Ludwig Thoma und Ignatius Taschner – eine literarische Collage

Ludwig Thoma Briefwechsel - Dr. Norbert Göttler und Marc Tügel

Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler und Journalist Marc Tügel (v.l.). Foto: IW

Lesung in Tegernsee

Eine bayerische Männerfreundschaft verband Schriftsteller Ludwig Thoma und Jugendstilkünstler Igantius Taschner über zehn Jahre lang. Was mit dem Tod Taschners ein Ende fand, besteht in den Briefen fort. Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler hat den Briefwechsel in einer literarischen Collage aufgearbeitet und gemeinsam mit Marc Tügel gelesen.

So unterschiedlich Thoma und Taschner waren – die Freundschaft hat es nicht beeinträchtigt, sondern beflügelt. Was zunächst 1903 aus künstlerischer Ehrfurcht und eher als geschäftliche Beziehung begann, entwickelte sich schnell zu einer tiefen Freundschaft und Verbundenheit. Das war umso erstaunlicher, weil Ludwig Thoma ein zerrissener Mensch in seinen Beziehungen und Freundschaften war, erinnerte Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler. Daher sei die Freundschaft mit Taschner umso wertvoller gewesen. Dass der Ludwig Thoma Briefwechsel mit Ignatius Tascher erhalten ist und derart anschaulich aufgearbeitet wurde, ermöglicht uns gänzlich neue Facetten der beiden Künstler.

Ludwig Thoma Briefwechsel zum Abschluß des Thoma-Jahres

Die Lesung im Museum Tegernseer Tal setzte einen bemerkenswerten Schlusspunkt hinter das vergangene Ludwig-Thoma-Jahr. Dafür sorgte auch das Trio Höß-Halmbacher mit stimmungsvollen Stücken aus der Zeit Ludwig Thomas und Ignatius Taschners.

Ludwig Thoma Briefwechsel mit Ignatius Tascher - Musik Trio Höß-Halmbacher
Trio Höß-Halmbacher: Franz Halbacher, Lenz Höß, Franz Höß (v.l.). Foto: IW

Der Briefwechsel brachte manch Licht in das spärlich erleuchtete Privatleben Ludwig Thomas. Dass Thoma seinen Brieffreund immer wieder mit „Lieber Nazi“ anredete, verwundert nur aus heutiger Sicht. Im Jahr 1903 ist es allerdings lediglich die freundschaftliche Abkürzung des Ignatius. Ludwig Thoma hat längst seine satirische Feder geschliffen und ist daher zwischenzeitlich als Schriftsteller weit angesehener, als er es jemals als Jurist war. Weit über einhundert Briefe und Postkarten Thomas an Taschner sind erhalten, umgekehrt sind es nur etwa dreißig. „Wir mussten an manchen Stellen etwas ummontieren“, erläuterte Norbert Göttler, „nach dem Motto: so hätte es sein können.“ Die Stellen aus den Briefen seien aber natürlich alle echt.

Unterschiedliche Temperamente inspirieren sich gegenseitig

Der Briefwechsel charakterisiert beide geniale Künstler auf authentische Art in ihrer Unterschiedlichkeit. Der Schriftsteller frotzelt mit satirischer Ader über Gott und die Welt, während der Maler oft knapp und lapidar kontrapunktiert. Thoma, ein großer Freund der Jagd, möchte den kränkelnden Taschner wortreich mit dem Jagdfieber anstecken, vergebens. Auch in ihren Reiseverhalten unterscheiden sich beide Männer. Als Taschner nach Florenz reist, gibt ihm Thoma süffisant-erotische Ratschläge zu den „Weibern“ mit. Hingegen Taschner und seine Ehefrau Helene geben sich alle Mühe, Thomas wechselhaftes Temperament hin und wieder zu besänftigen, ihn zu trösten und aufzumuntern.

Literarische Collage - Ludwig Thoma Briefwechsel - Dr. Norbert Göttler und Marc Tügel

Literarische Collage – Briefwechsel Ludwig Thoma: Dr. Norbert Göttler und Marc Tügel (v.l.). Foto: IW

Norbert Göttler und Marc Tügel in den Rollen Ludwig Thomas und Ignatius Taschners hauchten den Charakteren Licht und Leben ein, so plastisch, dass man meinte, nicht Geschriebenes aus einem Briefwechsel zu hören, sondern Fotos, Bilder, fein gezeichnete Gesellschaftskarikaturen zu betrachten. Der collagenhaft zusammengefasste Briefwechsel gibt Einblicke in beider künstlerischer Zusammenarbeit in vielen Bereichen, so auch zum Hausbau Taschners im Dachauer Land und dem Thoma-Anwesen auf der Tuften. Ludwig Thomas satirisch gespickte Briefe aus dem Gefängnis lassen ebenso an seinem Privatleben teilhaben wie die Passagen über Liebe und Eheglück. Oft hat der überarbeitete Jugendstilkünstler Taschner wiederum keinen Kopf und keine Zeit, Thomas Briefe zu beantworten, das übernimmt dann Ehefau Helene.

„Auf deinen langen Brief bilde ich mir was ein…“

Die Brieffreundschaft wird bei aller Unterschiedlichkeit von hoher gegenseitiger Achtung getragen. Nur 42-jährig stirbt Ignatius Taschner infolge von Erschöpfung. Im Nachruf seines Freundes Ludwig Thoma heißt es „Wer das Glück hatte, ihn kennenzulernen, der musste ihn immer mehr verehren und zugleich lieben.“

Im Zusammenspiel von Norbert Göttler und Marc Tügel mit dem Trio Höß-Halmbacher haben die Besucher des literarischen Abends Ihren Ludwig Thoma schließlich in neuen und vor allem sehr privaten Facetten kennengelernt.

Der literarisch-musikalische Abend war eine Benefizveranstaltung, die der umfangreichen Arbeit von KulturVision zugutekommt. Wir danken allen Mitwirkenden und den Gästen für Ihre großzügige Anerkennung und Wertschätzung unserer landkreisweiten Kulturarbeit mit einem herzlichen Vergelt’s Gott!

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