Geschichte der Gefühle

Axel Hacke, Journalist, Kolumnist, Buchautor, beim Signieren seiner Werke im Holzkirchner Kultur im Oberbräu. Foto: Andreas Wolkenstein

Lesung in Holzkirchen

Zwischen Kabarett und Lesung, so lässt sich Axel Hackes Bühnenprogramm vermutlich am besten beschreiben. Neben vergnüglichen Einblicken in die verschiedensten Widerfahrnisse aus Axel Hackes Leben bietet der Abend im Kultur im Oberbräu auch Nachdenkliches.

Erzähler Axel Hacke

Als Axel Hacke die Bühne im Festsaal des Holzkirchner Kultur im Oberbräu betritt, hat er einen dicken Stapel aus Büchern und Papieren dabei. Fast sieht er ein wenig aus wie ein Professor auf dem Weg zur Vorlesung. Mit dem Unterschied, dass er nicht Kathedra oder Lesepult ansteuert, sondern das schlichte Ensemble bestehend aus Stuhl und Tisch, das an diesem Abend seinen Arbeitsplatz darstellt. Eine „Vorlesung“ wird es trotzdem, schließlich liest der Journalist, Kolumnist und Autor Axel Hacke einiges vor: Aus seinen Kolumnen im Magazin der Süddeutschen Zeitung ebenso wie aus seinem jüngsten Buch „Wie fühlst Du Dich? Über unser Innenleben in Zeiten wie diesen„. Dazwischen erzählt er Geschichten und ordnet die Texte, aus denen er liest, in einen größeren Kontext ein.

Psycho-Archäologie

Dann etwa, wenn er berichtet, was es mit seinem neuen Buch auf sich hat. Darin setzt Axel Hacke ganz auf Gefühle, ihnen hat er sein neues Werk gewidmet. Ausgangspunkt ist dabei eine Methode, die man als „Psycho-Archäologie“ bezeichnen könnte. Er habe eine Geschichte des Verhältnisses schreiben wollen, das der Mensch zur Welt hat, erläutert der SZ-Kolumnist im ausverkauften Festsaal. Und dieses Weltverhältnis ist an den Gefühlen ablesbar – daran, welche Gefühle wir haben und daran, welche Rolle Gefühle spielen. Diesen Ansatz habe er das bereits in seinem Buch „Aua! Die Geschichte meines Körpers“ angewandt. Denn auch am Körper sei das Weltverhältnis ablesbar, Narben etwa könnten als Memoiren verstanden werden.


Liest, erklärt, ordnet ein: Axel Hacke auf der Bühne des Kultur im Oberbräu in Holzkirchen. Foto: Andreas Wolkenstein

Wut verkauft sich gut

Gefühle hätten in der Geschichte unterschiedliche Bedeutung gehabt, betont Axel Hacke vor dem Holzkirchner Publikum. Heute dienten sie vor allem dem Konsum, was er an dem Werbespruch eines großen deutschen Einzelhandelunternehmens illustriert. In Anlehnung an die Arbeiten der französisch-israelischen Soziologin Eva Illouz spricht er gar von einer Emotokratie, also der Herrschaft der Emotionen – was wohl am besten verstanden wird als „Herrschaft durch Emotionen“. Große Emotionstreiber seien die Sozialen Medien, also Plattformen wie Instagram oder Tiktok. Da verkaufe sich vor allem Wut besonders gut, so Axel Hacke. Sein Buch sieht er Versuch an, Emotionen und deren Treiber gründlich und kritisch zu reflektieren.

Axel Hackes hoffnungsvolles Plädoyer

Eine der Emotionen, durch wir Menschen als Individuen, aber auch als Kollektive geprägt sind, ist für Axel Hacke der Verlust. Hier lehnt er sich an die Arbeiten des Soziologen Andreas Reckwitz an, der dem Thema ein eigenes Buch gewidmet hat. Verluste, so Axel Hacke, müssten anerkannt werden, denn in ihnen stecke eine wichtige Frage – für den Autor sogar die „wichtigste“ Frage überhaupt: „Wie wollen wir leben?“. Verluste verursachten zwar Krisen, aber sich damit zu befassen, so sei seine persönliche Erfahrung, führe stets zu etwas Besserem. So lässt sich in Axel Hackes Buch auch ein hoffnungsvolles Plädoyer dafür sehen, sich durch Reflexion und Krisis, also „Abscheidung“, weiter zu entwickeln.

Präzise Sprache

Diese ernste Gedanken präsentiert Axel Hacke in einer Sprache, deren Präzision unübertroffen ist – und die für viel Heiterkeit sorgt. So benutzt er in einer seiner Kolumnen das Wort „schöbe“, also den Konjunktiv II des Wortes „schieben“. Als beim Vorlesen dieses eher selten verwendeten vereinzelte Lacher zu hören sind – freilich nicht nur dem Wort, sondern der Geschichte geschuldet, in der es vorkommt – hält er inne und erklärt, er habe den Text wohl nur geschrieben, um diese grammatikalische Besonderheit verwenden zu können. Auf diesem hohen sprachlichen Niveau, das auf eindrückliche Weise Humor und Philosophie vereint, bewegt sich die gesamte Veranstaltung, aus der die Besucher erheitert, aber auch nachdenklich den Heimweg antreten.

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