Rechte Traditionspflege: eine Gefahr für die Demokratie?

Annabergdenkmal

Umstrittene Tafel an der Weinbergkapelle in Schliersee. Foto: Petra Kurbjuhn

Interview mit Max van Beveren

„Erinnerung Ehrung Leugnung, Kontinuitäten rechter Traditionspflege in Oberbayern“ nennt Max van Beveren sein Buch, das im Juli dieses Jahres bei Books on Demand, Norderstedt erschien. Im Interview erzählt der Miesbacher Politikwissenschaftler über seine Motivation.

MZ: Was hat Sie bewogen, sich mit dem Thema „rechte Traditionspflege in Oberbayern“ zu befassen?

MvB: Ich habe in Miesbach das Kulturhaus zur goldenen Parkbank gemeinsam mit vielen anderen aufgebaut. Es war der Versuch hier im Landkreis einen Raum für Jugendliche frei von Rassismus und Sexismus zu schaffen. Zum Thema hat mich die Aufarbeitung des Weinbergdenkmals in Schliersee gebracht. Das ist ein Beispiel für das Aussitzen und Versickernlassens.

MZ: Aber gerade hier hat es doch ein groß angelegtes Projekt des Katholischen Bildungswerkes gegeben?

MvB: Die Kritik richtet sich auch nicht an das Projekt, sondern an Schliersee, da wird blockiert.

Rechte Traditionspflege
Max von Beveren mit seinem Buch. Foto: MZ

MZ: Ihr Buch ist eine akribische wissenschaftliche Abhandlung nicht nur über das Freikorps Oberland, sondern auch über die Gebirgsjäger.

MvB: Ich wurde über einen familiären Hintergrund in das Thema reingeschubst.

MZ: Was wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?

MvB: Ich möchte wissenschaftlich fundiert darlegen, was Sache ist und damit in einen Hohlraum vorstoßen. Es gibt schon einige Abhandlungen zu den Freikorps und zu den Gebirgsjägern, aber nicht so spezifisch regional. Ich möchte ansatzweise erklären, was hier vor sich geht. Manche sagen, das sind doch nur Erinnerungen alter Männer, aber die Frage ist doch, woran erinnern sie und wen ziehen sie mit ihren Treffen an?

MZ: Meinen Sie, dass die rechte Szene in jüngster Zeit erstarkt ist?

MvB: Dieses Gedenken rechter Kreise gab es schon immer, aber jetzt fällt es auf fruchtbaren Boden, wenn man an die AfD oder den NSU-Terror sowie die rechte Ausrichtung bei der Bundeswehr und der Polizei denkt. Durch die Nazis und Kriegsverbrecher in der Adenauer-Ära wurde die NS-Zeit nicht aufgearbeitet.

MZ: Aber die 68er Bewegung hat es doch versucht?

MvB: Das war ein wichtiger gesellschaftlicher Beitrag, aber ein Umdenken hat nicht stattgefunden.

MZ: Sehen Sie eine echte Gefahr?

MvB: 1918 gab es paramilitärische Einheiten, daraus wurde mit der NSDAP eine Massenpartei. Deutschland hat ein massives Problem mit Rassismus, nicht nur gesellschaftlich sondern auch staatlich. Natürlich gibt es Überschneidungen zu 1918, eine identische Situation sehe ich aber noch nicht.

MZ: Was wollen Sie bewirken?

MvB: In einem ersten Schritt dazu aufrufen wahrzunehmen. In einem zweiten Schritt darauf hinzuweisen, dass es sich nicht nur um einen kleinen geschlossenen Kreis alter Männer handelt, der die rechte Traditionspflege betreibt, sondern dass es hervorragende Verbindungen zur radikalen rechten Szene, wie den Burschenschaften und der Jugend der NPD, gibt und auch zur Bundeswehr und den Gebirgsjägern. Die Gefahr geht von den Jüngeren aus. Als dritten Schritt möchte ich darauf hinweisen, welche Auswirkungen diese rechte Traditionspflege insbesondere in der jetzigen Situation hat. Die Morde des NSU, der Mord an Walter Lübcke, Anschläge auf Migranten und Migrantinnen sowie Weitergabe von Informationen von Linken und Demokraten durch die Polizei an rechte Strukturen. Die Nichtaufarbeitung der NS-Vergangenheit steht in Kontinuität mit den heutigen rechten Strukturen und dem rechten Terror, sowohl auf staatlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene.“

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MZ: Sie gehen in Ihrem Buch ausführlich auf das Freikorps Oberland ein.

MvB: Das hat viel mit dem Landkreis zu tun, denn 1923 wurde mit einer großen Feier das Oberlanddenkmal in Schliersee eingeweiht und die NSDAP-Ortsgruppe gegründet. Da waren ab 1923 jährlich Feiern, zu denen auch Hermann Göring und Adolf Hitler in Schliersee waren. Dieser Kult wegen des Sturms auf den Annaberg ist unverständlich, denn da war kein einziger Schlierseer dabei.

Verschwörungstheorie Tafel
Rechte Traditionspflege an der Weinbergkapelle Schliersee 2020. Foto: KN

MZ: Und diesen Kult gibt es heute noch?

MvB: Der findet heute in anderem Rahmen statt. Das Denkmal wurde entfernt, aber die Tafel ist ausreichend. Sie wurde von Karl Diebitsch entworfen, der auch Himmler beraten hat.

MZ: Sie erwähnen einen zweiten Gedenkort in Ihrem Buch.

MvB: Auf der Südseite des Friedhofs St. Martin in Schliersee/Westenhofen ist ein steinernes Denkmal für die Baltische Landwehr zu finden, wo bereits Treffen von Burschenschaften stattgefunden haben. Das könnte ein Ausweichort werden.

Rechte Traditionspflege bei den Gebirgsjägern

MZ: In Ihrem Buch schreiben Sie auch über die Gebirgsjäger.

MvB: Da gibt es viele Überschneidungen zwischen Freikorps Oberland und Gebirgsjägern, auch wenn es andere Zeiträume sind. Aber die Gebirgsjäger haben auf dem Balkan und in Griechenland Gräueltaten begangen und ich habe ein Interview mit einer Zeitzeugin geführt.

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MZ: Wo ist hier die Verbindung zum Landkreis?

MvB: An einer Gedenktafel am Hafnerstein auf dem Wallberg treffen sich jedes Jahr Veteranen und Bundeswehrangehörige, da gibt es keine Distanzierung und Differenzierung zur Wehrmacht.

MZ: Im letzten Teil Ihres Buches würdigen Sie das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

MVB: Ich wollte nicht mit den Tätern aufhören. In Oberbayern gibt es unfassbar viele Gedenkorte, wie Kriegerdenkmäler, aber nur wenige, die an die Opfer erinnern. Es ist gut, dass es sie gibt, wird ihnen aber nicht gerecht.

MZ: Wo findet man im Landkreis Miesbach solche Plätze?

MvB: Am Sudelfeld gab es ein ehemaliges SS-Ferienheim, das jetzt eine Jugendherberge ist und dort gibt es eine Gedenktafel. Auch am Friedhof in Holzkirchen erinnern Tafeln an Zwangsarbeiter, die durch eine Methanol-Vergiftung ums Leben kamen, leider gibt es dazu kaum Informationen.

Am 23. November wird Max van Beveren in Holzkirchen auf Einladung der vhs einen Vortrag halten. „Erinnerung Ehrung Leugnung, Kontinuitäten rechter Traditionspflege in Oberbayern“ von Max van Beveren, Books on Demand, Norderstedt, 2020.

Weitere Informationen: rechtesoberbayern.blogspot.com.

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