Jedermann

Glaube, Tod und Teufel: Der Jedermann in Weimar

Aufführung des Jedermann im Weimarhallenpark. Foto: mi

Theater in Weimar

Schauspieler, Filmemacher und Regisseur Nicolai Tegeler hat den Jedermann inszeniert und ist mit seinem Ensemble auf Tournee – in Regensburg, Weimar und Bayreuth.

Langsam geht die Sonne unter hinter der Bühne im schönen Weimarhallenpark, es sind hochsommerliche Temperaturen, also schnell noch einen Drink, während es bereits musikalische Unterhaltung vom Feinsten gibt: mit Andy Sommer an der Gitarre, mit dem formidablen Akkordeonduo con:trust sowie dem Jugend-Kammerorchester der Weimarer Musikschule Johann Nepomuk Hummel.

Begeisterung im Park

Punkt acht, die Sonne ist hinter der Bühne versunken, springt ein Bündel an Energie und guter Laune die Treppe zwischen den Zuschauern hinunter – in kurzer Hose und Jacket einen lässigen, jungenhaften Charme versprühend: Nicolai Tegeler. Der Regisseur begrüßt das Publikum („Hallo Weimar!“), freut sich über das Wetter, das dem ganzen Ensemble so wohlgesonnen ist, und lässt den Funken der Begeisterung überspringen – der Begeisterung für den Jedermann, dieses mehr als hundert Jahre alte Theaterstück von Hugo von Hoffmannsthal, das ja auch heute noch von unglaublicher Relevanz sei. „Schauen Sie einfach, was dieses echte, pure, authentische Stück mit Ihnen macht“, gibt er den Zuschauern mit auf den Weg für die Aufführung. Die beginnt ebenso überraschend wie effektvoll mit Singer/Songwriter Maya Forster, die in Gestalt eines Todesengels auf die Bühne kommt und mit klarer, purer Stimme ihr Lied „Hearts“ singt. Der Park bildet die perfekte Kulisse für diese Ouvertüre.

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Maya Forster als Todesengel. Foto: mi

Dann kommt der Tod. Es ist der Auftakt zum Stück — und man erschaudert ob der ungeheuren Präsenz eines Thomas Thieme.

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Der Tod (Thomas Thieme). Foto: mi

Hochkarätiges Ensemble

Thieme ist nicht der einzige bekannte Name unter den Schauspielern. Mit Julian Weigend als Jedermann, Susanne Bormann als Buhlschaft, Marie Zielcke als guter Gesell, Bernhard Bettermann als armer Nachbar und Teufel, Julia von Sell als Mutter Jedermann, Ralph Morgenstern als Mammon, Michaela Schaffrath als Werke sowie Alma Rehberg als Glaube hat Tegeler ein hochkarätiges Ensemble verpflichten können. Aber damit nicht genug: Tegeler legt Wert darauf, Künstler aus der Region zu integrieren und so kommen nicht nur die Musiker, sondern auch die Kleindarsteller und Komparsen aus Weimar und Umgebung.


Jedermann (Julian Weigend) und Gesell (Marie Zielcke). Foto: mi

Julian Weigend, Marie Zielcke, Susanne Bormann — um nur einige der großen Rollen zu nennen — sind ein Glücksgriff ohnegleichen, alle drei liefern eine fulminante und beeindruckende Performance ab. Mit einer ungeheuren Intensität und Energie trägt ein großartiger Weigend als Jedermann das gesamte Stück; Zielcke, die sich die Rolle des Gesellen gewünscht hatte, brilliert darin als Gespielin des Jedermann, und Bormann als phantastische Buhle tanzt gemeinsam mit der feiernden Tischgesellschaft und zwei Tänzerinnen (Antonia Hauboldt und Zoya Kostova) einem gleichsam orgiastischen Höhepunkt entgegen.


Jedermann (Julian Weigend) und Buhlschaft (Susanne Bormann). Links Akkordeon-Duo con:trust, Andy Sommer und Kammerorchester der Johann Nepomuk Hummel-Musikschule. Foto: mi

Hammer-Regisseur mit tollem Team

Die Textsicherheit aller Schauspielerinnen und Schauspieler nötigt Respekt ab. Tegeler hat die gereimte Sprache des Hugo von Hoffmannsthal beibehalten. Die ist mit ihrer mittelhochdeutschen Färbung und ihrem schwierigen Versmaß eine echte Herausforderung. Das gibt auch Weigend gerne zu, wenn er sagt, dass er die Rolle nicht aus dem Ärmel geschüttelt habe. Dennoch sei die Jedermann-Aufführung das schönste Erlebnis seines 25jährigen Theaterlebens. Und das läge an dem Team, das Tegeler zusammengestellt hat — das sei fachlich wie menschlich einfach einmalig und würde eine unglaublich gute Energie atmen. „Wir haben einfach einen Hammer-Regisseur“, sagt er in einem Interview.


Jedermann (Julian Weigend) mit dem Mammon (Ralph Morgenstern). Foto: mi

Das findet nicht nur Julian Weigend. Egal, wen man fragt – die Schauspieler, die Komparsen oder das Team hinter den Kulissen: Alle loben den Regisseur, der diese einmalige Atmosphäre geschaffen hat: Bei den Proben, bei den Aufführungen, beim Miteinander vorher und nachher – niemand schaue auf den anderen herab, Schauspieler und Komparsen seien absolut gleichberechtigt, und auch die Mitarbeiter von Technik und Maske integraler Bestandteil des Teams. Das sei durchaus nicht überall so, versichert eine der Maskenbildnerinnen, die für Theaterproduktionen in ganz Deutschland arbeitet, sich also auskennt.


Jedermann und Buhlschaft mit der Tischgesellschaft (Komparsen aus der Region). Foto: mi

Glühwürmchen und Gänsehaut

Langsam wird es dunkel im Weimarhallenpark. Im Hintergrund tanzen Glühwürmchen (von denen Tegeler später behaupten wird, er hätte sie extra für das Stück engagiert), die Bäume erstrahlen in einem morbiden lila, der Tod lauert im Hintergrund. „Ich bin der Tod“, gibt der sich schließlich dem Jedermann zu erkennen und pustet dem den Todeshauch entgegen. Thiemes leiser Auftritt macht Gänsehaut, und wenn er bei seinem Abgang die erste Zuschauerreihe abschreitet und dabei einzelne Zuschauer fixiert, erschauert man ein weiteres Mal.


Jedermann (Julian Weigend) fleht den Tod (Thomas Thieme) um Aufschub an. Foto: mi

Nicolai Tegeler hat den Jedermann mit seiner eigenen Firma produziert – die Finanzen sind knapp, reich wird hier niemand, wie er selbst sagt. Vielleicht ist das ja der Grund, warum die Aufführung so phantastisch ist: Neben aller Professionalität spürt man die Energie, die Leidenschaft, die Liebe zum Theaterspielen bei allen Beteiligten. „Für mich sind dies hier“, so fasst es eine der Komparsen von der Tischgesellschaft zusammen, „die Bretter, die die Welt bedeuten“.

Eine gute und eine schlechte Nachricht zum Schluss. Die schlechte Nachricht zuerst: Der Vorhang ist gefallen in Weimar, die letzte Aufführung ist gespielt. Die gute Nachricht: Tegelers Jedermann wird dieses Jahr noch in Bayreuth spielen: Vom 15. bis 19. Oktober — in der gleichen Besetzung — in der Reichshof Kulturbühne. Man sollte es keinesfalls verpassen.

Zum Weiterlesen: Jedermann stirbt

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