Mord mit Smoothie

Ian McEwan: "Nussschale (Ausschnitt Cover)

Coverausschnitt. Foto: Monika Ziegler

Neuerscheinung auf dem Buchmarkt

Haben Sie schon einmal ein Buch gelesen, das aus der Perspektive eines Ungeborenen geschrieben wurde? Ian McEwan wagt diese außergewöhnliche Sichtweise und hat mit seinem Roman „Nussschale“ ein ungemein fesselndes, brillantes Werk geschrieben.

Der britische Autor Ian McEwan ist für seine skurillen Figuren und seine erstaunliche Erzählweise bekannt, wofür er zahlreiche Preise erhielt. Sein Roman „Abbitte“ wurde zum Weltbestseller und mit Keira Knightley verfilmt.

Ende 2016 legte er zum ausgehenden Shakespeare-Jahr seine moderne Hamlet-Version, schon erkennbar am Titel des Buches, vor. Denn Hamlet sagt: „O Gott, ich könnte in eine Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären.“

Diese bösen Träume betreffen den Mord an seinem Vater, ausgeübt von Bruder und dessen Geliebter, der Mutter. Dieses Motiv ist die Grundlage für McEwans Roman. Und es darf verraten, werden, dass der Mord wirklich ausgeführt wird. Beobachtet von dem Ungeborenen in seiner „Nussschale“, wo es schon ziemlich eng ist, zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin.

Ian McEwan. Foto: Annalena McAfee

Ian McEwan. Foto: Annalena McAfee

McEwan ist ein genialer Erzähler, der sich nicht davor scheut, seinen neun Monate alten Erzähler mit außergewöhnlichen Kenntnissen auszustatten. Diese hat er sich im Bauch seiner Mutter durch deren Radiohören und Podcast-Neigung erworben. So reflektiert er bissig und ironisch über die ihn erwartende Welt ebenso wie über Philosophie und Psychologie. „Wird der Niedergang der USA friedlich verlaufen?“ fragt er sich ebenso wie er sich Gedanken über seine Identität macht.

Kein Wunder bei dieser Mutter Trudy, die sich hochschwanger inmitten von Dreck und Müll (man möchte beim Lesen permanent einen Lappen nehmen und mal durchwischen) offensichtlich wohlfühlt. Sie hat sich vom Vater des naseweisen Kindes in ihrem Bauch getrennt, dem wohl glücklosen Dichter und Verleger John mit Schuppenflechte, in dessen leicht herunter gekommenem Haus sie mit dessen Bruder Claude lebt.

Eingesperrter und hilfloser Erzähler

Dieser ist beruflich als Bauunternehmer erfolgreich, die Beziehung der beiden basiert größtenteils auf körperlicher Anziehung, wie unser Erzähler immer wieder äußerst unangenehm für ihn zu spüren bekommt. Und dann also planen die beiden den Mord an John, um an dessen Haus heranzukommen. Mord aus Habgier also, wie der eingesperrte und hilflose Erzähler zu hören bekommt. Lauschen ist seine Hauptaufgabe und so besteht der Roman aus reichlich Dialogen, in die allerdings der Erzähler verständlicherweise nicht eingreifen kann, er muss sie nur anhören und er muss auch den Mord erdulden.

Dass dieser ausgerechnet mit einem Smoothie, dem derzeit angesagtesten Drink erfolgt, ist wieder so ein ironischer Seitenhieb von Ian McEwan, derer es zahlreiche in diesem brillant geschriebenem Buch zu entdecken gibt. Wunderbar auch die Feststellung des altklugen Erzählers, wie wunderbar ein durch die Plazenta dekantierter Burgunder schmecke. Denn Mutter Trudy isst zwar kaum etwas, trinkt dafür ordentlich viel Wein.

Ja, und dann kann unser Pseudo-Hamlet in seiner Gebärmutter doch noch eingreifen. Wie? Das wird nicht verraten. Das Buch verdient es, ganz genüsslich gelesen zu werden.

Ian McEwan „Nussschale“, Diogenes 2016.

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