
Turbulenzen im Zwergstaat: Wer frisst hier wen?
Zwei Männer mit 1000 Hintergedanken: Das Tegernseer Volkstheater bringt Andreas Kerns (rechts) Stück „Katz & Maus im Herrenhaus“ auf die Bühne. Foto: Linus Suchowerskyj
Kulturzelt im Kurgarten Tegernsee
Ein Zimmer, zwei ganz verschiedene Monarchen, drei Bedienstete, Beamte, Barone, Grafen, alle, die es noch werden wollen, und ein zerstörerischer Vertrag: Mit „Katz & Maus im Herrenhaus“ hat das Tegernseer Volkstheater die neueste Chaos-Komödie von Theaterchef Andreas Kern uraufgeführt. Während sich die Katzen um ihre Beute streiten, können Volk und Publikum nur staunend zuschauen.
Verhandlungen am Limit
Seit über 120 Jahren führt das Tegernseer Volkstheater auf, und müde wirkt es keine Sekunde. Auch vor über 120 Jahren spielt sich im fiktiven „Großherzogtum Lauenstein-Prignitz“ eine bedeutende Staatskrise ab. Mitten in den geheimen Vertragsverhandlungen mit dem Sultanat Korruptistan stirbt der alte Ministerpräsident. Der schmierige Baron von Rabenhorst wird vom eher weniger ehrwürdigen Großherzog befördert und soll den Vertrag so schnell wie möglich über die Bühne bringen. Aber halt: Natürlich hat sich niemand den Vertrag durchgelesen, in dem quasi der Ruin des Großherzogtums beschlossen wird. Und weder Minister noch Bedienstete ahnen, was für ein schwieriger Verhandlungspartner Prinz Ali aus Korruptistan sein wird.
Kaum Luft zum Durchatmen
Über drei Akte zieht sich die Schlinge enger. Briefe wandern in falsche Hände, Tintenfässer fallen ganz aus Versehen auf das wichtigste Dokument des Abends und kaum glaubt man, dem unausweichlichen Ende immer immer näherzukommen, wendet sich das Blatt erneut. Immer wird ein neues, kreatives Ass aus vielen verschiedenen Ärmeln gezogen und trotzdem bleibt alles durch den schönen roten Faden sehr übersichtlich. Szene für Szene schraubt sich das Stück zu einem Finale hoch, das dem Publikum kaum Luft zum Durchatmen lässt.

Man tut alles für den Vertrag. Foto: Linus Suchowerskyj
Ein Ensemble, das jedem Freude macht
Zur Tegernseer Woche 2026 hat Theaterleiter Andreas Kern seinem Ensemble ein neues Stück geschrieben, selbst Regie geführt und selbst eine Hauptrolle übernommen: Autor, Regisseur und Hauptdarsteller. Das Herzstück des Abends sind definitiv die Schauspieler und Schauspielerinnen. Andreas Kern spielt den Staatsrat Justus von Finkelstein als Beamten alter Schule: pflichtbewusst, (wie alle im Stück) etwas verwirrt, mit Humor so trocken wie ein preußischer Aktenschrank. Und: Als Einziger im Stück ist er tatsächlich um sein Land besorgt. Seine Waffe ist das Timing, die zufälligen Anrufe oder die geheimen Pläne, die er allein oder mit dem Dienstmädchen Constanze schmiedet. Wenn er das Volk zur Hymne von Lauenstein-Prignitz aufruft, dann singt das ganze Publikum freudig mit. Flo Rian Bauer hält als Baron von Rabenhorst mit Pomp, schamlosem Opportunismus und herrlicher Selbstüberschätzung dagegen. Wenn Herr Baron und der Staatsrat zusammenprallen, fliegen die Federn.

Die Hymne. Foto: Linus Suchowerskyj
Hofstaat mit Herz und Hüftschwung
Peter Fritsch thront als Großherzog Adalbert III. mit seiner planlosen, tiefenentspannten Art als ein weiteres Highlight des Abends über dem Durcheinander. Politik und Zahlen? Er singt lieber und liest lieber Noten statt Gesetzestexte. Und was hält das Volk von dem Theater? „Egal“, meint er, „sparen wir einfach bei der Bildung und lassen sie länger arbeiten!“ Michael Reichenwallner bringt als direkter, tief-bayrischer Gesangslehrer Nepomuk Singer Musik ins Herrenhaus und sorgt zum Leid aller am Hof für die schrägen Gesangseinlagen Adalberts.

Schräger Zeitvertreib, bis der Prinz kommt. Foto: Linus Suchowerskyj
Gutes Schauspiel
Und dann rauscht er herein: Ali Sriou in seiner allerersten Rolle als Prinz Ali aus Korruptistan. Im goldglänzenden Gewand mit Turban stellt er mit seiner herrlich überheblichen und verzogenen Art jede Szene auf den Kopf. Hinter dem blaublütigen Chaos stehen die Bediensteten am Hof als heimliche Stars immer im Kreuzfeuer der Intrigen und Zufälle. Christina Kern steht als Köchin Hedwig mit beiden Beinen fest auf dem Boden, trägt das Herz auf der Zunge und behält den Überblick, wenn die feinen Herren längst den Kopf verloren haben – zumindest über das Mittagessen. Romina Pill schenkt dem etwas naiven, redefreudigen Zimmermädchen Constanze in allen Lagen einen wirklich unterhaltsamen Charakter. Matthias Stoib wirbelt als Paul Sperling, dem Diener, Verlobten von Constanze, Sekretär und vielem mehr zwischen den Fronten hin und her. Durch seinen Hitzkopf müssen die beiden oft die Suppe auslöffeln, die ihnen die hohen Herren eingebrockt haben.

„Was will der Prinz denn jetzt schon wieder?“. Foto: Linus Suchowerskyj
Langer Applaus
Was diesen Abend trägt, ist ein Ensemble mit einer wirklich charmanten Chemie, bei der sichtlich jeder Spaß hat. Und zwischen all dem Klamauk blitzt immer wieder auf, dass Machtgier und leere Staatskassen keine Erfindungen des Jahres 1901 sind. Am Ende bleibt langer, herzlicher, verdienter Applaus. Egal, wer seinen Adelstitel verliert, welcher Staat bankrott geht oder wessen Ruf für immer ruiniert ist: Die Gewinner sitzen im Publikum.