(Un)mögliche Versuchungen – Stoewer malt Mann

Heinz Stoewer vor seinem Bild „Grand hotel des Bains

Heinz Stoewer vor seinem Bild „Grand hotel des Bains“. Foto: Ines Wagner

„Was könnte er gedacht haben, wenn er sich getraut hätte?“ – Der Maler Heinz Stoewer betrachtet die homosexuelle Seite von Thomas Mann – und transferiert sie in den heutigen Kontext. Eine mutige Ausstellung in Bad Tölz.

Ausstellung im Stadtmuseum Bad Tölz

Als Museumsleiterin Elisabeth Hinterstocker für das Stadtmuseum in Bad Tölz das große Thomas-Mann-Jahr zu planen begann, wollte sie nicht nur dem Literaten und Nobelpreisträger huldigen, sondern alle seine Facetten beleuchten. Die Idee war, das Werk des großen Schriftstellers aus der Perspektive der heutigen, veränderten Situation zu betrachten.

Museumsleiterin Elisabeth Hinterstöcker. Foto: Ines Wagner
Museumsleiterin Elisabeth Hinterstocker. Foto: Ines Wagner

Dazu ging sie mutig ein Wagnis ein, von dem ihr einige abrieten: Auch die homosexuelle Seite Thomas Manns zu beleuchten, heute, wo wir über das Thema offen sprechen können. Damals in der Zeit des Ersten Weltkrieges, der Weimarer Republik und des Dritten Reiches galt Homosexualität als Verbrechen und wurde strafrechtlich verfolgt. Thomas Mann ging den unauffälligen Weg und entschied sich trotz starker homoerotischer Neigungen für eine Ehe mit Katja Pringsheim.

Heinz Stoewer „von Aschenbach“ – fiktive Hauptfigur in der Novelle „Der Tod in Venedig“
Heinz Stoewer „von Aschenbach“ – fiktive Hauptfigur in der Novelle „Der Tod in Venedig“. Repro: Ines Wagner

Mit welchen Augen könnte Thomas Mann die Welt gesehen haben? Elisabeth Hinterstocker brainstormte mit Heinz Stoewer in dessen Atelier und gemeinsam entwickelten sie die Idee zur Ausstellung, die am Samstag eröffnet wurde. Der Bad Tölzer Künstler entschied sich für die „was-wäre-gewesen-wenn“-Perspektive – die hypothetische Sicht Thomas Manns auf das gleiche Geschlecht. So zeigt er beispielsweise eine Stimmung am Grand hotel des Bains in Venedig, die Thomas Mann möglicherweise zu seiner Novelle „Tod in Venedig“ inspiriert haben könnte.

Heinz Stoewer, Installation „onehundret years of life and death“ (Ausschnitt)
Heinz Stoewer, Installation „onehundret years of life and death“ (Ausschnitt). Foto: Ines Wagner

Heinz Stoewer geht weit über den fiktiven historischen Kontext und die reine Malerei hinaus. Er stellt Fragen wie: „Hätte Thomas Mann das KZ überlebt?“. Und er weist darauf hin, dass 2017 noch immer in sieben Ländern dieser Welt die Todesstrafe für Homosexualität vollstreckt wird. Zugleich erinnert er an die große Aids-Welle.

Heinz Stoewer: „Guy in a yellow shirt“
Heinz Stoewer: „Guy in a yellow shirt“. Foto: Ines Wagner

Noch ein anderes Thema fokussiert er kritisch: Den Wahn zu makelloser Schönheit und Körperkult. Im zweiten Raum der Ausstellung hängen zahlreiche Bilder in der realistischen Präzision von Heinz Stoewers Pinselstrich – überlebensgroße Ausschnitte von Männern mit perfekten Körper, wohlgeformten Muskeln, in lasziven, lässigen Posen. Licht gleißt auf gespannten Bizepsen, Wassertropfen perlen von Haut und Haar. Es ist ein zur Schau stellen und Hinterfragen bedenklicher Tendenzen des heutigen Schönheits- und Perfektionswahns und thematisiert zugleich Klischees. Auch diese Bilder sollen Fragen aufwerfen.

Wohin führt uns der Körperkult?

Welchen Körperkult betreiben wir, was suggerieren die Medien, die Hochglanzmagazine? Was mache ich, wen ich nicht „perfekt“ bin? Eine Frage, die insbesondere unter den Jugendlichen heute zu Problemen bis hin zu psychischen Störungen führt. Sie macht aber auch vor den Erwachsenen nicht halt, vor Männern und Frauen, Heterosexuellen und Homosexuellen gleichermaßen.

Heinz Stoewer "the diver" im Stadtmuseum Bad Tölz
Heinz Stoewer „the diver“. Repro: Ines Wagner

Heinz Stoewers unvergleichlicher Umgang mit dem Pinsel beim Malen von Wasser beeindruckt jedes mal auf Neue. Überrealistisch, das Gleißen auf der Oberfläche, die Transparenz, die Bewegungen des nassen Elements, die sonnengebräunten Körper darin.

Elisabeth Hinterstocker ist froh, dass sich Heinz Stoewer „auf die Idee eingelassen“ hat. Dass sie richtig liegen mit der Ausstellung, beweisen auch die vielen Gäste, die zur Vernissage kamen. Eine noch größere Überraschung war die rege Anfrage der Medien. „So etwas verbindet man nicht unbedingt mit Bad Tölz“, war die Resonanz. An das Thema „Thomas Mann und Homosexualität“ hat sich im Rahmen einer Kunstausstellung bisher niemand heran gewagt.

Viel Lob für Mut

„Mutig für Bad Tölz!“ war das Lob vieler. Zum Glück hat sich die Museumsleiterin entgegen einiger Empfehlungen, es bleiben zu lassen, an das bisher immer „etwas ummäntelte Thema“ heran gewagt. „Ich hoffe, dass für Sie, wenn Sie heute hier herausgehen, das Thema „Homosexualität“ und das Thema „Homosexualität und Thomas Mann“ etwas normaler geworden ist“, beschließt sie ihre Einführungsrede zur Ausstellung.

Die Ausstellung „(Un)mögliche Versuchungen“ von Heinz Stoewer ist im Stadtmuseum Bad Tölz im Rahmen der umfangreichen Veranstaltungsreihe des Thomas-Mann-Jahres bis zum 3. Oktober 2017 zu sehen.

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