Fesselndes Theaterexperiment nach Peter Handke

„Autodiffamazione/Selbstbezichtigung“: Lea Barletti und Werner Waas . Foto: Manuela Giusto

Experimentelles Theater in Moosach/Ebersberg

Zwei Menschen betreten die Bühne. Mann und Frau. Adam und Eva. Ich und du. Die zwei Menschen sind nackt. Sie sind verletzlich und schutzlos und stark zugleich. Sie stellen sich zur Schau. Liefern sich den Blicken des Publikums aus. Erwidern die Blicke des Publikums. Blicken jedem Einzelnen ruhig in die Augen. Sie stellen eine Verbindung her, die tief ist, denn der Blick der nackten Menschen ist eindringlich. Sie Schweigen, blicken, schweigen. Bis alle im Boot sind. So beginnt das Stück „Autodiffamazione/Selbstbezichtigung“ nach dem Sprechstück Peter Handkes im Meta Theater in Moosach. Frau und Mann, das sind die italienische Schauspielerin Lea Barletti und der deutsche Schauspieler Werner Waas.

Die „Selbstbezichtigung“ der beiden Menschen, die ihre Nacktheit abstreifen, in Kleid und Anzug steigen, ist eindringlich und exemplarisch. Ich und du sind gemeint, das ganze Publikum, der Mensch an sich. Es ist ein stilles Einverständnis zwischen den Schauspielern und den Zuschauenden, ein stummes Mit-Bekenntnis.

Ich bin geworden. Ich bin zur Welt gekommen.

Handkes Text beginnt mit dem Geboren werden, dem Wahrnehmen, Sprechen, dem Können. Mit der Geburt ist da auch das Erbe der Sünde, genauso wie die Regeln, Gesetze der Gemeinschaft, Grundsätze und Pflichten. „Ich bin“, beginnen die Sätze, und es sind präzise Wortketten, die er geformt hat. Präzise wie die Normen der Gesellschaft. Ich bin… schulpflichtig, wehrpflichtig, beweispflichtig, aussagepflichtig, zahlungspflichtig, schuldpflichtig, steuerpflichtig… geworden. Handke hat nichts ausgelassen. Es gibt quasi keine Lücken in der Beweispflicht der menschlichen Existenz. „Ich bin geworden. Ich habe sollen.“ Der Rahmen, in denen sich der Mensch bewegen soll, ist eng gesteckt.

Ich bin auf Wegen gegangen, auf denen ziellos zu gehen verboten war.

Aus dem Kind, dass die Regeln lernt, wird ein Erwachsener, der sie bricht. Die Verdichtung steigert sich durch immer länger werdende Satzketten, Verschachtelung der Gedanken. „Ich habe von Gegenständen nicht genügend Abstand gehalten, von denen genügend Abstand zu halten geboten war. Ich habe mir eingeredet, dass es kein höchstes Wesen gibt, um das höchste Wesen nicht fürchten zu müssen.“ Das Banale, zum Beispiel Haarwasser vor Gebrauch nicht geschüttelt zu haben, wird ebenso wenig in der Selbstanklage vergessen, wie die ganz große Schuld.

Lea Barletti und Werner Waas erzeugen eine eindringliche Dichte zum Publikum. Schaffen, dass jeder sich identifiziert, als stünde er selbst dort. Nicht zuletzt, weil die Sätze, die gesprochen werden, auf sonderbare Weise vertraut wirken. So, als habe man sie selbst schon gedacht und gesprochen.

Klangfarben der Zweisprachigkeit

Sie ist sanft, er zornig, sie ungeduldig, er gelassen. Sie sprechen in ihrer jeweiligen Muttersprache, die Übersetzung erscheint auf dem schwarzen Bühnenvorhang hinter ihnen. Die Zweisprachigkeit ermöglicht es, über die Grenzen der Muttersprache hinaus zu gehen. Die unterschiedlichen Klangfarben umfließen und ergänzen sich. Die Leistung der Schauspieler ist enorm. Es ist kein Text, der sich an einer Handlung entlang hangelt und dadurch einfach zu memorieren ist. Begleitet wird das Schauspielerpaar mit Musik von Harald Wissler.

Das Stück wirkt in seiner Intensität auch noch nach der großartigen Aufführung weiter. “Ich bin nicht, was ich gewesen bin. Ich bin nicht gewesen, wie ich hätte sein sollen. Ich bin nicht geworden, was ich hätte werden sollen…“ Die Wortketten lassen sich endlos weiterformen. Das ist beängstigend und die Wahrheit trifft mit voller Wucht. Aber Handkes Stück ist auch ein großartiges Werkzeug und rüttelt auf. Es ist ja nicht zu spät, und besser, die Erkenntnis rüttelt uns heute anstatt auf dem Sterbebett.

Informationen über weitere Veranstaltungen im Meta Theater Moosach/Landkreis Ebersberg finden Sie hier: www.meta-theater.com

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