem hinreißenden Film gestaltet, urkomisch und todtraurig zugleich.

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Die angehenden Schauspieler. Foto: Warner Bros. Pictures

Es geht los mit Sprachübungen in der Schauspielausbildung. Pfpfpf und so. „Philipp hätte sich totgelacht, aber er war schon tot“, spricht Joachim und die Zuschauer sind voll im Geschehen des Jugendlichen, dessen Bruder bei einem Autounfall stirbt. Diese Lücke.

Er entscheidet sich, Schauspieler zu werden und zieht nach München zu den Großeltern, gespielt von Senta Berger und Michael Wittenborn und es wird irrsinnig lustig, diesem Ehepaar in all seinen Ritualen und Marotten zuzuschauen. In feinster Manier wird von Meißner Porzellan gespeist und Punkt 18 Uhr gibt’s den Whisky, gefolgt von Rotwein.

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Edles Milieu. Foto: Warner Bros. Pictures

Auf dem Teppich nebeneinander liegend hört man Klassik, etwa Peer Gynt und zum Abschluss des Tages gurgelt man im Duett 45-prozentigen Enzian, den man nicht ausspuckt.


Gurgeln im Duett. Foto: Warner Bros. Pictures

Senta Berger ist die großartige alternde Diva im rosafarbenen Hausanzug, die ihren Enkel Lieberling nennt und ihm zur Beerdigung des Bruders Valium verabreicht. Die berühmte Schauspielerin ist von der Bühne abgetreten und lässt die Dramen jetzt in das alltägliche Leben einfließen. Der Großvater indes ist mehr mit seinen Philosophen befasst.

Hier schließt sich für Joachim die Lücke, er fühlt sich heimisch.

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Einsam auf der Bühne beim Vorsprechen. Foto: Warner Bros. Pictures

Obwohl er nur Dantons Tod vorbereitet hat, eigentlich aber drei Stücke vortragen müsste, wird er in der Otto Falckenberg Schule angenommen, dank Großmutters Kaffee, den er spät trinken musste, um ja müde zur Aufnahmeprüfung zu gehen, wo er seinen Text mit vielen Pausen vorträgt.

An der Schule führt er sich recht widerborstig auf. Bruno Alexander spielt Joachim in seiner Zerrissenheit und Renitenz großartig. Es fällt halt schwer, mit den Brustwarzen zu lächeln, Spaghetti im kochenden Wasser zu sein oder Effi Briest als Nilpferd zu mimen. Er kann die Lücke, „zwischen dem, was wir sind und dem, was wir wollen“ überzeugend vermitteln. Vor allem in den Großaufnahmen zeigt er seine nuancierte ungekünstelte Schauspielkunst.


Joachim verweigert das Gezappel. Foto: Warner Bros. Pictures

Irrsinnig komisch, als er als Komparse in der Walpurgisnacht masturbieren soll und dem Regieassistenten verkündet: Davon stehe aber nichts im „Faust“.

Dazwischen immer wieder Szenen mit den Großeltern, vermischt mit Kindheitserinnerungen. Das Wandern mit dem frohen Lied auf den Lippen „Froh zu sein bedarf es wenig“, das abrupt an der Autobahn endet, da Großvater veraltetes Kartenmaterial verwendet, und die sabbersicheren Überzüge auf den edlen Polsterstühlen. Sehr berührend, als Großvater einen solchen Überzug für sich selber wegen seines Tremors anfordert.

Die Szenerie im Haus mit Treppenlift wird mit Originalfotos aus der Jugend von Senta Berger authentisch ergänzt.

Als der berühmte Regisseur, von Friedrich von Thun gespielt, auftaucht, kommt für Joachim die große Chance, ein berühmter Filmschauspieler an der Seite der Großmutter zu werden. Aber es kommt anders.


Joachim schreibt, die Großmutter lobt ihn. Foto: Warner Bros. Pictures

Diese Lücke, schon bekannt aus Goethes „Werther“ führt aber nicht zur persönlichen Katastrophe, sondern schließt sich in der Reflexion über Leben, Tod, Erinnerung, die Joachim als Roman niederschreibt.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ von Simon Verhoeven, Verleih Warner Brothers, heute noch im FoolsKino Holzkirchen (ausverkauft), bis zum 4.3. im Kino am Tegernsee und im Oberlandkino Hausham.

Zum Weiterlesen: Es geht nur um einen Grill

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