Angelika Felenda und die bayerische Geschichte

Angelika Felenda Herbststurm

Cover „Herbststurm“ von Angelika Felenda. Foto: MZ

Lesung in Holzkirchen

Ein Krimi im „Anders wachsen“- Programm? Kann der Leser von „Herbststurm“ von Angelika Felenda außer spannender Unterhaltung noch mehr mitnehmen? Die Zuhörer der Lesung in der Holzkirchner Bücherecke gingen nach lebhafter Diskussion sichtlich bereichert und motiviert nach Hause.

Es war eine Premiere, die erste gemeinsame Veranstaltung der Bücherecke Holzkirchen mit dem Projekt „Anders wachsen“ von KulturVision und KBW Miesbach. Mit der Historikerin Angelika Felenda war eine Autorin eingeladen, die mit einer Krimireihe um den Kommissär Reitmeyer beim Suhrkamp-Verlag Furore gemacht hatte.

Angelika Felenda widmet sich in dieser Reihe der Zeit nach dem 1. Weltkrieg in München. Ein Leuchtturm des Fortschritts, so bezeichnete die Historikerin die Jahre nach dem Krieg in der Landeshauptstadt. Daraus wurde dann aber die „Hauptstadt der Bewegung“. München war ein Sammelbecken für Antisemitismus und für Gewalt, insbesondere durch solche Verbände wie das Freikorps Oberland.

Lebendig und mit Prise Humor

In ihrem dritten Band „Herbststurm“ beschreibt die Autorin zwei Mordfälle und das Verschwinden einer russischen Adeligen. Sie bringt die spannende Handlung in Bezug zu einer Zeit schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse. Diese nämlich zwingen den Anwalt Sepp Leitner, gegen Dollarbezahlung die Suche nach der schönen Anna Alexandrowna aufzunehmen.

Angelika Felenda las abwechselnd mit ihrer Freundin Ulrike Budde atmosphärische Szenen aus dem Roman. Vor den Zuhörern wurden die Figuren lebendig. Und mit einer Prise Humor versehen.

Angelika Felenda und Ulrike Budde
Ulrike Budde und Angelika Felenda (v.l.) in der Bücherecke Holzkirchen. Foto: MZ

Einen Fall, der sich zu der Zeit tatsächlich in München ereignet hat, baute sie in ihre Geschichte mit ein: Zwei Französinnen aus der Münchner Gesandtschaft waren vom Trittbrett einer Trambahn gestoßen worden. Aber niemand hatte etwas gesehen, weder Schaffner, noch Fahrer, noch Fahrgäste.

Zwischentitel

Eine liebenswerte Figur des Romans ist Rattler, junger Kriminaler mit Kriegsverletzung, der sich emsig weiterbildet, obwohl eigenes Denken bei der Polizei nicht so sehr geschätzt wurde. Der schmächtige Jüngling übt sich in Hanteltraining und liest sich auch an, wie er am besten zu einer für ihn passenden Frau kommen könne.

In Larissa findet er sie, intelligent, Naturwissenschaftlerin. Und sie lässt sich sogar von seinen Studien über Schmeißfliegen nicht abschrecken.

Beängstigende Szene

Im feinen Salon der Bruckmanns indes muss sich Kommissar Reitmeyer anhören, wie sich die Münchner Bildungselite begeistert über diesen Herrn Hitler äußert: So aufrichtig und ehrlich, authentisch, ein echter Frontsoldat, um ihn wehe die Aura des Wahrhaftigen.

Mit dieser beängstigenden Szene endete die Lesung. Angelika Felenda machte deutlich, dass sie mit ihren Kriminalromanen die bayerische Geschichte darstellen wolle, die zu dieser Zeit Weltgeschichte gemacht habe. Hier sei der Boden für Antisemitismus bereitet worden.

Freikorps Oberland

Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg und der Revolution hatte die Linke das Zepter übernommen, dann aber kam alles anders. Allein in Bayern seien mit den Verbänden wie dem Freikorps Oberland 300.000 Bewaffnete unterwegs gewesen, hochgepäppelt und unterstützt von der Polizei.

Lesetipp: Was bedeutet Gedenken?

Die Verbindung zur Gegenwart stellte die Historikerin klar heraus: Der rechte Flügel der AfD erinnere sie verdächtig an die damalige Zeit und alles Gerede vom Einbinden in die Politik sei sinnlos. „Wir haben wenig aus der Geschichte gelernt“, sagte sie und sie könne nur aufzeigen, wie es damals zur legalen Übergabe der Macht gekommen sei.

Ulrike Budde bekräftigte: „Wir müssen offensiv zur Sprache bringen, dass wir nicht mit der AfD koalieren wollen.“ Zur Meinungsfreiheit gehöre auch dazu, dass man nicht mit jemandem rede, dessen Haltung man ablehne.

In der lebhaften Diskussion wurde deutlich, dass die im Krimi versteckte Mahnung auf fruchtbaren Boden gefallen war.

Angelika Felenda: „Herbststurm“, Suhrkamp Nova 2018. Zitat Focus online: „Hervorragende Kombination aus historischer Milieuschilderung und spannendem Thriller.“

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