„Der Staatshämorrhoidarius“ von Franz Graf von Pocci

Franz von Pocci-Werkausbgabe Band 1: Der Staatshämorrhoidarius - Ausschnitt Cover

Franz von Pocci-Werkausbgabe Band 1: Der Staatshämorrhoidarius – Ausschnitt Cover

Vortrag in Tegernsee

Wer kennt sie nicht – Karikaturen und Spottverse über den deutschen Beamten? Franz von Pocci, künstlerisches Multitalent und Hofbeamter unter drei bayerischen Königen, hat im 19. Jahrhundert ein ganzes Buch, den „Staatshämorrhoidarius“, darüber verfasst.

Der Stadtdirektor und Leiter des Stadtarchivs München Dr. Michael Stephan stellte die damals populäre, heute fast vergessene Satire kürzlich im Olaf Gulbransson Museum in Tegernsee vor. Mit Stephan habe man einen ähnlich umtriebigen Menschen zu Gast, wie es Franz von Pocci (1807-1876), gewesen sei, so Ulrike Leutheusser, Vorstandsmitglied der Olaf Gulbransson Gesellschaft, bei der Vorstellung des Referenten: Stephan habe eine beeindruckende berufliche Karriere vorzuweisen und ist außerdem noch mit einer Fülle von ehrenamtlichen Tätigkeiten sowie als Redaktionsmitglied und Herausgeber von Zeitschriften und Buchreihen betraut. 2007 legte er mit der kommentierten Faksimile-Ausgabe des „Staatshämorrhoidarius“ Band I der Werkausgabe von Franz von Pocci im Allitera Verlag vor.

Ulrike Leutheusser und Dr. Michael Stephan im Gulbransson-Museum. Foto: Klee
Ulrike Leutheusser und Dr. Michael Stephan im Gulbransson-Museum. Foto: Klee

Franz von Pocci (1807-1876) ist heute ebenso wie der allergrößte Teil seines umfassenden künstlerischen Werkes kaum mehr bekannt. Dabei ist seine Biografie bewegt und spannend: Sein zeichnerisches Talent trat schon als Kind hervor. Dennoch beugte er sich dem Wunsch des Vaters und studierte Rechtskunde. 1830 trat er als Zeremonienmeister in den Dienst König Ludwigs I., unter König Maximilian II. wurde er 1847 Hofmusikintendant, Ludwig II. machte ihn 1864 zum Hofkämmerer.

Dichter, Karikaturist, Komponist und königlicher Hofbeamter

Neben seiner Hoflaufbahn legte Pocci eine beispiellose Künstlerkarriere an den Tag: Er verfasste hunderte Musikstücke, Gedichte, Kinder- und Jugendbücher, schuf unzählige Zeichnungen, Aquarelle und Illustrationen. Seine zahlreichen Bühnenwerke für das Münchner Marionettentheater von Papa Schmid mit der Figur des Kasperl Larifari machten ihn schon zu Lebzeiten berühmt. Sie trugen ihm auch den Spitznamen „Kasperlgraf“ ein. Mit seinen Karikaturen, in denen er Menschen und Verhältnisse in der Biedermeierzeit überzeichnete, traf er den Nerv seiner Zeit.

Auch mit dem „Staatshämorrhoidarius“, einer Bildergeschichte über den deutschen Beamten, die in den Jahren 1845-1863 in loser Folge in den „Fliegenden Blättern“ erschien, erlangte Pocci große Popularität. Was bei uns zu Verrenkungen von Zunge und Lippen führt, war Ende des 19. Jahrhunderts durchaus gebräuchlich: „Staatshämorrhoidarius“ wurde zum geflügelten Wort.

Die „Fliegenden Blätter“

Die „Fliegenden Blätter“ waren die erste deutsche Satirezeitschrift überhaupt. Sie erschienen im Münchner Verlag Braun & Schneider und zu ihren Mitarbeitern gehörten namhafte Münchner Künstler wie Carl Spitzweg, Hermann Dyck oder Wilhelm Busch. Auch Pocci war von Anfang an dabei und wirkte insgesamt bei 29 Ausgaben mit. Die achtseitige Zeitschrift erschien schon nach kurzer Zeit regelmäßig zwei- bis dreimal monatlich, ab Nummer 50 wöchentlich. Sie entwickelte sich schnell zum Verkaufsschlager. In den 1890er-Jahren wurde eine Auflage von 95 000 Exemplaren gedruckt. Die Leser schätzten die künstlerisch hochwertigen Druckwerke, die durch ein spezielles Holzstichverfahren entstanden. Diese Drucktechnik erlaubte außerdem den Nachdruck in anderen Zusammenstellungen und als Buch. Bereits 1857 brachte der Verlag Poccis „Staatshämorrhoidarius“ als Buch heraus, obwohl die Serie noch nicht abgeschlossen war.

