Allerheiligenkapelle

Kulturelles Erbe gemeinsam weitergeben

Die sanierte Außenfassade der Allerheiligenkapelle in Reichersdorf. Foto: Josef Fuchs

Restaurierung der Allerheiligenkapelle in Reichersdorf

In diesem Sommer wurde in Reichersdorf die Allerheiligenkapelle erneuert. Seit Generationen engagieren sich die Anwohner vor Ort für deren Erhalt, in enger Zusammenarbeit von Experten und Ehrenamtlichen.

Allerheiligenkapelle
Ein Team von Experten und Ehrenamtlichen: v.l.n.r. Kathleen Ellmeier (Dorfgemeinschaft Reichersdorf), Johann Köpferl (Zimmerer), Sepp Hatzl (Bauleitung), Andrea Pölt (Kirchenstiftung Weyarn), Marinus Niggl (Kirchenverwaltung), Bettina von Boch (Restauratorin), Peter Franz (beratender Architekt), Pater Michael de Konninck (Pfarradministrator). Foto: Josef Erhart

Auch dieses Mal hat die Dorfgemeinschaft den Anstoß zur Sanierung gegeben und viele wirkten ehrenamtlich mit. Die Bauleitung hat Sepp Hatzl vom Förderverein Kultur und Geschichte in Weyarn übernommen. Als gelernter Schreiner fertigte er in Absprache mit dem Amt für Denkmalschutz auch die neuen Seitenportale an. Die Kirchenmalermeisterin Bettina von Boch war für die Restaurierung der Raumschale und des Hochaltars verantwortlich. Im Vorfeld der Arbeiten befasste sie sich eingehend mit der Entstehungsgeschichte der Kapelle und dokumentierte deren Zustand. Mit Hingabe und viel Liebe zum Detail brachte sie die Farben wieder zum Leuchten.


Kirchenmalermeisterin Bettina von Boch bei Restaurierungsarbeiten am Hochaltar. Foto: Josef Fuchs

Lesetipp: Bettina von Boch in der 39. Ausgabe der KulturBegegnungen

Das Erbe annehmen und bewahren

Es kommt nicht auf die Größe oder Bedeutung eines Bauwerks an, sondern wie sehr die Menschen es wertschätzen. Die Reichersdorfer haben ihr Kleinjuwel über Jahrhunderte immer wieder restauriert, erneuert oder gar neu aufgebaut. Jede Generation hat dieses Erbe angenommen und weitergegeben. Auf diese Weise hat sich eine ganz besondere Beziehung zum Gebäude entwickelt. Auch dieses Mal unterstützten die Menschen die Arbeiten mit viel persönlichem Engagement und mit Spenden.


Der ausgebesserte Dachstuhl: Altes und Neues ergänzen sich. Die alten Balken geben die Form vor, die neuen geben Stabilität. Foto: Josef Fuchs

Ein Bauwerk seiner Zeit

Mitte des 17. Jahrhunderts wütete in halb Europa der Dreißigjährige Krieg. Auch die bayerische Bevölkerung litt unter den Verwerfungen, unter Hunger und Krankheiten. 1640 wurde durch Zufall beim Graben eines Brunnens der Erdstall in Reichersdorf entdeckt, ein unterirdisches Gang- und Kammersystem aus dem Mittelalter. Dem Brunnenwasser wurde eine heilende Wirkung zugeschrieben und die Bevölkerung bat den Probst von Weyarn, dort eine Kapelle zu errichten. Valentin Steyrer war bekannt als durchsetzungsstarker Bauherr, so dass trotz schwieriger Umstände die Kapelle schon 1644 eingeweiht werden konnte. Das jetzige Erscheinungsbild mit dem ovalen Grundriss erhielt sie jedoch erst 1705.


Segnung der neu vergoldeten Kugel. v.l.n.r. Bettina von Boch, Sepp Hatzl, Marinus Niggl (mit Zeitkapsel) und Pater Michael de Konninck. Foto: Kathleen Ellmeier

Das Erbe weitergeben

Tradition bedeutet nicht nur etwas museal oder folkloristisch zu bewahren, sondern das kulturelle Erbe bewusst anzunehmen, es zu leben und an die nächste Generation weiterzugeben. So würdigte die Gemeinschaft im Juni 2026 den großen Moment mit einem feierlichen Akt. Die vergoldete Turmkugel mit Kreuz wurde wieder auf das mit Holzschindeln neu eingedeckte Dach gesetzt. Und für kommende Generationen wurde eine Zeitkapsel mit einer Chronik, aktuellen Dokumenten und Euromünzen in die Kugel gelegt.

Zwangsläufig kommen dem Zuschauer da Fragen in den Sinn, wie: Welche Dinge würde ich selbst in die Zeitkapsel hineinlegen? Welche Kultur und Tradition geben wir den zukünftigen Generationen weiter und wie werden sie damit umgehen?

Die offizielle Wiedereröffnung wird mit einem Dankgottesdienst am 07.11.2026 vor Ort gefeiert.

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