Trügerische Idylle – Schriftsteller und Künstler am Tegernsee

Eröffnung der Ausstellung "Trügerische Idylle"

Ulrike Leutheusser (Gulbransson Gesellschaft e.V., am Rednerpult), Dr. Elisabeth Tworek (Monacensia im Hildebrandhaus, 1. Reihe sitzend), Dr. Andrea Bambi (Bayerische Staatsgemäldesammlungen, im Hintergrund, stehend) und Thomas Birnstiel (Schauspieler, 1. Reihe rechts). Foto: Katja Klee

Ausstellung im Olaf Gulbransson Museum Tegernsee

Die interdisziplinär angelegte, von Elisabeth Tworek kuratierte Ausstellung „Trügerische Idylle. Schriftsteller und Künstler am Tegernsee 1900 bis 1945“ geht dem reichhaltigen kulturellen Leben im Tegernseer Tal zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach. Es wird gezeigt, wie politische Umbrüche Leben und Arbeit der Künstler und Persönlichkeiten veränderten.

Viele Künstler, Literaten und Gelehrte zog es um 1900 ins Tegernseer Tal. Sie genossen die einzigartige Landschaft des Sees vor der beeindruckenden Bergkulisse und waren verzaubert von der Ursprünglichkeit der Natur und dem einheimischen Menschenschlag. Dabei nahmen die Sommerfrischler und Naturliebhaber auch die lange und beschwerliche Anfahrt in Kauf. 15 Stunden dauerte die Fahrt mit der Kutsche über Stock und Stein von der Münchner Innenstadt in die Idylle des Tegernseer Tals, ehe ab 1857 die Bahnlinie von München ins Oberland gebaut wurde. Ab 1902 fuhr der Zug bis nach Tegernsee.

Das Who is who? der deutschen Kulturschaffenden am Tegernsee

Die Liste der Sommergäste, die in die Fremdenlisten der Talgemeinden um den Tegernsee eingetragen waren, liest sich wie ein „Who is who?“ der deutschen (Künstler-)Persönlichkeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Die Familie Mann aus Lübeck stieg seit 1883 immer wieder in Wildbad Kreuth ab, ebenso die Familie des Münchner Mathematikprofessors Alfred Pringsheim. Deren Tochter Katja Pringsheim und Thomas Mann wurden später ein Paar.

Ausstellungsvitrine „Familie Thomas Mann am Tegernsee“
Ausstellungsvitrine „Familie Thomas Mann am Tegernsee“, Foto: Katja Klee

Eine ganze Reihe von Künstlern ließ sich am Tegernsee dauerhaft nieder. Das Ehepaar Elisabeth und August Macke lebte ein Jahr lang, 1909/1910, am Tegernsee, mehrmals kamen Künstlerfreunde wie Franz Marc zu ihnen zu Besuch. Der berühmte Tenor Leo Slezak, der weltweit auf allen großen Bühnen gesungen hatte, wurde im Tegernseer Malerwinkel sesshaft. Er kaufte 1910 ein 200 Jahre altes Bauernhaus, sein geliebtes „Blumenhäusl“. Die Einheimischen verstanden ihn nicht, wie Elisabeth Tworek in ihrer Einführungsrede erzählte: „Wann einer a Geld hat und ist recht dumm, dann kauft er ein altes Haus und baut es um“, soll der Hausverkäufer über Slezak gesagt haben.

Ludwig Thoma auf der Tuften

Ludwig Thoma, der sich oft beim Sixbauern in Finsterwald einquartierte, holte ab 1902 regelmäßig die Mitarbeiter der Satirezeitschrift „Simplicissimus“ ins Tal, wie Olaf Gulbransson, Bruno Paul, Eduard Thöny oder Korfiz Holm. Auch Erich Mühsam, Schriftsteller und radikaler Anarchist, war mehrmals bei Thoma zu Besuch – als er noch regelmäßig für den Simplicissimus schrieb. Innige Freundschaften verbanden Thoma mit Ludwig Ganghofer, dem Kiem Pauli und Herzog Ludwig Wilhelm in Bayern. Mit seinem Künstlerfreund Igantius Taschner plante der erfolgreiche Schriftsteller sein Haus auf der Tuften.

Brief Ludwig Thomas an Ignatius Taschner vom November 1906 mit einer Lageskizze des geplanten Thoma-Hauses auf der Tuften. Foto:Klee
Brief Ludwig Thomas an Ignatius Taschner vom November 1906 mit einer Lageskizze des geplanten Thoma-Hauses auf der Tuften. Foto: Katja Klee

1908 zog Thoma dort mit seiner anmutigen philippinischen Frau Marietta di Rigardo, die er dem Berliner Kabarettchef Georg David Schulz ausgespannt hatte und „Marion“ nannte, ein. Die Ehe ging nach vier Jahren in die Brüche. Auch die Beziehung mit Maidi von Liebermann, die aus einer wohlhabenden jüdischen Unternehmerfamilie stammte, war schwierig. Maidi von Liebermann weigerte sich, auf die Tuften zu Thoma zu ziehen und sie kam auch mit den radikalen politischen Ansichten ihres Partners nicht zurecht.