Titelei der „Fliegenden Blätter“, Nr. 1 vom 7. November 1844. Franz von Pocci

Die erste Folge des „Staatshämorrhoidarius“ erschien in der 8. Ausgabe der „Fliegenden Blätter“. Dargestellt sind Kindheit und beruflicher Werdegang des Protagonisten bis zur ersten Anstellung als „Staatsdiener“. Auch der Tatort des Staatshämorrhoidarius, die Amtsstube, wird in Bild und Wort beschrieben: Im Zentrum steht der „Actentisch“ – „das eigentliche Paradies, der Himmel des „Staatshämorrhoidarius“.

„Der Staatshämorrhoidarius“

Doch schon ziehen dunkle Wolken auf: Der Staatshämorrhoidarius spürt „Unterleibsbeschwerden, die sich zu bedenklichen Anschoppungen im kleinen Gedärm entwickeln“. Ein Arzt wird zu Rate gezogen, er schickt den braven Staatshämorrhoidarius in den Krankenstand – doch der ist voll der „Begierde nach Erfüllung der Berufspflicht“ und kann auch im heilenden Bade nicht von den „Gesetzblättern mit ihren ergänzenden legislativen Paragraphen“ lassen.

Der Staatshämorrhoidarius nimmt ein Bad.
Der Staatshämorrhoidarius nimmt ein Bad.. Foto: Name

Bei seiner Rückkehr aus dem Krankenstand findet „der Heimkehrende“ Aktenberge, die er pflichtbewusst und stoisch abarbeitet – bis ihn die nächste Attacke auf die Gesundheit befällt. Krankheiten, Beschwerden und immer wieder Bilder von Aktenbergen ziehen sich durch viele weitere Folgen des „Staatshämorrhoidarius“. Doch es bleibt nicht allein bei der Beamtensatire. Auch politische Themen wie Zensur und Pressefreiheit werden aufgegriffen und satirisch bearbeitet – nicht ohne Selbstironie, wie der folgende Fall zeigt: In einer Amtsstube verhandeln Beamte über das Verbot der „Fliegenden Blätter“, weil die Zeitschrift den „ehrenwerten Stand der königlichen Staatsdiener“ ins Lächerliche ziehe. „Wie ist es möglich, dass die Censur so etwas hat passiren lassen können?!“

Der „Staatshämorrhoidarius“ kehrt ins Büro zurück und ist umzingelt von Akten. - Franz von Pocci, Zeichnung
Der „Staatshämorrhoidarius“ kehrt ins Büro zurück und ist umzingelt von Akten.. Foto: Name

Tatsächlich lagen die Redakteure der „Fliegenden Blätter“ hin und wieder im Clinch mit den repressiven Behörden und der „Preßpolizei“, die die reaktionären politischen Strömungen in Bayern nach 1849 stützten. Im Herbst 1857 kam es sogar zu Beschlagnahmungen. Die Redakteure reagierten mit einer Protestnummer der Zeitschrift. Auf der wunderbar gezeichneten Titelseite wurde bekannt gegeben, dass die Herausgeber der Zeitung in die – damals reformorientierte – Türkei auswandern würden. Auch Poccis Staatshämorrhoidarius meldete sich zu Wort: Er kündigte an, ebenfalls in die Türkei auszureisen und „vorläufig seinen Staatsdienerhut mit dem Turban“ zu tauschen. Das wäre heutzutage leider keine Alternative!

Auf der Titelseite der Protestnummer der „Fliegenden Blätter“ von 1856 wurden alle Personen mit dem orientalischen Turban versehen. Franz von Pocci Auf der Titelseite der Protestnummer der „Fliegenden Blätter“ von 1856 wurden alle Personen mit dem orientalischen Turban versehen.. Foto: Name

Mehr über den vielseitigen Künstler Franz von Pocci und die Franz Graf von Pocci-Gesellschaft erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe der KulturBegegnungen, Nr. 28, S. 14. – hier gelangen Sie zum PDF.

Franz von Pocci: Der Staatshämorhoidarius. Faksimile-Nachdruck der Ausgabe von 1857, hrsg. von Michael Stephan, 2. Aufl. München Allitera Verlag 2009 (= Franz von Pocci. Schriftsteller, Zeichner, Komponist, Werkausgabe, Band I), Preis 14,90 €, ISBN 978-3-86520-402-8

Weitere Artikel zum Olaf Gulbransson Museum Tegernsee:

 

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