Paul Kirchhof in Miesbach

Mit seinen klaren, verständlichen, tiefgründigen und rhetorisch brillanten Ausführungen zur Frage „Was ist konservativ?“ begeisterte Paul Kirchhof gestern die Teilnehmer des Studienjahres Kultur, Geschichte, Brauch im Landkreis Miesbach des Katholischen Kreisbildungswerkes im Evangelischen Gemeindezentrum.

Zum 38. Vortrag insgesamt begrüßte Projektleiterin Adelheid Schmid die Zuhörer zu diesem Höhepunkt im 2. Semester des Studienjahres 2011/12. „Zukunft aus der Herkunft gestalten“ definierte der Jurist und Verfassungsrechtler aus Heidelberg den Begriff konservativ. Ein Mensch, der Gut von Böse unterscheiden könne, der sich für erprobte Werte einsetze, der wisse, was unverrückbar sei, sich zu Heimat und Familie zugehörig fühle und der die Fähigkeit habe, dankbar für unser Leben in Hochkultur zu sein, der das von Vätern Ererbte in einem besseren Zustand an die Kinder weitergeben wolle, der sei konservativ. Wobei letzteres in Zeiten der Staatsverschuldung von über zwei Billionen Euro auch Verantwortlichkeit beinhalte.

Was gelte es zu bewahren und was gelte es zu erneuern, fragte Kirchhof und antwortete: „Der konservative Mensch hat die Fähigkeit, die Grundprinzipien des Lebens zu bewahren, Fehler zu entdecken und zu bereinigen.“
Diese Grundprinzipien betitelte er auf Freiheit, Vertrauen, Gewohnheit, Institutionen und Religion.
Freiheit, das Angebot des Staates, sein Leben frei zu gestalten, baut immer auf die innere Wertebindung des Menschen, betonte der Jurist und so sei der konservative Mensch einer, der Freiheit in Bindungsbereitschaft und Verantwortlichkeit lebe. Vertrauen müsse der Mensch auf die Verbindlichkeit des Rechts haben, wobei er, der das Steuerrecht massiv vereinfachen wollte, die „Umzingelung von Normen“ in Deutschland und der EU geißelte. Auch in die Wertbeständigkeit des Geldes wünsche der Mensch sich verlassen zu können, was in der Zeit der Flutung mit Geld verloren gehe. Von Menschenkenntnis und Lebensklugheit sei der konservative Mensch geprägt.

Für Gewohnheiten plädierte Kirchhof, wie sie bei Feuerwehr, Bergwacht, bei Tradition, Sport, Kultur und Nachbarschaftshilfe insbesondere auf dem Land Brauch seien und erinnerte an solche alte Begriffe wie „nach Treu und Glauben“ oder „nach bestem Wissen und Gewissen“ handeln.
Und auch staatliche Institutionen müssen bewahrt werden, argumentierte der Redner, wobei er Volk und Staat mit Hand und Handschuh verglich, erst das Volk bringe Leben in den Staat. Dessen Oberhaupt, der Bundespräsident, sei der Garant für den Bestand der Werte, und müsse Vertrauen in die Politik wecken.

Einen wesentlichen Aspekt, so Kirchhof, stelle die Religion dar, denn der Mensch könne die Frage nach seinem Woher und Wohin nicht beantworten. Insbesondere sei das christliche Menschenbild als Ebenbild Gottes die Voraussetzung für ein Miteinander in Achtung und Respekt.
Letztlich definierte der Jurist das Recht als „geronnene Erfahrung“, die in den Köpfen der Menschen präsent sei und betonte vehement Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Wenn man aber den Begriff „Mensch“ definieren wolle, dann brauche man die Kultur, wobei man wieder beim Begriff konservativ angelangt sei.

In der Diskussion ging es u.a. um das Unbehagen der Bürger mit den Strukturen der Demokratie und der Distanz der Politiker zu den Bürgern, was Kirchhof bejahte. Er wies aber auch darauf hin, dass zum einen Empörung noch kein politisches Geschehen sei und zu hohe Forderungen an den Staat gestellt würden, wobei andererseits Politiker auch mit zu hohen Verheißungen zu einer Entsolidarisierung beigetragen hätten.

Viel gelernt, viel zum Überdenken, ein überaus „reichhaltiges Frühstück für den Kopf“ wie eingangs Adelheid Schmid versprach.

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