Die Chromosomen lassen grüßen – Die Couplet-AG im Waitzinger Keller

Couplet-AG

Die Rentner kommen! Bianca Bachmann und Jürgen Kirner, Foto: Veronika Reisig

Kabarett im Waitzinger Keller Miesbach

Drohung oder Verheißung? „Wir kommen!“ ist aktueller Titel und Programm des Münchner Quartetts.

Das Publikum hat die Couplet-AG gleich gefangen: mit einem pfeffrigen Marsch kommen die vier Künstler auf die Bühne, begleitet vom Klatschen im Saal und der obligatorischen Frage: Geht’s eich guat?
Warum das Programm im Untertitel „Die Rache der Chromosomen“ heißt? Die Klammer dieses Abends bildet die liebe Verwandtschaft, die gleich am Anfang und auch noch mal am Schluss besungen wird. Jeder ist verwandt und auf dieser Ebene ist man sich schnell einig: Familie nervt oft einfach nur total. Wie passend, dass Ilse Aigner leibhaftig im Publikum sitzt und der Ausruf „Tante Ilse kommt“ eher als Bedrohung denn als freudige Erwartung erscheint…

Klimakatastrophen in Miesbach und Umgebung

Hauptakteure bei der Couplet-AG sind Bianca Bachmann und Jürgen Kirner, die sich in ihren diversen Rollen die Bälle nur so zuwerfen: zum Beispiel als amerikanische Gospelprediger, die den „Godfather of Klima“ Donald Trump preisen und uns Miesbachern die Sorgen nehmen wollen, falls die Schlierach über die Ufer treten sollte oder Muren vom Stadlberg abgehen: Donald ist bei uns. Oder als derbe oberbayerische Bauern, die nicht von Kindern träumen – die Kosten-Nutzen-Rechnung geht hier nicht auf – sondern nur einen Wunsch haben, den sie singend äußern: „Lass uns am Abend müde sein“. So kommt man erst gar nicht auf den dummen Gedanken, die Familienplanung anzukurbeln…

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Die Bauern haben nur einen Wunsch. Bianca Bachmann und Jürgen Kirner. Foto: Veronika Reisig

In der nächsten Szene – nur unterbrochen von Gustl (Berni Filser) und Otto (Bernhard Gruber), die ihre Rollen als Pausenclowns mit den (leider) fast immer gleichen Kalauern und Sprüchen ausfüllen – geht es dann in die Medienwelt: Sohn Kevin ist im RTL-Diktatorcamp der Champion, worauf seine Eltern natürlich riesig stolz sind. Denn was hätte ihm schon Besseres passieren könne, mit einem IQ von 30?
Ihre Paraderolle haben Bachmann und Kirner aber als Wiener Proleten-Pärchen, das dem Bier sehr zugeneigt ist, gefunden. Als solche treten sie gleich zweimal auf, auch als letzte Nummer vor der Zugabe. Zwar sind ihre Sprüche im schönsten Wiener Schmäh witzig und auf dem Punkt („Heute ist mein Leberwurst-Tag. Heute ist mir meine Leber wurscht,“ oder „Du bist kein Mann für eine Nacht. Du schläfst ja schon nach zehn Minuten ein.“), bleiben aber doch ein wenig an der Oberfläche hängen.

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Bachmann und Kirner als Wiener Proletariat mit Accessoire, Foto: Veronika Reisig

Nach der Pause macht Bianca Bachmann einen durchaus gekonnten Ausflug in die Schlagerwelt, wenn sie „Elli, die Salmonelli“ besingt, die als eine von 100 Millionen überlebt – als Referenz zum aktuellen Hit „Eine von 80 Millionen.“ Das geht so ins Ohr, dass das Publikum im gut besuchten Saal nicht anders kann als mitzusingen. Politisch wird das Programm ansonsten nur selten, zum Beispiel mit Jürgen Kirner als Rentner, der auf der Suche nach Pfandflaschen Reminiszenzen an Franz Josef Strauß sendet, der ihm vor dem Mini-Jobber Markus Söder warnt – der sei der eigentliche Geist in der Flasche. Das muss man Jürgen Kirner lassen: Er wechselt nahezu in Sekundenschnelle von einer Rolle in die nächste, Dialekt-Umstellung inklusive. Von säuselnden Wienerisch über weiches Fränkisch bis hin zum Sächsischen spielt er die Klaviatur der Charaktere perfekt. So auch, als er als letzter Sozialdemokrat seinen Ortsverein zu Grabe trägt und sich am liebsten selbst in den Schlachthof einweisen lassen will.

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Der Geist, der aus der Flasche will, von links nach rechts: Bernhard Gruber, Berni Filser, Bianca Bachmann, Jürgen Kirner. Foto: Veronika Reisig

Das „AG“ im Namen

Das „AG“ in „Couplet-AG“ steht übrigens und selbstredend natürlich nicht für „Aktiengesellschaft“. Vielmehr bedeutet es „ArterhaltungsGesellschaft“. Gemeint ist die Tradition der Münchner Volkssänger und -dichter um Weiß Ferdl und Karl Valentin, die mit ihren Couplets – mehrstrophige, witzig-zweideutige satirische Lieder mit markantem Refrain – die Wirtshäuser und Bühnen ihrer Zeit bevölkerten. „Musikalische Kommentare zum Zeitgeschehen standen dort ungebrochen neben ungehemmter Belustigung. Die große Politik diente ebenso als Zielscheibe wie der kleinbürgerliche Alltag.“ – So steht es auf der Website der AG und diese Tradition gelte es laut Couplet-AG zu erhalten: Volksnahe Unterhaltung auf hohem künstlerischen Niveau. Etwas Ratlosigkeit bleibt nach diesem durchaus kurzweiligen Abend: Muss volksnah immer gleich derb sein, weil wir nur diese Art von Humor verstehen? Oder wird hier lediglich der Zeitgeist abgebildet, so wie er sich den vier Kabarettisten darstellt? Wer es selbst herausfinden will: Schon am Freitag tritt die Couplet-AG in Ottobrunn auf. Dann aber sicher ohne Ilse Aigner im Publikum.

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