Bayerns Mythen – ein Kulturreiseverführer

Bayerns Mythen-Cover

Cover „Bayerns Mythen“. Foto: Allitera Verlag

Mit ihrem neuen Buch „Bayerns Mythen“ ist Sonja Sill ein Buch gelungen, das viele Facetten umfasst: Legenden, sauber recherchierte Historie und das ganze verknüpft mit Vorschlägen, an die Orte des Geschehens zu reisen. Was das Buch besonders auszeichnet, ist seine Sprache.

Die Autorin fesselt den Leser von der ersten Seite an durch ihre locker gewählte, humorvolle Sprache. Sie zieht ihn dadurch hinein in Geschichten, die wohl jedem Bayern und auch den Zoageroasten so einigermaßen vertraut sind. Geschichten beim Bayerischen Hiasl, dem Räuber Kneißl, der Geierwally, dem Schmied von Kochel, dem Brandner Kaspar und dem Jennerwein Girgl.

„Oreidige“ Rebellen

Sie alle waren Rebellen, waren widerspenstig, „oreidig“, sagt Sonja Still, also so etwas wie unangepasst, die sich der Obrigkeit widersetzten, die Gesetze nicht immer einhielten, so ein bisschen Robin Hood Bayerns waren und sich den Respekt der Bevölkerung verschafften.

Sie leben heute noch nach in ihren Legenden, in Romanen, Theaterstücken, Filmen. In Denkmälern gar und Gräbern, die von den Anhängern gepflegt werden. Es war an der Zeit, sich Bayerns Mythen zu widmen und sie historisch zu beleuchten.

Sonja Still
Autorin Sonja Still. Foto: Mathias Leidgschwendner

Jede Geschichte hat drei Abschnitte. Im ersten Teil erzählt Sonja Still, gut recherchiert, Legende und Historie um die jeweilige Figur, ergänzt dich historische Fakten aus der Zeit, so dass der Leser einen umfassenden Einblick in das Leben und die Umstände des Protagonisten erhält.

Waschechter Dialekt

Im zweiten Teil lässt sie den Protagonisten selbst zu Wort kommen. Er oder sie erzählt dann die Geschichte aus seiner/ihrer Sicht, natürlich im waschechten Dialekt. Zwei Ausnahmen.

Bayerns Mythen
Die Erstürmung des Roten Turms zu München durch den Schmied vonKochel am Weihnachtsmorgen 1705, Gemälde von Franz von Defregger, 1881. Foto: KN

Über den legendären Schmied von Kochel lässt Sonja Still den Bayerischen Löwen des Denkmals in Waakirchen reden, der wesentliche Botschaften an die heutigen Menschen und an die Politik hat. Der Brandner kann nicht reden, denn er ist nur eine Romanfigur von Franz von Kobell, aber es gibt Menschen, die über ihn erzählen können.

Franz von Kobell freut sich

Da wäre der Zeichner Jan Reiser, der den Brandner zeichnete. Da wäre Andreas Kern, Leiter des Tegernseer Volkstheaters, der derzeit selbst den Boandlkramer spielt. Da wäre Manfred Glück, Biograf von Gustl Bayrhammer, der den Portner auf der Bühne und in der Fernsehaufzeichnung spielt.

Lesetipp: Was macht der Boandlkramer im Casino?

Sonja Still lässt aber auch den Urheber der berühmten Figur, Franz von Kobell selbst zu Wort kommen, der sich narrisch freut, dass sei kloans Stückl a solcherne Karriere gemacht hat.

Theater am Tegernsee - Hervorragende Darstellung von Andreas Kern und Hanno Sollacher
Andreas Kern und Hanno Sollacher im Brandner Kaspar des Tegernseer Volkstheaters. Foto: Ines Wagner

Im dritten Teil schlägt die Autorin Ausflüge vor. Sie berühren die Originalorte, an denen die legendären Figuren lebten, wirkten und starben. In diesen Abschnitten wird das Buch ganz zum „Kulturreiseverführer“, wie es im Untertitel heißt, denn die Reisejournalistin und Kennerin der bayerischen Heimat hat hier eine Menge Tipps parat, was sich lohnt anzusehen.

Schmied von Kochel
Schild am Riesenberger-Haus in Bach/Weyarn. Foto: MZ

Der Landkreis Miesbach ist in „Bayerns Mythen“ zu 50 Prozent präsent. Immerhin führen hierher die Spuren des Schmiedes von Kochel, der vermutlich nicht aus Kochel sondern aus Bach bei Weyarn stammt. Und in Waakirchen wird jedes Jahr zu Weihnachten der Sendlinger Mordweihnacht gedacht, wozu die bayerische Politprominenz anreist. So sind die Worte des Löwens an der richtigen Stelle platziert.

Bayerns Mythen
Georg Jennerwein. Foto: KN

Der Jennerwein ist bekanntermaßen Schlierseer und auch in Westenhofen beerdigt, auch wenn man nicht genau weiß, ob seine Gebeine wirklich in dem Grab liegen. Der Hinweis auf den „Hennerer“ indes ist sehr konkret, hier lässt es sich vorzüglich einkehren, nachdem man den Peißenberg bestiegen hat, wo der Jennerwein zu Tode kam. Empfehlenswert aber nur für trittfeste Wanderer, der Weg ist ausgesetzt. Sicherer ist ein Besuch im berühmten Schlierseer Bauerntheater, das gerade die „Geierwally“ auf dem Spielplan hat.

Lesetipp: Schlierseer Bauerntheater: Bebangt, gelacht, geklatscht

Der Brandner hat laut Franz von Kobell im Alpachtal in Tegernsee gewohnt, dort empfing er den Boandlkramer mit seinem Kerschgeist. Dass das Tegernseer Tal mit seinen kulturellen und kulinarischen Angeboten besuchenswert ist, muss nicht betont werden. Sonja Still hat sich die Gaststätte „Schießstätte“ und die Gindelalm, die beim Brandner eine besondere Rolle spielen, als Tipps ausgewählt. Ja, und den Kerschgeist gibt’s beim Fischerweber in Rottach-Egern.

„Bayerns Mythen“ – Ein Kulturreiseverführer zu Geierwall, Jennerwein, Kneißl & anderen Rebellen ist ein informatives und unterhaltsames Buch gleichermaßen, erschienen im Allitera Verlag 2019.
Zur Tegernseer Woche gibt es am 27. September um 19.30 Uhr eine Musikalische Lesung mit Sonja Still, Heiner Oberhorner, Gitarre und Christian Eisner, Zither im Gewölbekeller im Gymnasium, Schlossplatz 1 c, Eingang Südseite.
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