Thoma, der sich bereits im Ersten Weltkrieg politisch radikalisiert hatte und zu einem scharfen Antidemokraten und Antisemiten entwickelte, wurde zunehmend verbittert und destruktiv. Die rund 170 antisemitischen Hetzartikel, die er ab 1920 im Miesbacher Merkur unter Pseudonym veröffentlichte, zeigen Abgründe eines Menschen, der auf der einen Seite das idyllische Leben auf dem friedlichen Land pflegt. Auf der anderen Seite wirft er Werte und humanitäre Grundregeln über Bord und entwickelt blinden Hass gegen Juden, Demokraten, Republikaner.

Austellungsvitrine „Ludwig Thoma auf der Tuften“ Foto: Klee
Austellungsvitrine „Ludwig Thoma auf der Tuften“ Foto: Katja Klee

Künstler in der Epoche des Umbruchs

Dieser Entwicklung, den Widersprüchen und Kontinuitäten im Leben der Künstler und Persönlichkeiten vor dem Hintergrund der großen Umbrüche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geht die Ausstellung auf den Grund. Sie greift damit das Thema der 2014 im Jüdischen Museum in München gezeigten Ausstellung „Kultur am Abgrund. Jüdisches Leben am Tegernsee 1900 bis 1933“ auf und bringt es an den Ort des Geschehens, nach Tegernsee, zurück.

Die enge Kooperation von Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Monacensia im Hildebrandhaus und Olaf Gulbransson Gesellschaft hat eine sehenswerte und nachdenklich stimmende Schau ermöglicht. Zahlreiche Exponate, Briefe, Fotos aus einschlägigen Sammlungen und Archiven sowie aus Privatbesitz sind erstmals zu sehen und werden überaus sorgfältig präsentiert.

1933 wird „alles politisch“

Wie groß die Fallhöhe von der inbrünstig verehrten Idylle des Tegernseer Tals um 1900 zur Realität im Nationalsozialismus ab 1933 war, führten bei der Ausstellungseröffnung die von Thomas Birnstiel einfühlsam gelesenen Zitate der Künstler, Literaten und Tegernsee-Liebhaber vor. Unter anderem kamen August Macke, Julia Mann, Thomas Mann, Leo Slezak und Ludwig Thoma zu Wort.

In die Eröffnungsrede von Elisabeth Tworek waren Zitate aus Erinnerungen, Briefen und Tagebüchern der Tegernsee-Begeisterten eingestreut, die Thomas Birnstiel las. Foto: Katja Klee
In die Eröffnungsrede von Elisabeth Tworek waren Zitate aus Erinnerungen, Briefen und Tagebüchern der Tegernsee-Begeisterten eingestreut, die Thomas Birnstiel las. Foto: Klee

Ab 1933 wurde „alles politisch“, so Ulrike Leutheusser in ihrer Begrüßungsrede. Bitter berichtet der Dramaturg Albrecht Joseph über seine Abreise aus Tegernsee am 1. Mai 1933: „Unser Haus, Tegernsee, ganz Deutschland waren verloren, so als hätte ein Katastrophe, ein Erdbeben oder eine Flutwelle, sie ausgelöscht. Was half es, zurückzuschauen und sich zu grämen?“ Die in Egern geborene Grete Weil, eine Jüdin, emigrierte 1935 nach Amsterdam und tauchte 1943 unter, als die Deportation der letzten noch in Holland verbliebenen Juden drohte. Nach Kriegsende konnte sie zwar an den Tegernsee zurückkehren, aber es gelang ihr nicht mehr, dort Fuß zu fassen. Der 1920 aus München nach Wolfsgrub bei Rottach umgesiedelte Arzt und Bühnenautor Max Mohr emigrierte 1934 nach Shanghai. Er verstarb dort 1937, ehe seine Frau und seine Tochter nachkommen konnten.

Nüchterner, dokumentarischer Blick statt Schwarz-weiß-Sicht

Olaf Gulbransson dagegen, der durch Ludwig Thoma an den Tegernsee kam und 1929 auf dem „Schererhof“ sesshaft wurde, war auch in der NS-Zeit ein gefragter und hoch dekorierter Künstler. Einfache Urteile über den begnadeten Künstler sind aber fehl am Platz: Andrea Bambi, die das Ausstellungsprojekt mitinitiiert und begleitet hat, wirbt klar für einen „nüchternen dokumentierenden Blick“ auf die vielschichtige Persönlichkeit Olaf Gulbransson. Statt einer simplifizierenden Schwarz-weiß-Sicht sei es wichtig und erkenntnisleitend, offen für die Wahrnehmung von Schattierungen zu sein. Die Ausstellung leistet dazu einen wichtigen Beitrag.

Lesen Sie auch unseren Artikel zur vorigen Ausstellung im Olaf Gulbransson Museum: „Da bin ich“ mit Kinderbuchillustrationen.

Die Ausstellung im Olaf Gulbransson Museum, Tegernsee, ist bis zum 17.9.2017 zu sehen. Nähere Informationen zur Ausstellung und dem Begleitprogramm auf der Webseite des Museums.
Zur Ausstellung erschien der Begleitband: Elisabeth Tworek (Hg.): Trügerische Idylle. Schriftsteller und Künstler am Tegernsee 1900-1945, Allitera Verlag Reihe Edition Monacensia 2017, 208 Seiten, € 19,90.

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