„Brandstifter oder Friedenstifter?“

Markus Weingardt von der Stiftung Weltethos

Markus Weingardt. Foto: Monika Ziegler

Vortrag in Miesbach

Im Namen aller Religionen wurden Kriege geführt, haben aber Religionen auch zur Friedensstiftung beigetragen? Diese Frage beantwortete gestern Abend im Waitzinger Keller Kulturzentrum Miesbach überzeugend Markus Weingardt von der Stiftung Weltethos.

Der promovierte Politikwissenschaftler und Friedensforscher, der auf Einladung des Kulturamtes, der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde und des Netzwerkes Integration nach Miesbach gekommen war, eröffnete seinen Vortrag mit der Feststellung, dass viele Menschen meinen, die Welt wäre friedlicher ohne Religionen. Er fragte: Welche Rolle spielen Religionen in Konflikten? Dazu müsse man unterscheiden zwischen Interessenskonflikten und Wertekonflikten.

Während erstere durch Kompromisse zu lösen seien, sei dies bei letzteren schwierig, denn hier gehe es um Überzeugungen, es handle sich um unteilbare Konflikte, bei denen die Beteiligten einsatzbereit, gewaltbereit und opferbereit seien. Die Mächte dieser Welt seien seit Jahrtausenden bemüht, Interessenskonflikte in Wertekonflikte umzuwandeln, um ihre Chance zu steigern. „Eine sehr effektive Methode sind hier Religionen“, sagte Weingardt.

Gewalt als Gottesdienst

Der fatale Effekt sei, dass es nicht mehr nur um Richtig oder Falsch, sondern um Gut und Böse gehe und damit seien alle Mittel recht, auch Gewalt und Krieg, das gehe soweit, dass Gewalt als Gottesdienst proklamiert werde, hingegen Gewaltlosigkeit als Verrat und Sünde.

In allen religiösen Schriften werde Gewalt sowohl positiv als auch negativ dargestellt, dieser breite Spielraum diene als Legitimation für diejenigen, die Gewalt als notwendig im Kampf gegen das Böse einsetzen. Andererseits aber seien die bekanntesten Friedensstifter dieser Welt, wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder der Dalai Lama, religiöse Personen.

Er habe weltweit nach Beispielen gesucht, wo Frieden und Versöhnung im Namen von Religion praktiziert wurde. Diese hatte Markus Weingardt in seinem Buch „Was Frieden schafft – Religiöse Friedensarbeit“ zusammengestellt. Gestern Abend stellte er einige davon vor.

Stiftung Weltethos: Religiöse Friedensarbeit

Da ist das Beispiel Mosambik, wo 12 Jahre lang ein blutiger Bürgerkrieg herrschte und UN-Vermittler aufgaben, aber der Katholische Bischof Jaime Gonçalves einen spektakulären Schritt wagte, er ging zu den Rebellen und gemeinsam mit der Laiengemeinschaft Sant’Egidio es in geduldiger jahrelanger Verhandlungstätigkeit schaffte, einen Friedensvertrag herbeizuführen.

Oder das Beispiel Ruanda, wo der ethnische Völkermord eine Million Tote forderte. Hier waren es Muslime, die Flüchtlinge versteckten, sich gegen Gewalt engagierten und unter Lebensgefahr viele Menschenleben retteten. In Kambodscha waren es Buddhisten, die nach dem mörderischen Pol Pot Regime Versöhnungsarbeit leisteten und zum Friedensmarsch aufriefen.

Aber auch interreligiöse Räte in vielen Ländern tragen dazu bei, dass Religion nicht missbraucht wird, um Interessenskonflikte aufzuheizen. In Deutschland seien es die Kirchen am Rhein gewesen, die nach dem zweiten Weltkrieg die Deutsch-Französische Freundschaft etablierten. Und die friedliche Revolution in der DDR sei ebenfalls von der evangelischen Kirche ausgegangen.

Friedenspotenzial erkennen

„Religiöse Akteure haben ein Friedenspotenzial, Kompetenz und Erfahrungen“, sagte Weingardt. Sie seien glaubwürdig, man habe Vertrauen zu ihnen, sie gelten als ungefährlich und sie zeigten Verbundenheit mit den Betroffenen. Warum sei dann diese Friedensarbeit nicht bekannter? Weil die Medien lieber über Krieg und Gewalt berichten und weil von den religiösen Gemeinschaften ihr eigenes Potenzial noch nicht erkannt sei.

Ein erfreuliches Beispiel sei Papst Franziskus, dessen Stimme gehört werde. Aber auch andere Religionsführer sollten ihre gesellschaftspolitische Relevanz noch mehr zeigen. Wäre nun die Welt friedlicher ohne Religionen? Nein, konstatierte Weingardt, auch säkulare Aufladungen seien denkbar, Religionen dienten nicht als Ursache, sondern als Brandbeschleuniger bei Konflikten..

Nach einer lebhaften Diskussion rief der Referent dazu auf, dass Religionsgemeinschaften ihre Hausaufgaben machen sollen, ihre interreligiösen Konflikte friedlich austragen und sich auf ihre gemeinsame Wertebasis besinnen sollen, so wie es das Projekt Weltethos vorschlägt.

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