Reitmayer Fotografien: Leben im Tegernseer Tal vor 100 Jahren

Fideles vereinsleben in Tegernsee - Fotografie Joseph Reitmayer

Foto in Originalgröße – auf der Glasplatte ist der Bildausschnitt eingeritzt. Repro: IW

Fotoausstellung in Tegernsee


Das Museum Tegernseer Tal zeigt eine Sonderausstellung mit Fotografien von Joseph Reitmayer, „Herzoglich bairischer und herzoglich anhaltischer Hoffotograf“. Besucher der umfassenden Sammlung staunen über Brauchtum, Tradition und Sport: Auf dem See wurde Wasserski gefahren, sogar Eissegeln war „In“.

Manches würde bald in Vergessenheit geraten sein. Doch glücklicherweise hat das Ehepaar Ludwig und Ursula Klitzsch, Inhaber der Klinik am Alpenpark, die umfassende Reitmayer-Sammlung vollständig erworben und sie konservieren, inventarisieren und digitalisieren lassen. Sie bringt Erstaunliches zutage – aus dem Leben rund um den Tegernsee vor etwa 100 Jahren.

Gesellschaftliches, landschaftliches und städtebauliches Bild des Tegernseer Tals

Der in München geborene Fotograf Joseph Reitmayer heiratete 1885 die Tegernseer Metzgerstochter Maria Müller. Bald darauf eröffnete er ein Atelier in der Hauptstraße, im Gebäude des jetzigen Ristorante Da Francesco. Wer sich fotografieren ließ, tat das damals vielleicht ein-, zweimal im Leben. Dementsprechender Aufwand wurde mit Kleidung, Pose und Kulisse betrieben. Das Museum Tegernseer Tal hat sich beim Aufbau der Sonderausstellung von zweierlei Linien leiten lassen: Einerseits wird anhand der Fotografien ein umfassendes gesellschaftliches, landschaftliches und städtebauliches Bild gezeichnet. Andererseits wird die Arbeitsweise des Fotografen dokumentiert. Beides fasziniert gleichermaßen.

Tödliches Schiffsunglück

Aus über 7.200 erhaltenen Glasplatten des herzoglichen Hoffotografen und seiner Nachfolger aus den Jahren 1885 bis 1934 zeigt die Auswahl von etwa 100 Fotografien eine eindrucksvolle historische Schau. Mit nur 29 Jahren verunglückte Joseph Reitmayer bei einem Schiffsunglück auf dem Tegernsee tödlich. Seine Frau führte das Fotoatelier bis 1920 weiter, danach übernahm es der Münchener Fotograf Otto Rupflin.

amilienfotoalben – Leihgaben von Tegernseer Familien.
Familienfotoalben mit Reitmayer-Fotografien – Leihgaben Tegernseer Familien. Foto: IW

Gleich am Eingang der Ausstellung hängen vier Fotografien, die das Museum Tegernseer Tal selbst zeigen – in seinen alten Räumen im Salitererhof, wo es sich von 1912-1965 befand. Im ersten Raum zieht eine Aufnahme Joseph Reitmayers gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Töchtern Netti und Anni die Aufmerksamkeit auf sich. In Samt und Leder geschlagene imposante Familienfotoalben hüteten über Jahrzehnte die Familienschätze: Zahlreiche Tegernseer Familien stellten Ihre kostbaren Alben mit Original Reitmayer Fotografien als Leihgabe zur Verfügung. Sie legen ebenso ein Zeitzeugnis ab wie die Ausgabe des See-Geistes mit der Sterbeanzeige für den verunglückten Fotografen. Interessant sind zudem auch die Original-Glasplatten und Kameras.

Joseph Reitmayer: Fotos der Familie.
Fotos der Familie Reitmayer, Fotostudio an der Hauptstraße. Foto: IW

Im sprichwörtlichen Sinne von der Wiege bis zum Grab hat Joseph Reitmayer die Tegernseer, Gmunder und Kreuther begleitet. „Lebenslinien“ heißt ein Teil der Ausstellung. Andere Bereiche sind beispielsweise den Jahreszeiten, den einzelnen Ortschaften, der Herzoglichen Familie und dem Fremdenverkehr gewidmet. Schon damals ließen sich die Touristen gern in geliehenem Dirndl und Lederhosen fotografieren.

Ortsansichten damals und heute

Ein Teil der Ausstellung ist dem Reitmayerschen Atelier nachempfunden, samt Kleiderfundus am Garderobenständer, gemalter Seekulisse, Felsbrocken und Birkenholz-Geländer. Vor dieser Kulisse wurden die Schützen- und Sportvereine, Paare, Familien und Kinder fotografiert. Des weiteren ist ein Ausstellungsteil der Umgebung Tegernsees gewidmet. Die „Fotofreunde Tegernseer Tal“ fotografierten die gleichen Ortsansichten jetzt etwa einhundert Jahre später nochmals – ein spannender Vergleich zwischen damals und heute.

Überfahrer und Langläufer treffen sich auf dem zugefrorenen See.
Joseph Reitmayer: Überfahrer und Langläufer treffen sich auf dem zugefrorenen See. Repro: IW

Auch sportlich ging es schon immer lebendig zu im Tegernseer Tal. Im Winter wurde nicht nur Ski und Schlittschuh gefahren, sogar Skispringen und Eis-Segeln hat Reitmayer dokumentiert. Ein herrliches Bild: Der Überfahrer gleitet in seinem Boot in einer aus dem Eis geschnittenen Rinne an einem Langläufer vorbei. Dieser und viele andere Schätze sind zu bestaunen. Das Museum hat auf Retusche der Bilder verzichtet, deren gestochen scharfe Gesichter so zeitgenössisch aussehen, dass man Bekannte darin zu identifizieren versucht.

Blick in die Ausstellung.
Blick in die Ausstellung. Foto: IW

Eines ist klar – der Tegernsee war immer ein beliebter, traumhaft schöner Fleck auf der Landkarte. Daran haben einhundert Jahre nichts geändert. Die Fototechnik indes hat sich gewandelt, auch die Art und Weise, wie heute Fotos konsumiert werden. Umso beeindruckender ist diese Reise in die Vergangenheit.

Die Ausstellung „Das Tegernseer Tal in historischen Fotografien – aus dem Atelier des Hoffotografen Joseph Reitmayer“ ist noch bis zum 7. Oktober im Museum Tegernseer Tal in Tegernsee zu sehen. Weitere Infos finden Sie beispielsweise auf der Website.

Hier geht es zum Artikel über die erste Präsentation der Reitmayer-Fotografien in Bad Wiessee:

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