Hinreißend interpretierte „Love letters“

Theresia Benda-Pelzer und Michael Pelzer. Foto: Max Kalup

Theater in Miesbach

Großartig. Gänsehaut. Tränen gar bei der Generalprobe von „Love letters“ im Waitzinger Keller Kulturzentrum Miesbach. Freuen Sie sich auf einen Abend großer Schauspielkunst von Theresia Benda-Pelzer und Michael Pelzer in der ergreifenden Inszenierung von Steffi Baier.

„Love letters“ sind also Liebesbriefe, die sich Melissa und Andrew über mehr als vierzig Jahre ihres Lebens schreiben. Autor Albert Ramsdell Gurney hat das Stück verfasst, das eigentlich nur eine strenge Lesung sein soll, ohne dass sich die Protagonisten ansehen dürfen. In Verhandlungen mit dem Verlag aber habe sie es durchsetzen können, dass sie zumindest ein wenig szenisch habe inszenieren können, verrät Steffi Baier.

Einfühlsame Erarbeitung

Diese vorsichtige und einfühlsame Erarbeitung des Inhaltes macht die Aufführung, die primär vom Wort lebt, zusätzlich spannend. Wie sich die beiden Darsteller einfach nur umdrehen, wenn sie einmal eine Weile nicht auf die Briefe des anderen antworten oder wenn sie sich umkreisen, so wie sie es auch in Worten tun, um nur ja nicht all zu viel von ihren Gefühlen äußern zu müssen, das ist perfekt gelöst. Und beim Ende, da bleibt sicher kein Auge trocken, nehmen Sie sich bitte Taschentücher mit.

Die Geschichte der beiden so unterschiedlichen Menschen Melissa und Andrew beginnt in den 30er Jahren mit der Geburtstagsfeier von Melissa, zu der Andrew eingeladen wird. Daraus entspinnt sich ein Briefwechsel, in dem die Charaktere der beiden sowie auch ihre Lebensumstände und ihre Wandlung sichtbar werden.

Love letters
Theresia Benda-Pelzer als Melissa. Foto: MZ

Melissa ist die kapriziöse, anfangs leicht zickige, provokante und stets gefühlsbetonte Tochter aus reichem, aber kaputtem Elternhaus. Theresia Benda-Pelzer liest, nein spielt die Entwicklung des Mädchens in wunderbarer Wandlungsfähigkeit. Sparsam in den Gesten, aber mit allen Möglichkeiten, die eine Lesung ihr bietet, schöpft sie ihr schauspielerisches Potenzial aus. Sie räkelt sich auf der blauen Couch, sie zeigt ihre Langeweile bei den ausufernden Beschreibungen Andrews und sie provoziert ihn bis zum Äußersten.

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Mit roter Perücke, in roter Hose und Spitzenbluse wippt sie ihre Ballerinas, wenn ihr fad wird. Und im eleganten Kleid des zweiten Teils zeigt sie sich sowohl als Weltreisende, Ehefrau und Mutter als auch als verkannte Künstlerin und letztlich als kaputte Frau in Mimik und Gestik. Die durch ihre zahlreichen Rollen im Landkreis bestens bekannte Schauspielerin beweist wieder einmal, dass sie keineswegs eine Laienschauspielerin ist, sondern schon längst ins Profilager wechselte.

Gefühle? Eher sparsam

Ehemann und Altbürgermeister Michael Pelzer ist im Landkreis als eloquenter Redner bekannt und gesucht. Mit sonorer Stimme und gewählter Sprache verkörpert er den aus einfachen Verhältnissen kommenden Andrew, den ganz normalen, Karriere machen wollenden, aber ja nicht in Schwierigkeiten kommen wollenden Mann. Gefühle? Sehr sparsam. Von Melissa aufgefordert, endlich einmal welche zu zeigen, kommt nur, dass er seinen Hund vermisst.

Love letters
Michael Pelzer als Andrew. Foto: MZ

Erst ganz am Ende darf auch Michael Pelzer gefühlsbetont agieren. Die Spannung aber zwischen der exaltierten Melissa und dem kühlen, karrierebewussten Andrew, der Weihnachtsrundbriefe verfasst, macht den Reiz des Stückes aus. Was ist Melissa für ihn? Eine Projektionsfläche, weil er sich so gern in Briefen zu allen möglichen Fragen äußert? Ein Sahnehäubchen auf sein steriles, spießiges Juristen- und Politikerleben? Oder doch viel mehr?

Besondere Momente in „Love letters“

Den beiden Protagonisten unter der sensiblen Führung Steffi Baiers ist es geglückt, Facetten des Lebens, in denen sich viele Menschen wiederfinden können, ebenso wie die ganz besonderen Momente, die dieses Paar auszeichnen, darzustellen, zu leben. Und das eigentlich nur, indem sie ihre „Love letters“ lesen.

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Am Ende dürfen sie sich ansehen. Foto: MZ

Der Brief an sich spielt eine wichtige Rolle in dem Stück. Zum einen sei der Brief eine gute Gelegenheit sich im besten Lichte darzustellen, schreibt Andrew. Zum anderen biete ihm auch das Schreiben die Möglichkeit, sich aus seiner irrationalen Kindheit zu retten. Melissa will lieber telefonieren. Ihre Briefe sind eher abgehackt, kurz, aufgeladen von Emotionen.

Und wie steht es mit den echten Begegnungen? Auch diese spielen eine Rolle, sehr unterschiedlicher Art. Eine Begegnung führt am Ende zu einem Wandel in der Beziehung, sie wird nun emotionaler. Aber im Weg stehen die Wahlen zum Senator.

Die Inszenierung wird durch die passend gewählte Musik unterstrichen. Und wenn am Ende die bekannte Tosca-Arie erklingt und endlich Gefühle offenbart werden, dann schließt sich der Kreis.

„Love letters“ von Albert Ramsdell Gurney mit Theresia Benda-Pelzer und Michael Pelzer unter der Regie von Steffi Baier ist am heutigen Samstag, 10. Juli, am 16. Juli und dann wieder Im Herbst im Waitzinger Keller zu sehen.

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